Illumination.
Er war nur eine Stunde unterwegs im Dickicht des Waldes,
bevor er die Orientierung zu verlieren begann.
Wo ist diese Hoehle?
Verdammt noch mal --
meine Kollegen haben es mir doch ganz einfach erklaert.
Wenn ich diese Karte hier richtig deute...
Moment mal --
so herum oder doch lieber anders herum?
Was haben die mir dann nur da drauf gekritzelt?
Ich kann es nicht entziffern.
Der Regen setzte ein.
Regentropfen durchnaessten den Zettel.
Die Tinte -- bis zur Unkenntlichkeit.
Veraergert zerknuellte er das Papier.
Schmiss es auf den Boden.
Suchte Schutz unter dem naechsten Baum.
Walter.
So war sein Name.
Ein zerstreuter Philosophieprofessor.
Von seinen Kollegen auf eine Schnitzeljagd geschickt --
um sich auf eine Offenbarung gefasst zu machen.
Mehr wurde ihm nicht verraten.
Die Zerstreuung nahm mit dem Regen zu.
Haette ich vorher rechts abbiegen sollen?
Oder links?
Bin ich hier ueberhaupt richtig?
Erschoepft liess er sich auf den nassen Erdboden sinken.
Dann --
ein Geraeusch.
Ein leises, rhythmisches Quietschen.
Eine Rolle, die sich dreht.
Da ist doch jemand.
Das Geraeusch kroch durch den Wald.
Wie eine Stimme, die ihn sucht.
Walter stand auf.
Folgte dem Klang.
Schritt fuer Schritt.
Lauter.
Bestimmter.
Dann sah er es.
Das flackernde Licht einer Lampe.
Eine Lichtung.
Und darauf --
eine Gestalt.
Hager. Blaumann. Einen Schubkarren schiebend.
Den kenne ich doch.
Ist das nicht Gustav?
Keine Reaktion.
Er trat naeher.
Die Gestalt sah durch ihn hindurch.
Blasses Gesicht. Schweissperlen. Anstrengung.
Hallo?
Was machst du hier?
Nichts.
Er legte ihm die Hand auf die Schulter.
Die Schulter zuckte.
Streifte sie ab --
wie einen Fremdkoerper.
Und der Mann schob weiter.
Walter stand da.
Fassungslos.
Das war sein Kollege. Von der Uni.
Was geht hier vor sich?
Steine.
Einfache Steine.
Auf einem Haufen.
Was machte er da?
Dann kehrte der Mann um.
Zurueck in die Hoehle.
Draussen: die Lampe.
Drinnen:
nichts.
Reine Dunkelheit.
Sie schimmerten.
Nicht hell --
aber auf eine Art, die er nicht benennen konnte.
Unnatuerlich.
Beunruhigend.
Brauchst du kein Licht?
Ein leises Schulterzucken.
Nichts mehr.
Er hat mich wahrgenommen.
Endlich.
Walter folgte ihm in die Hoehle.
Nur ein paar Schritte --
dann stolperte er.
Fiel.
Schmerz.
Er rappelte sich hoch.
Fasste sich ans Knie.
Was ist hier los?
Wie kann er so einfach hier laufen?
Es erinnerte ihn an Platon.
Das Hoehlengleichnis.
Aber hier war nichts ausser Dunkelheit.
Er lehnte sich an die Wand.
Wartete.
Als der Mann wieder kam --
beruehrte Walter den Rand des Schubkarrens.
Lief mit.
Es funktionierte.
Tiefer hinein.
Die Luft wurde schwerer.
Stickiger.
Sein Atem zitterte.
Die Stirn nass.
Aber der Boden war eben.
Ich muss sehen.
Ich muss wissen.
Dann --
Konturen.
Die Steine.
Sie leuchteten.
Nicht hell --
aber genug.
Der Schubkarren stoppte.
Walter auch.
Der Mann ging an ihm vorbei.
Nahm Steine auf.
Kehrte um.
Dann --
eine offene Handflaeche.
Ein Stein.
Warm.
Walters Herz --
aber es war nicht der Stein, der ihn erschuetterte.
Es waren seine Augen.
Langsam --
ganz langsam --
nahm der Raum Gestalt an.
Konturen.
Kanten.
Die Hoehle entfaltete sich.
Lumi...
Er stockte.
...nation.
Der Mann vor dem Steinhaufen richtete sich auf.
Langsam.
Wie etwas, das nicht ganz menschlich war.
Ihre Blicke trafen sich.
Und die Gestalt --
zerstreute sich.
In alle Richtungen.
Verschwand.
Walter schrie.
Der Schrei verstummte in der Nacht.
Stille.
Dann --
bewegte er sich.
Mechanisch.
Zielgerichtet.
Er trat zum Steinhaufen.
Hob einen Stein auf.
Dann noch einen.
Die Erinnerung an den Mann verblasste.
Dann sein Name.
Wal...
Dann alles.
Keine Vergangenheit.
Kein Selbst.
Keine Frage.
Nur die Aufgabe.
Die Steine tragen.
Den Karren hinausbringen.
Entladen.
Das wusste er.
Und nichts mehr.
Im wahrsten Sinne des Wortes --
erleuchtet.
Der Kreis ist geschlossen.