r/Kurzgeschichten

Illumination.

Er war nur eine Stunde unterwegs im Dickicht des Waldes,

bevor er die Orientierung zu verlieren begann.

 

Wo ist diese Hoehle?

Verdammt noch mal --

meine Kollegen haben es mir doch ganz einfach erklaert.

 

Wenn ich diese Karte hier richtig deute...

Moment mal --

so herum oder doch lieber anders herum?

Was haben die mir dann nur da drauf gekritzelt?

Ich kann es nicht entziffern.

 

Der Regen setzte ein.

 

Regentropfen durchnaessten den Zettel.

Die Tinte -- bis zur Unkenntlichkeit.

 

Veraergert zerknuellte er das Papier.

Schmiss es auf den Boden.

Suchte Schutz unter dem naechsten Baum.

 

Walter.

So war sein Name.

Ein zerstreuter Philosophieprofessor.

Von seinen Kollegen auf eine Schnitzeljagd geschickt --

um sich auf eine Offenbarung gefasst zu machen.

Mehr wurde ihm nicht verraten.

 

Die Zerstreuung nahm mit dem Regen zu.

 

Haette ich vorher rechts abbiegen sollen?

Oder links?

Bin ich hier ueberhaupt richtig?

 

Erschoepft liess er sich auf den nassen Erdboden sinken.

 

Dann --

 

ein Geraeusch.

 

Ein leises, rhythmisches Quietschen.

Eine Rolle, die sich dreht.

 

Da ist doch jemand.

 

Das Geraeusch kroch durch den Wald.

Wie eine Stimme, die ihn sucht.

 

Walter stand auf.

Folgte dem Klang.

Schritt fuer Schritt.

Lauter.

Bestimmter.

 

Dann sah er es.

 

Das flackernde Licht einer Lampe.

Eine Lichtung.

Und darauf --

 

eine Gestalt.

 

Hager. Blaumann. Einen Schubkarren schiebend.

 

Den kenne ich doch.

Ist das nicht Gustav?

 

Keine Reaktion.

 

Er trat naeher.

Die Gestalt sah durch ihn hindurch.

Blasses Gesicht. Schweissperlen. Anstrengung.

 

Hallo?

Was machst du hier?

 

Nichts.

 

Er legte ihm die Hand auf die Schulter.

 

Die Schulter zuckte.

Streifte sie ab --

wie einen Fremdkoerper.

 

Und der Mann schob weiter.

 

Walter stand da.

Fassungslos.

 

Das war sein Kollege. Von der Uni.

Was geht hier vor sich?

 

Steine.

Einfache Steine.

Auf einem Haufen.

 

Was machte er da?

 

Dann kehrte der Mann um.

Zurueck in die Hoehle.

 

Draussen: die Lampe.

Drinnen:

nichts.

 

Reine Dunkelheit.

 

Sie schimmerten.

Nicht hell --

aber auf eine Art, die er nicht benennen konnte.

Unnatuerlich.

Beunruhigend.

 

Brauchst du kein Licht?

 

Ein leises Schulterzucken.

Nichts mehr.

 

Er hat mich wahrgenommen.

Endlich.

 

Walter folgte ihm in die Hoehle.

 

Nur ein paar Schritte --

 

dann stolperte er.

Fiel.

Schmerz.

 

Er rappelte sich hoch.

Fasste sich ans Knie.

 

Was ist hier los?

Wie kann er so einfach hier laufen?

 

Es erinnerte ihn an Platon.

Das Hoehlengleichnis.

Aber hier war nichts ausser Dunkelheit.

 

Er lehnte sich an die Wand.

Wartete.

 

Als der Mann wieder kam --

beruehrte Walter den Rand des Schubkarrens.

Lief mit.

 

Es funktionierte.

 

Tiefer hinein.

Die Luft wurde schwerer.

Stickiger.

Sein Atem zitterte.

Die Stirn nass.

 

Aber der Boden war eben.

 

Ich muss sehen.

Ich muss wissen.

 

Dann --

 

Konturen.

 

Die Steine.

Sie leuchteten.

Nicht hell --

aber genug.

 

Der Schubkarren stoppte.

 

Walter auch.

 

Der Mann ging an ihm vorbei.

Nahm Steine auf.

Kehrte um.

 

Dann --

 

eine offene Handflaeche.

 

Ein Stein.

 

Warm.

 

Walters Herz --

 

aber es war nicht der Stein, der ihn erschuetterte.

 

Es waren seine Augen.

 

Langsam --

ganz langsam --

nahm der Raum Gestalt an.

 

Konturen.

Kanten.

Die Hoehle entfaltete sich.

 

Lumi...

 

Er stockte.

 

...nation.

 

Der Mann vor dem Steinhaufen richtete sich auf.

Langsam.

Wie etwas, das nicht ganz menschlich war.

 

Ihre Blicke trafen sich.

 

Und die Gestalt --

 

zerstreute sich.

 

In alle Richtungen.

Verschwand.

 

Walter schrie.

 

Der Schrei verstummte in der Nacht.

 

Stille.

 

Dann --

 

bewegte er sich.

 

Mechanisch.

Zielgerichtet.

 

Er trat zum Steinhaufen.

Hob einen Stein auf.

Dann noch einen.

 

Die Erinnerung an den Mann verblasste.

 

Dann sein Name.

 

Wal...

 

Dann alles.

 

Keine Vergangenheit.

Kein Selbst.

Keine Frage.

 

Nur die Aufgabe.

 

Die Steine tragen.

Den Karren hinausbringen.

Entladen.

 

Das wusste er.

 

Und nichts mehr.

 

Im wahrsten Sinne des Wortes --

 

erleuchtet.

 

Der Kreis ist geschlossen.

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u/Ok_Beyond3369 — 14 days ago

Der Mann im 13. Stock

„Ich springe, ich werde es tun!“ oder „Es ist alles vorbei!“ So etwas hätte der Mann, der da im 13. Stock in der Nachmittagssonne stand, sagen können. Doch er stand nur still da.
Ich überlegte kurz. Wann hatte ich ihn das erste Mal gesehen? Ich glaube, es war Dienstag – oder doch Mittwoch? Quatsch! Mittwochs ging ich früher von der Arbeit, weil ich einen Termin beim Arzt hatte. Wozu, weiß ich gar nicht mehr. Ich glaube, es war irgendwas wegen Kopfschmerzen oder Schlafmangel. Verdammt, mein Gedächtnis!
Ich tippte bedeutungslose Symbole in einen bedeutungslosen Computer, und wie sich die Morgensonne über den Häuserkomplex schob und sich im Bildschirm dieses bedeutungslosen Computers spiegelte, so reflektierte sich auch die Gestalt des Mannes auf dem Dach.
Ich schaute ihn an, wie er da stand. Er sah aus wie ein recht normaler Mann. Er hatte normale Klamotten an, und sein Gesicht war vergessenswert normal. Ich schätzte seine Größe auf 1,81 Meter, aber wegen der Entfernung ließ sich das schwer sagen. Er bewegte sich nicht. Nicht vor und nicht zurück. Er sprang nicht, und er ging nicht wieder runter. Er stand da.
Ich fragte mich, was er wohl dachte. Vielleicht daran, wie er springt. Zumindest dachte ich daran. Er stand schon seit Wochen da oben, und jeden Tag aufs Neue konnte ich ihn durch meine bodentiefe Fensterfront sehen. Mittlerweile beachtete ich ihn nicht mehr so stark, aber ich sah trotzdem immer nach, ob er sich nicht doch bewegte.
Heute! Heute beschloss ich bei meinem rituellen Morgenkaffee – den ich auf jeden Fall brauchte, um es bis zum nächsten Kaffee nach dem Mittag zu schaffen –, dass ich zu dem Mann gehen würde.
In meiner Mittagspause ging ich also über die Straße, die wie immer voller war als sonst, und trat in das Gebäude ein. Die klimatisierte Luft strömte mir entgegen, und ich erkannte sofort, dass die Klimaanlage von einer anderen Marke war als unsere. Ich ging zum Fahrstuhl, der wie in unserem Gebäude nicht funktionstüchtig war. Ich brauchte ohnehin etwas Bewegung, also war der Gang durch das Treppenhaus auch nicht schlecht.
Als ich nach schier endlosen Stufen oben ankam, mit Schweißperlen auf der Stirn, hatte ich ein Gefühl im Bauch wie damals, wenn ich mit einer schlechten Note nach Hause kam. Mit schwitziger Handfläche drückte ich den Türgriff nach unten.

Das Erste, was ich erblicke, ist der grelle Schein der Sonne, der mich beinahe erblinden lässt.
Als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, schaue ich mich auf dem Dach um, aber an dem Fleck, an dem der Mann gestanden hat, ist er nicht. Genau genommen steht er auch nicht an einem anderen Fleck. Er ist verschwunden.
Ich blinzle verwundert und trete nach vorne an den Rand des Daches. Ich blicke auf die Straße, die so voll ist wie immer. Mein Blick schweift weiter über den Asphalt, bis ich beim Würstchenstand an der Kreuzung angelangt bin. Mein Blick gleitet nun wieder zurück, und bei den ganzen Menschen, die dort unten wie Ameisen über den Fußweg rennen, wird mir mit einem Mal ganz heiß.
Stünde ich jetzt nicht hier, wäre ich einer von ihnen. Immer strebend, immer jagend, doch ich stehe hier. Manchmal muss ich einfach die Perspektive wechseln, um mich selbst zu sehen. Mein Leben. Mein Wille. Alles steht in mir selbst gebündelt, im 13. Stock.
Ich wende mich zu meinem Bürogebäude mit der glänzenden Glasfront. Dort gehe ich zur Arbeit. Jeden Tag gehe ich dort zur Arbeit und lasse mich von meinen eigenen Entscheidungen quälen. Ich blicke in mein Büro. Ein langweiliger Ort. Das Einzige, was diesen Ort lebendig macht, sind ein paar Pflanzen in den Ecken, von denen ich nicht einmal weiß, ob sie echt sind.
Ich kann die Kaffeemaschine sehen und schmecke den schimmeligen Geschmack des Kaffees, wenn sich kein Kollege verantwortlich fühlt, sie zu säubern. Ich sehe den Drucker, der dort länger arbeitet als alle Kollegen in Summe, und ich höre, wie er mein Original frisst, das ich für meine nächste Abrechnung brauche.
Und da, mein Schreibtisch. Ich sehe einen Mann, wie er unbedeutende Symbole in einen unbedeutenden Computer tippt. Er sieht gelangweilt und gequält aus. Er sieht vergessenswert normal aus.
Ich stocke. Habe ich wieder nicht geschlafen? Mir wird kalt. Der Wind hier oben schneidet durch meine Haut, und durch meine Glieder fahren Schreie der Angst. Der Mann schaut zu mir auf. Er sieht müde aus. Er schaut mich bloß an mit seinen eingefallenen Augen.
Ich frage mich, was ich hier eigentlich mache und was dieser Mann denkt. Vielleicht fragt er sich auch, was ich hier mache. Verdammt, diese Kopfschmerzen. Das grelle Licht tut echt nicht gut. Ich muss morgen mal zum Arzt, mittwochs ist der einzige Tag, an dem er erst spät schließt, dann frage ich ihn auch gleich, ob er mir etwas gegen Schlafmangel verschreibt.

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u/loosert_loose_3403 — 8 days ago

Ich arbeite Vollzeit und versuche nachts etwas Eigenes aufzubauen

Ich arbeite Vollzeit, mache nebenbei meinen Techniker und versuche nachts etwas Eigenes aufzubauen.

Keine perfekte Firma.

Keine Investoren.

Keine Ahnung, ob es funktioniert.

Nur Geschichten, Ideen und die Hoffnung, irgendwann sagen zu können:

„Ich habe wenigstens versucht, etwas Eigenes zu erschaffen.“

Deshalb habe ich angefangen zu schreiben

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u/BlessedFamily777 — 1 day ago

Die Schar - Pt.1

Ich wollte mich an einer alpinen, folk horror inspirierten, mittelatlerlichen Kurzgeschichte probieren. Lasst mich gerne wissen, wie ihr es findet! Das hier ist vermutlich ca. das erste Drittel der gesamten Geschichte.

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Grollen.

Grollen in der Ferne.

Die vier Männer gingen in einer Reihe und kämpften sich so schnell wie möglich auf dem schmalen Gebirgspfad voran. Von den Gipfeln rissen eisige Böen feine, schneidende Schneeflocken herab, die ihnen die Sicht und das Atmen schwer machten. Doch die Erinnerung an die leeren, hungrigen Augen der Dorfbewohner ließ sie weitermarschieren.

Dann hörten sie es.

„Zu gefährlich! Brauchen Scherm! Das Gewitter aushalten!“ Anselms Brüllen wurde beinahe von der Wut des Windes übertönt.

Martinus drehte sich halb zu ihm um. Eine Böe riss ihm die Kapuze aus dem Gesicht.

„Nein! Weiter jetzt!“

Das Grollen rollte erneut heran, lauter und näher.

Eine Weile stolperten sie mühselig über Steine und Wurzeln. Die verkümmerten Bäume schwankten und taumelten, als würden Reiter zwischen ihnen hindurchbrechen. Plötzlich erblickten sie ein paar dutzend Meter weiter unten einen halb zerfallenen Stadel, der aus dem Hang ragte wie ein fauliger Zahn. Anselm drehte sich zu Eberhard und Veit um. Sie konnten sein Gesicht nicht sehen, dennoch war sein Blick vielsagend.

Keine andere Wahl.

Sie packten Martinus an den Armen und zogen ihn mit sich.

Zuckenden Gliedmaßen. Verzweifeltes Röcheln. Weiter.

Dann waren sie unten. Sie hatten Glück: Unter dem Stadel lag eine notdürftig gezimmerte Abdeckung, die mit mehreren Steinen beschwert war. Darunter: Eine kleine, in die Erde gegrabene Vorratskammer.

Anselm stieß Martinus hinein.

Die anderen befestigten die Abdeckung so gut es ging, und folgten.

Einen Moment lang stand die Zeit still. Keuchen. Spucken. Atmen. Brennende Hände. Brennende Füße.

„Ich habe gesagt wir gehen weiter!“, brachte Martinus schließlich heraus.

„Wir wären umgekommen“, entgegnete Anselm ruhig.

Martinus wurde lauter. „Ihr seid hier für die Messerarbeit. Die Entscheidungen treffe ich.“

Die Luft war feucht und stickig. Durch die Bretter drang kaum Licht nach unten.

Veit spuckte aus. „Sag, muss man ein Narr sein, um ein Pfaffe zu werden, oder kommt das dann von selber?“

„Du wagst es, mich einen Narren zu nennen? Wegen euch könnten wir jeden Moment von einer Horde tobender Telderer eingeholt werden.“

Anselm streckte die Beine aus und legte den Kopf nach hinten. „Sie werden uns nicht folgen, auch wenn wir ihren Schatz gestohlen haben. Nicht in diesem Sturm.“

„Wir haben nichts gestohlen! Die Reliquie gehört von Rechts wegen Rom!“, kreischte Martinus. Dann, ruhiger: „Ich muss mich vor einer Bande von Halsabschneidern nicht rechtfertigen. Die Luft hier oben ist… ist falsch. Vernebelt meinen Geist.“

Ein dumpfes Heulen drang von draußen herein. Tief. Langgezogen. Als würde der Wind einen Totengesang anstimmen.

Eberhard lachte leise. „Sie kommen.“

Martinus‘ Augen weiteten sich. „Aber er hat doch gerade gesagt…“

„Nicht die Bauern.“

Er sprach nicht weiter. Das musste er nicht.

Martinus schnaubte verächtlich. „Verschont mich mit eurem Aberglauben. Es ist ein Unwetter. Nichts… nichts weiter.“ Die letzten Worte waren nur noch ein Flüstern gewesen.

„Wer lang genug durch die Berge zieht, begegnet ihnen. Früher oder später. Wer sich nicht hütet, wird mitgenommen… Früher oder später.“

Veit fixierte Eberhard mit seinem Blick. „Du bist ihnen schon begegnet, oder?“

„Oh ja.“

Eine Weile lang saßen sie stumm da, und das Rütteln des Sturms an den Brettern der notdürftigen Abdeckung war das einzige Geräusch, das zu hören war.

Dann fuhr Eberhard fort.

„Es war während des Pofl vor sechs Jahren im hinteren Klammtal. Die Höfe hatten öfter Besuch von Wegelagerern bekommen. Deswegen war ich dort. Hand auf dem Messer, böses Gesicht machen, ihr wisst schon. An einem Abend braute sich etwas zusammen.“

Eberhard hielt kurz inne. Die anderen Männer warteten stumm, bis er schließlich mit gedrungener, melodischer Stimme weitersprach.

„Ich blickte hoch zu den Gipfeln des inneren Tals, und eine mächtige Wolkenfront baute sich auf. Schwarz und schwer wie Pech und Schwefel. 

Und dort oben, auf der Hohen Wand, sammelte sich die Schar. Und sie streckten ihre Lanzen in die Höhe und bliesen in ihre Hörner und machten sich bereit. Und mehr und mehr Reiter stießen dazu und sie spannten ihre Bögen und die Jagdhunde zogen und rissen an den Riemen.

Dann ritten sie herab.

Über Fels und Gand.

Sie ritten herab.

Durch Wald und Feld.

Sie ritten herab.

Durch Straße und Hof.

Sie ritten herab.

Sie ritten herab.

Als ich mich aus meinem Versteck befreite, dachte ich, sie hätten mich fortgetragen: Ich erkannte nichts an der Landschaft wieder. Doch als ich die umgebenden Gipfel anschaute, wurde es mir klar.

Nicht ich wurde fortgetragen.

Sondern alles andere.

Ich folgte der Schneise talauswärts.

Fels und Gand und Wald und Feld und Straße und Hof hatten sie mitgezogen. Ein Stück weit. Und dann zur Seite geworfen.

Aber nicht die Leute. Die hatten sie mitgenommen. Jede einzelne Seele.“

Hagelkörner trommelten jetzt unablässig gegen die modrigen Bretter der Abdeckung. Kurz wurde das Erdloch wurde vom gleißenden Licht eines Blitzes erhellt.

Grollen.

Grollen in der Ferne.

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u/gansim — 3 days ago