Die Schar - Pt. 2
Ich wollte mich an einer alpinen, folk horror inspirierten, mittelatlerlichen Kurzgeschichte probieren. Lasst mich gerne wissen, wie ihr es findet! Das hier ist vermutlich ca. das zweite Drittel der gesamten Geschichte.
Part 1 findet ihr hier
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Stille breitete sich zwischen den vier Männern aus. Eberhards Worte lagen auf ihnen wie Raureif.
Dann fing Martinus an zu lachen. Zuerst leise krächzend, dann lauter. „Fein gesprochen, wirklich! Du solltest Spielmann werden.“
„Jedes Wort ist wahr“, entgegnete Eberhard ruhig.
„Einzig und allein der Herrgott nimmt die Seelen zu sich. Sogar ein Schinder wie du sollte das wissen.“
Veit lehnte sich nach vorne. „Sogar ein Pfaffe wie du sollte wissen, dass es Dinge gibt, die sich nicht euren Bibelversen und nicht euren Predigten beugen.“
Martinus‘ Gesicht verzerrte sich vor Wut, doch er sagte nichts. Anselm hatte die Augen geschlossen. Veit sprach weiter.
„Auch meiner Wenigkeit hat die Schar einmal die Aufwartung gemacht.“
„Das wundert mich nicht. Man sieht es dir an. So wie du es mir angesehen hast.“ Eberhard wickelte seinen Mantel enger um sich. „Lass uns deine Geschichte hören, Veit.“
Veit sah zuerst Eberhard an, dann Anselm, dann Martinus.
„Na gut. Wir teilen uns dieses Scheißloch, und wir teilen unser Schicksal“, sagte er schließlich, „Warum nicht auch unsere Geschichten.“
„Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, war im hinteren Gilfental. Es war mein zwölfter Sommer. Die letzten paar Winter waren hart gewesen und wir brauchten jedes Paar Hände, das mitanpacken konnte. Da rief Adelbert den Heerbann aus. Es war der dritte.“ Veit sah Martinus an, ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Der Bischof selbst hat es abgesegnet. Gebote gelten nur für den Pöbel, gell?
Die Männer im Dorf berieten sich. Sie wollten nicht mehr mit ihrem Blut für Adelberts Silber bezahlen. Genug war genug.
Also rasierten sie sich die Bärte und trugen auf den Feldern und beim Viech Kopftuch und Schürze. Es war schon ein recht komischer Anblick, den eigenen Tatte so zu sehen. Aber besser, als ihn gar nicht mehr zu sehen.
Als Adelberts Boten kamen, versteckten sie sich in den Scheunen und den Kellern. Und wir sagten den Boten, dass unsere Männer schon aufgebrochen und wohl schon längst beim Heerbann waren. Und bis zum Wintereinbruch hatten wir unsere Ruhe.
Dann kam jene Nacht.“
Veit erzitterte und räusperte sich. Dann sprach er weiter.
„Ich sehe es vor mir, als wäre es gestern gewesen.
Am Abend stieg vom Bach ein feuchter, fauliger Dunst auf, und umschlang unsere Häuser und Scheunen. Die Hunde fingen an zu winseln und versteckten sich unter den Wagen. Da ahnten wir es. Als das Heulen der Hörner von den Gipfeln herunterbrach, wussten wir es.
Sie kamen ins Dorf. Langsam. Gemächlich. Aber unerbittlich. Sie rissen die Fenster auf. Sie rissen die Türen auf. Sie fanden die Männer und rissen ihnen die Tücher und Schürzen vom Leib. Sie rissen sie aus den Betten und aus den Häusern.
Kurz war alles ruhig. Die Schatten der Schar ragten am Rande des Dorfes aus dem Nebel hervor. Kurz warteten sie. Dann brach die Hölle los. Die Jagdhunde der Schar koolten und das Lachen und Lärmen der Reiter ertönte und sie galoppierten los. Sie trieben die Männer vor sich her.
Das war das letzte Mal, dass wir sie gesehen haben.“
Veit lachte leise und schüttelte den Kopf.
„Wer weiß. Vielleicht sehe ich heute meinen Tatte wieder.“
Wieder saßen sie schweigend da. Das Trommeln des Hagels war mittlerweile vom weißen Rauschen des Regens abgelöst worden. Das Heulen des Windes war abgeflacht und Luftstöße zischten nur noch vereinzelt und flüsternd in ihr Versteck, während Nebelschwaden von oben in die Kammer sickerten wie bleiche Finger.
Grollen.
Grollen in der Ferne.