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Der Mann im 13. Stock

„Ich springe, ich werde es tun!“ oder „Es ist alles vorbei!“ So etwas hätte der Mann, der da im 13. Stock in der Nachmittagssonne stand, sagen können. Doch er stand nur still da.
Ich überlegte kurz. Wann hatte ich ihn das erste Mal gesehen? Ich glaube, es war Dienstag – oder doch Mittwoch? Quatsch! Mittwochs ging ich früher von der Arbeit, weil ich einen Termin beim Arzt hatte. Wozu, weiß ich gar nicht mehr. Ich glaube, es war irgendwas wegen Kopfschmerzen oder Schlafmangel. Verdammt, mein Gedächtnis!
Ich tippte bedeutungslose Symbole in einen bedeutungslosen Computer, und wie sich die Morgensonne über den Häuserkomplex schob und sich im Bildschirm dieses bedeutungslosen Computers spiegelte, so reflektierte sich auch die Gestalt des Mannes auf dem Dach.
Ich schaute ihn an, wie er da stand. Er sah aus wie ein recht normaler Mann. Er hatte normale Klamotten an, und sein Gesicht war vergessenswert normal. Ich schätzte seine Größe auf 1,81 Meter, aber wegen der Entfernung ließ sich das schwer sagen. Er bewegte sich nicht. Nicht vor und nicht zurück. Er sprang nicht, und er ging nicht wieder runter. Er stand da.
Ich fragte mich, was er wohl dachte. Vielleicht daran, wie er springt. Zumindest dachte ich daran. Er stand schon seit Wochen da oben, und jeden Tag aufs Neue konnte ich ihn durch meine bodentiefe Fensterfront sehen. Mittlerweile beachtete ich ihn nicht mehr so stark, aber ich sah trotzdem immer nach, ob er sich nicht doch bewegte.
Heute! Heute beschloss ich bei meinem rituellen Morgenkaffee – den ich auf jeden Fall brauchte, um es bis zum nächsten Kaffee nach dem Mittag zu schaffen –, dass ich zu dem Mann gehen würde.
In meiner Mittagspause ging ich also über die Straße, die wie immer voller war als sonst, und trat in das Gebäude ein. Die klimatisierte Luft strömte mir entgegen, und ich erkannte sofort, dass die Klimaanlage von einer anderen Marke war als unsere. Ich ging zum Fahrstuhl, der wie in unserem Gebäude nicht funktionstüchtig war. Ich brauchte ohnehin etwas Bewegung, also war der Gang durch das Treppenhaus auch nicht schlecht.
Als ich nach schier endlosen Stufen oben ankam, mit Schweißperlen auf der Stirn, hatte ich ein Gefühl im Bauch wie damals, wenn ich mit einer schlechten Note nach Hause kam. Mit schwitziger Handfläche drückte ich den Türgriff nach unten.

Das Erste, was ich erblicke, ist der grelle Schein der Sonne, der mich beinahe erblinden lässt.
Als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, schaue ich mich auf dem Dach um, aber an dem Fleck, an dem der Mann gestanden hat, ist er nicht. Genau genommen steht er auch nicht an einem anderen Fleck. Er ist verschwunden.
Ich blinzle verwundert und trete nach vorne an den Rand des Daches. Ich blicke auf die Straße, die so voll ist wie immer. Mein Blick schweift weiter über den Asphalt, bis ich beim Würstchenstand an der Kreuzung angelangt bin. Mein Blick gleitet nun wieder zurück, und bei den ganzen Menschen, die dort unten wie Ameisen über den Fußweg rennen, wird mir mit einem Mal ganz heiß.
Stünde ich jetzt nicht hier, wäre ich einer von ihnen. Immer strebend, immer jagend, doch ich stehe hier. Manchmal muss ich einfach die Perspektive wechseln, um mich selbst zu sehen. Mein Leben. Mein Wille. Alles steht in mir selbst gebündelt, im 13. Stock.
Ich wende mich zu meinem Bürogebäude mit der glänzenden Glasfront. Dort gehe ich zur Arbeit. Jeden Tag gehe ich dort zur Arbeit und lasse mich von meinen eigenen Entscheidungen quälen. Ich blicke in mein Büro. Ein langweiliger Ort. Das Einzige, was diesen Ort lebendig macht, sind ein paar Pflanzen in den Ecken, von denen ich nicht einmal weiß, ob sie echt sind.
Ich kann die Kaffeemaschine sehen und schmecke den schimmeligen Geschmack des Kaffees, wenn sich kein Kollege verantwortlich fühlt, sie zu säubern. Ich sehe den Drucker, der dort länger arbeitet als alle Kollegen in Summe, und ich höre, wie er mein Original frisst, das ich für meine nächste Abrechnung brauche.
Und da, mein Schreibtisch. Ich sehe einen Mann, wie er unbedeutende Symbole in einen unbedeutenden Computer tippt. Er sieht gelangweilt und gequält aus. Er sieht vergessenswert normal aus.
Ich stocke. Habe ich wieder nicht geschlafen? Mir wird kalt. Der Wind hier oben schneidet durch meine Haut, und durch meine Glieder fahren Schreie der Angst. Der Mann schaut zu mir auf. Er sieht müde aus. Er schaut mich bloß an mit seinen eingefallenen Augen.
Ich frage mich, was ich hier eigentlich mache und was dieser Mann denkt. Vielleicht fragt er sich auch, was ich hier mache. Verdammt, diese Kopfschmerzen. Das grelle Licht tut echt nicht gut. Ich muss morgen mal zum Arzt, mittwochs ist der einzige Tag, an dem er erst spät schließt, dann frage ich ihn auch gleich, ob er mir etwas gegen Schlafmangel verschreibt.

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u/loosert_loose_3403 — 8 days ago