u/Maras_Traum

Totalschaden

Bei einem Autounfall kann man nicht wegsehen. Konnte ich auch nicht. Ich bekam mit, wie die Frontscheibe sprang. Ein eleganter Riss, der am Armaturenbrett startete, sich nach oben zog und sich teilte, teilte, teilte … Ich hatte nicht mitbekommen, dass mein Kopf alles in Gang gesetzt hatte, als er gegen die Scheibe knallte. Das erfuhr ich erst später im Krankenhaus.

Als sich das Spinnennetz der Risse fertig ausgebreitet hatte, sah ich zu Michi. Seine ohnehin großen Augen waren gefühlt dreimal so groß wie sonst. Blut rann ihm in einem dünnen Strahl aus der Nase. Ich drehte meinen Kopf nach hinten. Tat sehr weh, aber erst gegen Ende der Bewegung. Andi hatte die Augen zu und zitterte.  

„Andi!“ Keine Reaktion.  
„Andi!“ Schaum vor dem Mund.  
„Fuck, Andi, was ist los mit dir?“

Eine Dame mittleren Alters klopfte an die Scheibe. „Alles in Ordnung?“  
„Andi!“, schrie ich ihr ins Gesicht. Das Radio knackte und lief wieder. Michi verwischte das Blut in seinem Gesicht, versuchte, sich umzudrehen, ohne sich abzuschnallen, und zerrte an Andis Jacke, die er gerade so erreichen konnte. Der sackte zusammen.  
„Andi!!!“, schrie ich ihn an. Er machte die Augen auf, schielte seltsam und machte sie wieder zu.

Irgendwer fragte mich nach dem Namen. Ich schrie Andis Namen. Michi wurde rausgeholt. Ich auch. Andi wurde auf eine Trage gepackt. Sah mich an. Sah mich nicht. Michis alter grüner BMW sah aus wie eine Ziehharmonika, wie er an diesem Baum stand. Irgendetwas tropfte aus ihm.

Die Einsatzkräfte versuchten, ein Gespräch mit mir zu führen. Ich fragte sie nach den beiden Idioten und was passiert war. Das fragten sie mich auch.
Passiert war Folgendes: Es hatte geregnet, und die Straßenbahnschienen waren nass. Michi war übermütig. Er war zu schnell und dann zu zaghaft, und dann sind wir in eine Linde gefahren. Es war Frühling, und die duftenden Pollen flogen auf den Totalschaden herunter.

Ich machte mir Sorgen. Es war aber alles gut. Keine bleibenden Schäden.  

Michi - Gehirnerschütterung.  
Andi - auch, dazu ein offener Bruch und ein epileptischer Anfall. Er hatte sich nicht angeschnallt. Sah ihm ähnlich.   
Ich - Prellungen und für immer Angst vor dem Autofahren.

Ich habe Andi im Krankenhaus besucht. Der Anfall war ihm peinlich. Am zweiten Tag verlangte er schon Bier und Zigaretten. Es dauerte eine Woche, bis Michi sich bei Andi melden konnte. Wir hatten einen Schaden.

Kontext: Teil meines dritten Buchs. Abschnitt einer Kurzgeschichte.

reddit.com
u/Maras_Traum — 7 days ago

Couchgespräch
Andi: Was machen wir heute Abend?
Lena: Wir versuchen, die Weltherrschaft an uns zu reißen.
A: Ich meine es ernst.
L: Ich auch. Wir könnten aber auch ins Kino gehen.
A: Ich mag keine Komödien.
L: Dann eben Horror.
A: Gibt keinen guten.
L: Nicht meine Schuld.
A: War aber dein Vorschlag.
L: Dann halt Billard?
A: Da bin ich schlecht.
L: Bowling?
A: Da bist du schlecht.
L: Fick dich.
A: Schon heute früh erledigt.
L: Schön für dich. Dann schlag halt du was vor.
A: Spazieren, Cocktails, auf einer Baustelle einbrechen?
L: Einbrechen.
A: Zu spät. Und zu gefährlich. Erinnerst du dich ans letzte Mal?
L: Klar. Alex war plötzlich verschwunden - und wir hatten eine Katze?
A: Du hättest sie nicht „Kotzi“ nennen müssen. Ich weiß schon, dass du sie nicht magst.
L: Es passt aber so gut. Sie hat mir auf den Laptop gekotzt.
A: Das war konstruktive Kritik zu deinem Text.
L: Du durftest sie behalten. Ich durfte den Namen wählen. Also: Spazieren?
A: Mein Knie tut weh.
L: DU hast’s vorgeschlagen!
A: Damit du’s merkst. Und mich davon abhältst.
L: Dein Ernst?
A: Ja. Du solltest besser auf mich aufpassen.
L: Ich bin kein Pflegeheim.
A: Du bist mein sicherster Ort.
L: Und du mein größter Schatz. Noch ein Wort, und ich vergrab dich im Garten.
A: Typisch. Du nimmst mich nicht ernst.
L: Aha. Also Streit als Abendprogramm?
A: Ja. Weil dir alles egal ist.
L: Das hier ist mir nicht egal - es nervt mich - und zwar gewaltig.
A: Dann entscheide du.
L: Cocktails?
A: Wenn du mich wirklich kennen und lieben würdest …
L: Ich kenn dich.
A: … dann wüsstest du, was ich brauch.
L: Sex?
A: Ja, auch.
L: Dann zieh dich warm an, wir gehen spazieren.

Aus „Verlässlich kaputt“

u/Maras_Traum — 8 days ago

Meine erste Zigarette zündete ich wie eine Kerze an, indem ich sie in Bauchhöhe an ein brennendes Feuerzeug hielt. Ich kam aus einem Nichtraucherhaushalt und kannte Rauchen nur episodisch … nicht als Prozess.

Die Zigarette wollte nicht brennen.
Ich wunderte mich, warum.
Alle lachten.
Fragten mich, ob das meine erste wäre.
Ob es das erste Mal sei.

Ich sagte mit ruhiger, harter Stimme:
„Nein, das mache ich ständig.“

Das Rad des Feuerzeugs drehte sich wieder verzweifelt. Der Stängel glimmte.

Der erste Zug schmeckte.

Blöd gelaufen….

Aus „Kleiner Systemfehler“

u/Maras_Traum — 9 days ago

Bei einem Autounfall kann man nicht wegsehen. Konnte ich auch nicht. Ich bekam mit, wie die Frontscheibe sprang. Ein eleganter Riss, der am Armaturenbrett startete, sich nach oben zog und sich teilte, teilte, teilte … Ich hatte nicht mitbekommen, dass mein Kopf alles in Gang gesetzt hatte, als er gegen die Scheibe knallte. Das erfuhr ich erst später im Krankenhaus.

Als sich das Spinnennetz der Risse fertig ausgebreitet hatte, sah ich zu Michi. Seine ohnehin großen Augen waren gefühlt dreimal so groß wie sonst. Blut rann ihm in einem dünnen Strahl aus der Nase. Ich drehte meinen Kopf nach hinten. Tat sehr weh, aber erst gegen Ende der Bewegung. Andi hatte die Augen zu und zitterte.
„Andi!“ Keine Reaktion.
„Andi!“ Schaum vor dem Mund.
„Fuck, Andi, was ist los mit dir?“

Eine Dame mittleren Alters klopfte an die Scheibe. „Alles in Ordnung?“
„Andi!“, schrie ich ihr ins Gesicht. Das Radio knackte und lief wieder. Michi verwischte das Blut in seinem Gesicht, versuchte, sich umzudrehen, ohne sich abzuschnallen, und zerrte an Andis Jacke, die er gerade so erreichen konnte. Der sackte zusammen.
„Andi!!!“, schrie ich ihn an. Er machte die Augen auf, schielte seltsam und machte sie wieder zu.

Irgendwer fragte mich nach dem Namen. Ich schrie Andis Namen. Michi wurde rausgeholt. Ich auch. Andi wurde auf eine Trage gepackt. Sah mich an. Sah mich nicht. Michis alter grüner BMW sah aus wie eine Ziehharmonika, wie er an diesem Baum stand. Irgendetwas tropfte aus ihm.

Die Einsatzkräfte versuchten, ein Gespräch mit mir zu führen. Ich fragte sie nach den beiden Idioten und was passiert war. Das fragten sie mich auch.

Passiert war Folgendes: Es hatte geregnet, und die Straßenbahnschienen waren nass. Michi war übermütig. Er war zu schnell und dann zu zaghaft, und dann sind wir in eine Linde gefahren. Es war Frühling, und die duftenden Pollen flogen auf den Totalschaden herunter.

Ich machte mir Sorgen. Es war aber alles gut. Keine bleibenden Schäden.
Michi - Gehirnerschütterung.
Andi - auch, dazu ein offener Bruch und ein epileptischer Anfall. Er hatte sich nicht angeschnallt. Sah ihm ähnlich.
Ich - Prellungen und für immer Angst vor dem Autofahren.

Ich habe Andi im Krankenhaus besucht. Der Anfall war ihm peinlich. Am zweiten Tag verlangte er schon Bier und Zigaretten. Es dauerte eine Woche, bis Michi sich bei Andi melden konnte. Wir hatten einen Schaden.

u/Maras_Traum — 10 days ago

Ich habe mich nie entschuldigt. Dafür, dass ich ihm nie „ich liebe dich“ gesagt habe. Dafür, dass ich es einem anderen gesagt habe. Da war ich aber betrunken.

Er hat sich nie für das „nicht ernst gemeint“ entschuldigt. Auch für sonst nichts. Deshalb war ich erleichtert, als es vorbei war. Ich denke nicht an ihn. Ich erinnere mich an die Liebe auf einer Parkbank, als wir kein Hotel fanden. An das Versprechen, ein Lied über meine Augen zu schreiben. An die letzten zwei Ziffern seiner Telefonnummer. An den Weg zu seiner hässlichen Wohnung. An seine Küche mit dem kaputten Gasherd.

Wenn Freunde fragen, was das war: „Es war weder groß noch lang noch tief. Aber es geht nicht weg. Wie das Gefühl, den Herd nicht abgedreht zu haben.“

u/Maras_Traum — 13 days ago

Ich sehe dich an der Bar des Resorts. Immer wieder ab 21 Uhr. Auch nachts duftet es hier nach Blumen. Das Meer rauscht beruhigend. Leider wirkt das kaum, denn ich habe meinen Eltern eine Zimmerkarte geklaut. Den Ärger bekomme ich erst, wenn wir abreisen und zahlen. Also nächste Woche.

Sie werden diesmal besonders sauer sein, denn sie hatten mich mitgenommen, um auf glückliche Familie zu machen. Bevor ich für ein Semester verschwinde. In ein anderes Land. Jetzt kleben sie tagsüber in diesem hier an mir und fragen ständig, wie es mir geht. Ob ich Zukunftsängste habe. Ja, habe ich: vor dem Augenblick, wenn wir auschecken. Bis dahin genieße ich die Nächte mit ihrer Karte. Leider gibt es nicht viel zu tun. Nebensaison. Es stürmt täglich. Ab 23 Uhr.

Um 22 Uhr sitzen nur wir in den Rattansesseln und ein paar vom Personal, die Ausgang haben. Ich im Sommerkleid. Du im offenen Hemd. Du hast Gänsehaut am Hals. Scheißt auf Regen und die feuchte Nachtluft. Immerhin sind wir in der Karibik. Du lächelst mich an. Ich lächle zurück. Du lädst mich auf ein Getränk ein. Ich wähle Bier. Aber nur eines mehr. Denn morgen besuche ich mit meinen Eltern eine Plantage. Du auch? 

Du scheinst aber jetzt schon alles über die Aloe Vera zu wissen. Auch über Südafrika, wo es viel spannender ist als hier. Und über Roboter, die du baust. Oder einen Teil von ihnen. Natürlich den wichtigsten. Dann fragst du mich, ob ich einen Freund habe. Hatte ich, als ich wegflog. Ich frage dich etwas über den Ring, den du trägst. Schmal und golden - trotzdem auffällig. Plötzlich bist du schweigsam und müde und dann weg.

Am nächsten Tag bist du wieder da. Frischer und hast wohl beim Hände waschen deinen Ring vergessen. Man sieht aber die Streifen. Das hilft keine Seife.Ich frage dich grinsend nach ihm. Du fragst mich grinsend nach meinem Freund. Noch immer nichts gehört. Und Auslandsgespräche sind teuer. Ich bin noch immer mit Mamas Karte unterwegs. Einladen? Ja, noch immer Bier. Ja, Lust auf einen Spaziergang. Ja, seit Tagen das erste Mal nur leichter Regen. Oder Nebel, der sich auf die Haut legt.

Als wir das unruhige Meer beobachten, drehst du dich zu mir. Ich rieche Tabak und deinen Atem. Du willst mich küssen, ich drehe mich aber kurz davor weg: „Schau, da kommt ein Sturm.“

Am nächsten Abend bist du nicht in der Bar. Ich schlendere durch das Resort zum Meer. Du schlenderst plötzlich nach. Sagst hallo. Erzählst irgendwas über den Tag. Über deinen Job. Wieder Roboter. Dort, wo ganz viele Palmen aus dem Gebüsch wachsen, drückst du mich gegen eine. Schiebst mein Kleid hoch. Ich drehe mich weg und du küsst meinen Hals. Erzählst mir, wie schön ich bin. Führst mich in dein Bungalow.

Alles aus Holz mit Blick auf ein paar Palmen und das unruhige Meer. „Hier ist Bier verboten. Nur Wein!“, legst du die Spielregeln fest. Ich zucke mit den Schultern und lasse mich abfüllen. Gleich aus der Flasche. Hat Stil. Wir sitzen auf der Veranda und sehen den Sturm aufziehen, dann am Sofa im Zimmer, dann liege ich am Bett und lache. Die leere Flasche neben mir.

Ich will dich küssen. Du sagst, du auch. Aber anders. Nicht auf den Mund. Ich liege auf deinem Bett und schaue mir die Holzdecke an. Zähle die Spots. Eins, zwei, drei und mache die Augen zu. Draußen wird der Regen stärker. Mein Stöhnen schwimmt durch den Raum.

Später liegst du neben mir. Ich nehme deine Hand. „Eins, zwei, drei … mhhh, lecker“, sage ich, als ich an jedem einzelnen deiner Finger genüsslich lecke. Leicht salzig. Viel dichter als das Meer hinter der dicken Fensterscheibe und der Wand aus Regen.

„Schau nicht so verwundert, ich wollte schon immer mal probieren!“, erkläre ich grinsend, und du magst es offensichtlich auch. Trotzdem: Du bist verstimmt, das merkt man an deinen Augen. So grimmig wie das Wetter. Du willst mich küssen. Doch nun mag ich nicht. Ich will lieber herausfinden, wie du schmeckst. Unsere Augen treffen sich, aber keine Chance. Du bekommst keinen Kuss. Du sollst nur abgelenkt sein, während ich zu deinem Gürtel greife und ihn öffne.

Langsam.

Zelebrierend.

So, dass du jedes Geräusch hörst. Vom Ziehen des Leders durch die Schlaufe bis zum metallischen Klacken der Schnalle. Und wenn ich schon dabei bin, auch das leise Rattern des sich öffnenden Reißverschlusses.

Deine Augen werden dunkler als die Nacht. Eine Sturmböe reißt draußen fast die Palmen weg. Ich schenke dir mein entzückendstes Lächeln. Ich küsse dich. Langsam. Dann schneller.

Vor dem Zungenkuss will ich ganz sicher gehen, ziehe mich zurück und frage mit honigsüßer Stimme, ob du ganz sicher einen Kuss willst. Du knirschst irgendwas Unverständliches, und draußen wird eine kleinere Palme endgültig vom Orkan niedergemäht.

Dein Stöhnen verfängt sich im Geräusch des Regens an der Scheibe. „Gefällt mir, wie du schmeckst!“ Und erst dann gebe ich dir deinen ersten Kuss auf den Mund.

Um 3 Uhr nachts läutet dein Handy. Die Zeitverschiebung lässt deine Frau dich nachts suchen. Du wirst rot und gehst ins Bad. Mir wird kalt und übel. Sicher vom Wein. Vom Mischen. Ich bin weg, bevor du wieder kommst. Am gleichen Abend sehe ich dich wieder in deinem Sessel. Ich schaue deinen Ring an. Du schaust nicht weg. Nun machen wir uns beide Sorgen um die Rechnungen, die wir nicht zahlen können.

u/Maras_Traum — 14 days ago

Zug fährt ein

Die U-Bahn kommt bald. Naja, für eine U-Bahn nicht. Giftig gelb leuchtet „5 Min“ auf der schwarzen Anzeige.

Er redet … erzählt irgendwas über … eine Band. Habe ich ihn danach gefragt? Sieht mir gar nicht ähnlich. Ich interessiere mich nicht für Bands. Er wohl auch nicht mehr, denn er hat aufgehört zu reden. Schaut konzentriert. In meine Augen. Dann auf die gelbe 4. Dann wieder in meine Augen. Er macht einen Schritt aus seiner Komfortzone hinaus … und hinein in meine.

3 Minuten. Zu viel für einen Abschied. Zu kurz, um etwas Sinnvolles zu sagen. Genau richtig für einen Newsflash. Seitlich leuchtet das Board mit den neuesten Nachrichten aus der ganzen Welt. Irgendwas wird frisch zerbombt. Am Bildschirm sitzen Menschen in einer U-Bahn. Verstecken sich vor Luftangriffen. Wir verstecken uns nicht. Noch haben wir keinen Grund.

2 Minuten. Hinter ihm ein Loch im Gestein, aus dem er kommen wird. Keine Spur vom Zug. Nur sein Gesicht. Sein Atem. Seine Lippen. Und seine Zunge. Trockene Luft aus dem Schacht streift uns.

„Zug fährt ein.“

Leuchtende Fenster und Gesichter rasen an uns vorbei. Wäre interessant, wenn seine Freundin in einem der Waggons sitzen würde …

u/Maras_Traum — 17 days ago