Hallo zusammen,
Das ist mein erster Beitrag in dieser Community. Ich habe das Gefühl, dass ich irgendwie mal eine andere Perspektive auf das Thema brauche.
Vorab zur Erläuterung der Gemengelage:
Ich (M20+) arbeite als Softwareentwickler in einer vormals sehr kleinen Firma. Anfang 2025 hat der Firmeninhaber eine zweite Softwarefirma gekauft, die vorher unser Partner in vielen Projekten war. Früher gab es trotz Zusammenarbeit eine sehr starke „wir gegen die“ Mentalität, die jetzt natürlich so gut, wie es geht, abgebaut werden soll.
Zu meinem Vorgesetzten:
Mein Vorgesetzter ist allgemein ein sehr streitbarer Typ, der prinzipiell immer in allem nur den worst case sieht. Für die Lesbarkeit des Posts nenne ich ihn im Folgenden Jürgen. Grundsätzlich ist Jürgen nicht unsympathisch und ich fühle mich auf Grund gemeinsamer Interessen auch freundschaftlich zu ihm verbunden. Das Problem ist seine generelle Einstellung. Er steht absolut auf Kriegsfuß mit dem Firmeninhaber und Geschäftsführer und hat sich schon vor 2025 regelmäßig bis aufs Blut mit ihm gestritten. Seit der Übernahme der anderen Firma ist Jürgen leider wie ausgetauscht. Wir waren ja alle seinen Pessimismus schon gewohnt und konnten damit irgendwie umgehen, aber aktuell bin ich am Ende meiner Kräfte, was die ständigen Diskussionen angeht. Ich bin sowas wie sein Kummerkasten. Er erzählt mir alles aus allen möglichen Management-Meetings und regt sich täglich furchtbar über alles mögliche auf. Jeder sei nur gegen ihn und wenn er etwas sage, würde es ja eh verdreht werden, usw.
Ich mag meinen Job und die anderen Kollegen, aber diese Dynamik mit Jürgen macht mich einfach fertig. Er ist nicht fähig seine eigenen Fehltritte zu sehen und ist im allgemeinen sehr anmaßend und forsch, was immer wieder dazu führt, das Kollegen sich angegriffen fühlen und entsprechend negativ auf ihn reagieren. In nächster Zeit stehen einige wichtige Entscheidungen für die zukünftige Ausrichtung der Firmen an, aber Jürgen torpediert da jegliche Entscheidungsfindung. Er antagonisiert sämtliche andere mittlere Manager auf seinem Level und ist fortwährend nur am Rumheulen, wir arm er doch dran ist. Er merkt aber nicht, dass er sich durch sein Verhalten selbst disqualifiziert. Für mich ist das extrem schwierig zu navigieren, weil ich das ganze mentale Gewicht dieser Probleme aufgeladen bekomme, aber selbst praktisch nichts machen kann. Jürgen trägt außerdem praktisch nichts zum Produkterfolg bei. Er delegiert nur und das auf eine chaotische Weise. Permanent werden private Erledigungen während der Arbeitszeit gemacht. Den Rest der Zeit liest er Nachrichten oder torpediert zufällig eigentlich gelöste Probleme und macht dort dann den Kollegen das Leben schwer. Seine Selbstwahrnehmung ist offensichtlich völlig gestört. Er denkt wirklich, dass er ein Top-Manager ist und alles richtig macht. Nur alle anderen haben es natürlich aus seiner Sicht auf ihn abgesehen.
Was ich schon probiert habe:
Offen ansprechen, dass er bei vielen Kollegen schlecht ankommt => Ist ihm egal, er hat ja eh Recht und will sich auch gar keine Freunde machen.
Darum gebeten, dass er mir gegenüber nicht über Leute lästert mit denen ich gut/befreundet bin. => hat 30 Minuten geklappt. Danach wieder wie vorher.
Bin mit mehreren Kollegen an unseren Geschäftsführer herangetreten und haben ihm die Situation erläutert => Einzelgespräch mit Jürgen. Initial hatte ich da Hoffnung, aber jetzt ist auch alles wieder wie vorher
Personalgespräch mit Jürgen, auch dort meine Kritikpunkte angesprochen => Opferrolle wurde wieder eingenommen. Er ist ja so arm dran und kann nichts machen.
Also was sollte ich tun? Ich will eigentlich nicht kündigen, aber aktuell zieht mich die Situation an der Arbeit praktisch in eine Depression. Ich liege jeden Morgen im Bett und frage mich, wofür ich das ganze eigentlich mache. Meinen Kollegen geht’s genauso. Unser vielleicht wichtigster Entwickler hat vor Kurzem schon mit der Kündigung gedroht, wenn sich die Gesamtsituation nicht bessert. Das möchte ich aber nicht auch machen. Ich habe immer gerne in meinem Job gearbeitet und war stolz auf meine Arbeit, aber aktuell bin ich nur noch gleichgültig. Ich sitze halt die Zeit ab, erledige meine Vorgänge und versuche ansonsten unter dem Radar zu schwimmen. Das entspricht aber null meinem Charakter und meinen Anspruch an mich selbst und es fühlt sich so an, als bräuchte ich diesen „Schild der Gleichgültigkeit“ aktuell, um keinen mentalen Zusammenbruch zu erleiden. Mein Leben fühlt sich aktuell an, wie ein Gefängnis, was ich mir selbst errichtet habe. Morgen bis Nachmittags arbeiten. Zu Hause dann über die Arbeit nachdenken.
Hat jemand von euch schonmal mit einer ähnlichen Situation zu tun gehabt? Was sind/waren eure Strategien, um damit klarzukommen oder eine langfristige Besserung zu erwirken?
Vielen Dank fürs lesen!
Ich freue mich über jede Antwort.