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Karibik-Segeltörn mit Kollision, Klimaanlagen-Ausfall und mehreren Pannen. Der Kläger forderte über 8.000 Euro. Was er am Ende wirklich bekam, war eine teure Lehrstunde
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Karibik-Segeltörn mit Kollision, Klimaanlagen-Ausfall und mehreren Pannen. Der Kläger forderte über 8.000 Euro. Was er am Ende wirklich bekam, war eine teure Lehrstunde

Für den Reisenden war die Sache klar. 4.680 Euro für einen Segeltörn in der Karibik im April 2023, und kaum etwas hatte funktioniert.

Verspätetes Auslaufen am ersten Tag, dann ein Bootswechsel von der Monokielyacht auf einen Katamaran, eine Kollision in der Crocus Bay, eine ausgefallene Klimaanlage und eine fehlende Sicherheitseinweisung. Aus seiner Sicht war der Urlaub nutzlos verbrannt.

Er klagte auf insgesamt über 8.000 Euro. Davon allein 3.276 Euro für die nutzlos aufgewendete Urlaubszeit. Plus Anwaltskosten von 887,03 Euro.

Für den Reiseveranstalter war die Sache anders klar. Mängel ja, aber doch nicht in dieser Größenordnung. Ein Katamaran sei eine gleichwertige Ersatzleistung, der Skipper habe Sicherheitsfragen geklärt, die Klimaanlage sei zwischendurch wieder gelaufen.

Vor dem Landgericht Frankfurt am Main fiel das Urteil dazwischen. 962 Euro Minderung, plus 167,67 Euro anteilige Anwaltskosten. Alles weitere abgewiesen.

Damit wurde der Kläger zwar im Ergebnis bestätigt, dass es Mängel gab. Aber er ging mit weniger als zwölf Prozent seiner Forderung nach Hause und musste den Großteil der eigenen Anwaltskosten selbst tragen.

Die Aufschlüsselung der Minderung zeigt, wie Gerichte solche Fälle rechnen. Das verspätete Auslaufen wurde mit 50 Prozent des Tagesreisepreises bewertet, also 260 Euro. Die Bootskollision schlug mit 80 Prozent zu Buche, das sind 416 Euro für einen Tag. Der Klimaanlagenausfall brachte 15 Prozent eines Tagesreisepreises, also 78 Euro. Die fehlende Sicherheitseinweisung zog sich über mehrere Tage und summierte sich auf 208 Euro.

Macht 962 Euro auf einen Reisepreis von 4.680 Euro. Etwa 20 Prozent.

Interessant ist die Logik. Das Gericht rechnet jeden Mangel tagesbezogen ab und stuft die Schwere prozentual ein. Eine Kollision ist schwerwiegend, eine Klimaanlage eher Komfort. Das wirkt rechnerisch streng, aber juristisch nachvollziehbar.

Der Bootswechsel zum Katamaran wurde gar nicht als Mangel gewertet. Vereinbart war ein Segelboot, ein Katamaran fiel laut Gericht in diesen Begriff. Wer einen konkreten Bootstyp will, muss diesen ausdrücklich als zugesicherte Eigenschaft im Vertrag stehen haben.

Die fehlende Sicherheitseinweisung war ein Treffer für den Kläger. Branchenübliche Standards gehören zur geschuldeten Beschaffenheit, auch wenn sie nicht extra im Vertrag stehen.

Der größte Verlust steckt aber im Schadensersatz für die nutzlos aufgewendete Urlaubszeit. 3.276 Euro hatte der Mann gefordert. Null Euro hat er bekommen. Das Gericht sah die Reise nicht als komplett zerstört, sondern nur als beeinträchtigt. Solange ein Erholungswert übrig bleibt, gilt die Minderung als ausreichender Ausgleich.

Die Lektion aus dem Frankfurter Urteil ist unangenehm für viele Reisende. Wer zu hoch fordert, riskiert, beim Kostenpunkt zu verlieren. Die Erstattung der Anwaltskosten richtet sich nach dem Erfolgswert. Hier gab es nur etwa 18 Prozent zurück.

Mündliche Zusagen des Skippers an Bord sind übrigens vor Gericht meistens wertlos. Der Skipper vertritt den Reiseveranstalter rechtlich nicht. Mängelrügen gehören schriftlich an die Veranstalter-Zentrale. Per E-Mail, nicht über die nette Crew.

Wer es im Original lesen will, findet das Urteil beim Landgericht Frankfurt am Main unter Az. 24 O 42/24, vom 20.08.2025.

Kleiner Hinweis am Rande: Das Vorschaubild oben drüber zieht sich Reddit automatisch aus dem Quellartikel. Solche Bilder sind inzwischen fast immer KI-gemacht und haben mit echten Beteiligten oder Schauplätzen nichts zu tun.

ra-kotz.de
u/MelonDusk123456789 — 15 hours ago

Ein einziger Belastungszeuge, der seine Aussage schon mal widerrufen hat. Reicht das für die Eröffnung eines Verfahrens wegen schweren Bandendiebstahls?

Schwerer Bandendiebstahl. Mehrere Beschuldigte. Der Belastungszeuge S hat in einem früheren Verfahren seine Aussage widerrufen. Er sitzt aktuell selbst in Haft. Mutmaßlich hofft er auf Hafterleichterungen, wenn er andere belastet.

Das Amtsgericht Aurich beurteilte das im Zwischenverfahren als zu wenig und lehnte die Eröffnung des Hauptverfahrens ab. Eine ungewöhnlich offensive Entscheidung, denn üblicherweise wird im Zwischenverfahren eher durchgewinkt als ausgesondert.

Die Staatsanwaltschaft legte sofortige Beschwerde ein. Und das Landgericht Aurich kassierte die Nichteröffnung.

Maßstab ist Paragraph 203 der Strafprozessordnung. Zur Eröffnung reicht ein "hinreichender Tatverdacht". Das ist eine niedrigere Schwelle als die Verurteilungsschwelle der Hauptverhandlung. Ein hinreichender Tatverdacht liegt vor, wenn die Verurteilung wahrscheinlicher ist als der Freispruch. Mehr nicht.

Wichtig: Im Zwischenverfahren gilt der Grundsatz "in dubio pro reo" noch nicht. Erst in der Hauptverhandlung ist Zweifeln zugunsten des Angeklagten zu entscheiden. Wer im Zwischenverfahren schon jeden Restzweifel zur Einstellung nutzt, nimmt der Hauptverhandlung ihre Aufgabe weg.

Trotz der Schwächen des Zeugen S entschied das Landgericht in der Sache zugunsten der Anklage. Begründung: Der Zeuge belastete sich mit seiner Aussage selbst, weil er Mitwirkung an der Tat einräumte. Wer sich selbst in die Strafverfolgung hineinredet, gewinnt rein logisch an Glaubwürdigkeit. Niemand zieht sich freiwillig in einen Strafprozess, ohne irgendeinen Wahrheitskern.

Auch die alte Widerrufs-Geschichte fiel weniger ins Gewicht, als es zunächst klang. Im Zwischenverfahren ist nicht der gesamte Beweiswert auszupressen, sondern eine vorsichtige Prognose zu machen. Die endgültige Beweiswürdigung übernimmt das Schöffengericht in der Hauptverhandlung.

Vergleichbar ist das mit der "Nullhypothese". Im Strafprozess wird eine Aussage zunächst als unwahr unterstellt und erst dann als zutreffend angenommen, wenn man die Hypothese widerlegt. Diese Prüfung ist anspruchsvoll. Aber sie gehört in die Hauptverhandlung mit Konfrontation, Glaubhaftigkeitsanalyse und Verteidigungsstrategie. Nicht ins Zwischenverfahren.

Konkret heißt das für Beschuldigte: Ein einziger Belastungszeuge mit Eigeninteresse stoppt ein Verfahren in der Regel nicht. Sobald die Aussage strukturell glaubhaft wirkt und sich der Zeuge mit seiner Schilderung selbst belastet, springt der hinreichende Tatverdacht meistens an. Die echte Auseinandersetzung beginnt erst in der Hauptverhandlung.

Auch ein zwischenzeitlich eingestelltes Parallelverfahren (210 Js 30251/22) änderte daran nichts.

Wer den Beschluss nachlesen will, findet ihn beim Landgericht Aurich unter dem Az. 12 Qs 9/26, Beschluss vom 06.03.2026.

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strafrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 15 hours ago
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Einen Landwirtschaftsminister als Betrüger bezeichnen, ist das schon Verleumdung oder noch Meinungsfreiheit?

Freispruch. Vollständig. Trotz Worten wie „Unterschlagung", „Verbrechen" und „NAZI-Manier" gegen einen Landwirtschaftsminister.

Wie es dazu kam.

Ein Mann, der sich selbst als freier Journalist sieht, schrieb im November 2023 einen Brief an die Rechtsabteilung eines Polizeipräsidiums. Darin warf er dem amtierenden Landwirtschaftsminister vor, mehrere hundert Millionen Euro EU-Ausgleichsmittel unterschlagen zu haben. Er beschuldigte ihn weiterer Verbrechen und schrieb, sein eigener Betrieb sei nach „NAZI-Manier" eingestuft worden. Den Polizeipräsidenten bezeichnete er als „gesetzbrüchigen Polizisten".

Hintergrund war ein jahrelanger Streit. Der Mann fühlte sich um EU-Fördermittel betrogen.

Das Amtsgericht Ravensburg verurteilte ihn im Februar 2025 wegen Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens nach Paragraph 188 StGB. Geldstrafe. Der Verurteilte legte Berufung ein.

Die Berufungskammer des Landgerichts Ravensburg hat die Entscheidung Anfang Februar 2026 kassiert. Freispruch. Verfahrenskosten zur Staatskasse.

Die Begründung ist im Strafrecht alles andere als banal. Drei Punkte arbeitet das Gericht heraus.

Erstens: Begriffe wie „Unterschlagung" oder „Verbrechen" können zwei Bedeutungen haben. Sie können konkrete Tatsachenbehauptungen sein, also präzise Vorwürfe einer Straftat. Oder sie können überspitzte Meinungsäußerungen sein, eine drastische Kritik am Handeln einer staatlichen Stelle. Bei mehrdeutigen Äußerungen muss im Zweifel die für den Angeklagten günstigere Deutung gewählt werden.

Zweitens: Politiker und Amtsträger müssen mehr aushalten als Privatpersonen. Wer ein öffentliches Amt übernimmt, akzeptiert schärferen Gegenwind. Auch wenn der Ton manchmal scharf wird.

Drittens: Solange ein erkennbarer sachlicher Bezug zur Auseinandersetzung besteht, ist auch harte Kritik gedeckt. Erst wenn die Schmähung das alleinige Ziel ist und der sachliche Bezug verloren geht, kippt die Bewertung in Richtung strafbarer Beleidigung oder Verleumdung.

Was bedeutet das praktisch? Bürger und Journalisten haben einen breiten Raum für Kritik an staatlichem Handeln. Auch wenn die Wortwahl drastisch ist, bleibt sie im Zweifel von der Meinungsfreiheit gedeckt. Eine Strafbarkeit setzt voraus, dass eine konkrete unwahre Tatsachenbehauptung über eine bestimmte Straftat erhoben wird. Nicht jede beleidigende Wortwahl reicht.

Eine Grenze bleibt. Wenn jemand bewusst eine konkrete, beweisbare Tat erfindet und damit eine Person diffamiert, kommt die Meinungsfreiheit nicht mehr zur Hilfe. Wer also ohne Anlass behauptet, ein Minister habe an einem bestimmten Tag eine bestimmte Summe in die eigene Tasche umgeleitet, kann sich nicht auf scharfe Kritik berufen.

Falls jemand das im Original lesen will: Landgericht Ravensburg, Az. 5 NBs 15 Js 2905/24, Urteil vom 04.02.2026.

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strafrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 15 hours ago
▲ 57 r/RA_Kotz

3,4 Kilo Marihuana im Briefkasten und am Ende reicht eine Geldstrafe. Wie kann das sein?

Ein Geschäftsführer bekommt im Juli 2022 ein Paket. Adressiert an ihn. Inhalt laut Polizei: 3.444 Gramm Marihuana.

Klingt nach einem klaren Fall. Ist es auch. Nur eben in eine andere Richtung als man denkt.

Bei der späteren Wohnungsdurchsuchung kommen weitere 225 Gramm dazu. Über 3,6 Kilo Hanf insgesamt. Wer im Strafrecht zu Hause ist, denkt da automatisch an die nicht-geringe Menge. Und an Knast.

Es ging aber nicht um normales Cannabis, sondern um CBD-Hanf. Der THC-Gehalt der ganzen Lieferung lag bei rund 9,9 Gramm. Klingt nach viel, ist juristisch aber ein Sonderfall.

Das Amtsgericht Köln verurteilte den Mann zunächst, das Landgericht Köln milderte das Urteil ab. Am Ende stand eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 50 Euro.

Der Staatsanwaltschaft passte das nicht. Sie legte Revision ein. Beim gewerbsmäßigen Handel mit Cannabis greife der erhöhte Strafrahmen, da müsse mehr drin sein.

Das Oberlandesgericht Köln blieb hart. Revision verworfen.

Die Begründung ist juristisch interessant. Der erhöhte Strafrahmen aus § 34 Abs. 3 KCanG ist nur eine Strafzumessungsregel mit Indizwirkung. Heißt vereinfacht, dass das Gericht selbst bei gewerbsmäßigem Handel einen milderen Strafrahmen wählen darf, wenn die Umstände dafür sprechen.

Bei CBD-Hanf sprechen die Umstände dafür. Die Pflanze enthält so viel CBD und so wenig THC, dass ein Rauschkonsum praktisch ausgeschlossen ist. Wer das Zeug anzündet und einatmet, bekommt vor allem heftige Atemwegsreizungen. High wird damit niemand.

Dazu kommt der Vorsatz. Der Geschäftsführer ging laut den Lieferantenzertifikaten von einem THC-Gehalt unter 0,2 Prozent aus. Sein Vorsatz bezog sich also rechnerisch auf 6,9 Gramm THC. Damit lag er unter der Grenze für die nicht-geringe Menge.

Auch die sofortige Beschwerde gegen die Kostenentscheidung wies das OLG zurück. Die notwendigen Auslagen des Angeklagten trägt jetzt die Staatskasse. Im Klartext heißt das, dass die Staatsanwaltschaft zwei Instanzen lang versucht hat, die Strafe nach oben zu drücken, und am Ende auch noch die Anwaltskosten des Angeklagten finanziert.

Für die CBD-Branche ist das Urteil ein brauchbares Argument. Hohe Brutto-THC-Werte allein machen aus einem Importeur noch keinen Drogenhändler, wenn das Endprodukt gar keine Rauschwirkung haben kann. Wichtig sind dafür die Lieferantenzertifikate, die den niedrigen THC-Gehalt belegen.

Wer das Urteil im Original lesen will, findet es beim Oberlandesgericht Köln unter dem Aktenzeichen 1 ORs 218/25.

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strafrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 2 days ago
▲ 31 r/RA_Kotz

Eine Pauschalreise für 948 Euro fällt aus. Die Reisende bekommt am Ende 1.548 Euro. Wie geht das?

Sieben Tage Dubai für 948 Euro, gebucht für sich und eine Begleitperson. Komplett bezahlt im November 2021.

Am Abreisetag im Juni 2022 dann das Fiasko. Drei Stunden auf dem Rollfeld gewartet, dann wird der Hinflug wegen technischer Probleme storniert. Der Reiseveranstalter bietet einen Flug am Folgetag an, also 24 Stunden später.

Die Frau kündigt am nächsten Tag per E-Mail. Bei einer einwöchigen Reise sind 24 Stunden gut ein Siebtel der Urlaubszeit. Aus ihrer Sicht unzumutbar.

Turkish Airlines zahlt ihr separat 600 Euro EU-Ausgleich. Der Reiseveranstalter will diese 600 Euro vom Reisepreis abziehen. Er verweist auf eine Anrechnungsregel im Pauschalreiserecht. Sie klagt auf volle Rückzahlung.

Das Amtsgericht Wiesbaden gibt ihr Recht. Volle 948 Euro zurück, plus Verzugszinsen und Anwaltskosten von 159,94 Euro. Der Veranstalter trägt die Kosten des Rechtsstreits.

Bedeutet kombiniert mit der Airline-Pauschale, dass die Reisende rechnerisch mehr Geld bekommt, als der Urlaub gekostet hat. 948 Euro Reisepreis zurück plus 600 Euro Ausgleich der Airline. Macht 1.548 Euro für eine nicht angetretene Reise.

Der Trick liegt in zwei verschiedenen Rechtsgrundlagen, die sich nicht gegenseitig aufheben.

Der Reisepreis wird nach einer wirksamen Kündigung zurückgefordert. Das ist ein Rückgewähranspruch, der die Vertragsabwicklung regelt. Die Airline-Pauschale aus der EU-Fluggastrechteverordnung ist dagegen ein Ausgleich für die konkreten Unannehmlichkeiten der Flugverspätung oder Annullierung. Zwei verschiedene Schubladen.

Die Anrechnungsregel aus § 651p Abs. 3 BGB greift nur bei Schadensersatz- und Minderungsansprüchen. Der reine Rückforderungsanspruch nach Kündigung fällt nicht darunter. Genau diesen Unterschied haben viele Veranstalter in ihren Rechtsabteilungen lange anders ausgelegt.

Spannend war auch die Frage, ob die fristlose Kündigung überhaupt zulässig war. Das Gericht hat klar gesagt, dass eine Verspätung von 24 Stunden bei einer siebentägigen Reise objektiv unzumutbar ist. Eine Fristsetzung war nicht nötig, weil ein zumutbarer Ersatz von vornherein nicht im Raum stand.

Die E-Mail-Kündigung am Folgetag wurde vom Gericht noch als unverzüglich gewertet. Drei Stunden auf dem Rollfeld plus die Stornierung am späten Abend reichen aus, dass sich niemand nachts noch hinsetzen muss, um Förmlichkeiten zu erledigen.

Praktisch ist das Urteil ein klarer Hebel für Reisende. Wer eine kurze Reise gebucht hat und einen Großteil davon durch eine Verspätung verliert, kann fristlos kündigen und kassiert zusätzlich die Airline-Entschädigung. Die Anrechnungsschlacht der Veranstalter ist damit beendet.

Vorsicht ist nur bei einer Sache geboten. Wer am Telefon einem Reisegutschein mit kleinem Bonus zustimmt, verliert oft den gesamten Bargeldanspruch. Die Callcenter sind genau auf diese Gespräche geschult.

Aktenzeichen für Neugierige: 92 C 2073/22 beim Amtsgericht Wiesbaden, Urteil vom 25.02.2025.

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u/MelonDusk123456789 — 2 days ago
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Fünf von dreizehn Sicherheitsschleusen offen, hunderte Passagiere in der Schlange. Was passiert, wenn dadurch eine Kreuzfahrt für 46.000 Euro verpufft?

Ein Ehepaar hatte eine Kreuzfahrt mit Flugpaket gebucht. Reisepreis 46.083,20 Euro. Geplanter Abflug 14:55 Uhr.

Sie kamen um 12:15 Uhr am Business-Check-in an. 15 Minuten nach der vom Veranstalter empfohlenen Drei-Stunden-Frist. Eigentlich kein Problem.

Der Check-in öffnete erst um 12:30 Uhr und dauerte dann 75 Minuten.

An der Sicherheitskontrolle waren dann nur fünf von 13 Schleusen geöffnet. Hunderte Passagiere standen in der Schlange. Gegen 14:45 Uhr drückte der Mann aus Verzweiflung selbst die Absperrbänder weg, um nach vorne zu kommen. Er erreichte das Gate trotzdem erst nach Ende des Boardings.

Flug verpasst. Kreuzfahrt verpasst. 46.000 Euro im Eimer.

Sie klagten auf Rückzahlung und bekamen vor dem Landgericht Rostock 44.890,20 Euro zugesprochen. Plus Verzugszinsen seit Juli 2024. Quote der Minderung: 100 Prozent.

Die Begründung des Gerichts ist deutlich schärfer, als es sich viele Veranstalter wünschen.

Der Reiseveranstalter haftet bei Pauschalreisen nach § 651i Abs. 2 BGB verschuldensunabhängig für die gesamte Reisekette. Egal, wer den Mangel verursacht hat. Die staatliche Sicherheitskontrolle nach dem Luftsicherheitsgesetz ist eigentlich Sache des Bundes. Trotzdem fällt sie in den Verantwortungsbereich des Veranstalters, wenn das gebuchte Reiseprogramm dadurch scheitert.

Das ist mehr als eine Spitzfindigkeit. Der Europäische Gerichtshof hatte schon entschieden, dass selbst außergewöhnliche Umstände dem Veranstalter zugerechnet werden können. Die Mitteilung aus Rostock setzt diese Linie fort.

Die 15 Minuten Verspätung am Check-in waren juristisch nicht kausal für das Verpassen des Fluges. Selbst eine pünktliche Ankunft hätte beim 75-minütigen Check-in plus dem Sicherheitskontroll-Chaos den rechtzeitigen Flugantritt nicht ermöglicht. Die Kausalitätsprüfung läuft hier glasklar gegen den Veranstalter.

Der Mann hatte am Ende sogar eigenmächtig die Absperrbänder weggedrückt. Aus Sicht des Veranstalters eine Pflichtverletzung. Aus Sicht des Gerichts ein Versuch, den Flug noch zu erreichen. Mitverschulden? Nein. Nach § 242 BGB tritt das Verhalten zurück, weil es genau dem Vertragszweck dienen sollte.

Praktisch wertvoll ist der Hinweis auf die Beweisführung. Das Ehepaar konnte vor Gericht nachweisen, wie viele Schleusen geöffnet waren und wie lang die Wartezeiten tatsächlich waren. Ohne diese Dokumentation wäre die Klage deutlich schwieriger geworden.

Wer also auf einem Flughafen ähnliche Zustände erlebt, sollte fotografieren. Anzeigetafeln, Schlangen, geöffnete und geschlossene Schleusen. Alles, was später als objektiver Nachweis taugt. Und die Mängelanzeige am besten direkt über das Reisebüro absetzen, nicht erst Tage später schriftlich.

Auch die Streitsumme ist Teil der Botschaft. Eine Kreuzfahrt mit Flugpaket im hochpreisigen Segment kann komplett ausfallen, weil zwei Stunden Sicherheitskontrolle die Reisekette zerlegen. Das Risiko trägt nicht der Reisende.

Den ganzen Fall gibt es beim Landgericht Rostock unter Az. 1 O 815/24 zum Nachlesen.

Kleine Hinweis zum Vorschaubild: Das kommt automatisch aus dem Quellartikel und wurde dort mit hoher Wahrscheinlichkeit per KI (und auch dort so gekennzeichnet). Es ist KEIN Foto von dem echten Fall.

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u/MelonDusk123456789 — 2 days ago
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Ein Journalist fragt die Staatsanwaltschaft an und plötzlich kennt der Beschuldigte alle seine Recherchefragen

Ein Journalist einer Tageszeitung schickt im Juni 2025 eine Mail an die Staatsanwaltschaft Dresden. Er recherchiert zu einem Ermittlungsverfahren und hat ein paar konkrete Fragen.

Antwort kam keine.

Dafür meldete sich überraschend jemand anderes. Der Beschuldigte aus dem Ermittlungsverfahren wusste auf einmal bestens Bescheid, welche Fragen der Journalist gestellt hatte. Mit Namen. Mit Wortlaut. Mit allem.

Wie das? Die Staatsanwaltschaft hatte die Anfrage einfach weitergeleitet. Komplett. An die Verteidigung des Beschuldigten. Begründung: rechtliches Gehör.

Der Journalist klagte vor dem Verwaltungsgericht Dresden auf Feststellung, dass diese Weiterleitung unzulässig war. Und bekam recht.

Das Gericht zog eine klare Linie. Wer als Reporter eine Anfrage stellt, hat einen verfassungsrechtlich geschützten Anspruch darauf, dass seine Recherche vertraulich bleibt. Identität, Redaktion, Wortlaut der Fragen. Alles. Das ist Teil der Pressefreiheit aus Artikel 5 des Grundgesetzes und des sächsischen Pressegesetzes.

Die Argumentation der Staatsanwaltschaft, Journalisten müssten der Weitergabe vorsorglich widersprechen, ließ das Gericht nicht gelten. Der Schutz gilt automatisch. Die Behörde muss von sich aus abwägen, was sie weitergeben darf und was nicht.

Wenn Rückfragen an Beschuldigte oder deren Verteidiger nötig sind, dann nur anonymisiert. Oder als allgemeiner Antwortentwurf. Ungefiltert die komplette Mail durchzureichen geht nicht.

Für Reporter ist das eine wichtige Stütze. Wer recherchiert, muss damit rechnen können, dass die andere Seite nicht vorab erfährt, woran gearbeitet wird. Sonst lässt sich keine Geschichte mehr unauffällig vorbereiten.

Für Behörden bedeutet das umgekehrt eine Pflicht zur Sorgfalt. Wer eine Presseanfrage einfach an Dritte durchschickt, riskiert eine Feststellungsklage und damit eine öffentliche Niederlage.

Für alle, die es ganz genau wissen wollen: 2 K 2549/25 beim Verwaltungsgericht Dresden, Urteil vom 04.11.2025.

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strafrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 2 days ago
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Mit der Eisenstange auf den Schuldner los: Ist das nach dem Bundesgerichtshof eigentlich Raub?

Wer mit Gewalt seine offenen Rechnungen eintreibt, ist Räuber. Klingt erst mal logisch.

Ist es aber nicht. Jedenfalls nicht zwingend.

Der Bundesgerichtshof hat im Oktober 2025 einen Schuldspruch eines Landgerichts kassiert. Der Angeklagte war gemeinsam mit Begleitern auf einen Mann losgegangen, der ihm Geld schuldete. Sie holten ihn am Bankautomaten ein. Es folgten Schläge und Tritte.

Aus der Geldbörse des Opfers nahm der Täter dann 30 Euro mit. Den Rest warf er weg.

Das Landgericht Osnabrück hatte ihn wegen Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Der dritte Strafsenat des Bundesgerichtshofs sah das anders. Der Mann ging davon aus, er habe einen fälligen Anspruch auf das Geld. In diesem Glauben fehlt ihm der Vorsatz, sich fremdes Eigentum anzueignen.

Juristen nennen das einen Tatbestandsirrtum. Wer glaubt, ihm gehöre die Sache ohnehin, will sich nichts Fremdes aneignen. Ohne diesen Aneignungs-Vorsatz ist es kein Raub.

Was bleibt? Gefährliche Körperverletzung. Nötigung. Die Gewalt selbst bewerten die Richter weiterhin als strafbar. Nur die Etikettierung Raub fällt weg.

Praktisch ändert sich für den Verurteilten kaum etwas. Die Strafe von einem Jahr auf Bewährung bleibt stehen, weil der Unrechtsgehalt der Gewalt unverändert ist.

Damit zieht der Bundesgerichtshof eine Linie zwischen Raub und schlichter Selbstjustiz. Wer glaubt, sein Geld eigenmächtig holen zu dürfen, irrt rechtlich. Zum Räuber wird er dadurch aber nicht.

Wer das im Original lesen will, findet die Entscheidung beim Bundesgerichtshof unter Az. 3 StR 458/25, Beschluss vom 28.10.2025.

Kleiner Hinweis am Rande: Das Vorschaubild oben drüber zieht sich Reddit automatisch aus dem Quellartikel. Solche Bilder sind inzwischen fast immer KI-gemacht und haben mit echten Beteiligten oder Schauplätzen nichts zu tun.

strafrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 2 days ago

Was muss eigentlich in einem Einstellungsschreiben drinstehen, damit die BU-Rente wirklich endet?

Eine Frau bezog seit Jahren eine Berufsunfähigkeitsrente. Beschwerden am Knie, der alte Beruf ging nicht mehr.

Dann kam Bewegung in die Sache. Sachverständige stellten eine deutliche Besserung der Kniefunktion fest. Die Versicherung schrieb daraufhin das Einstellungsschreiben. Inklusive Befundvergleich. Alte Diagnose, neue Diagnose. Was genau besser geworden ist und warum.

Vor dem Oberlandesgericht Hamm landete der Streit dann bei einer alten Grundsatzfrage: Wann genau ist so ein Schreiben überhaupt wirksam?

Antwort des Gerichts: Wenn es einen echten Befundvergleich enthält. Nicht irgendeine Erklärung, dass es jetzt besser geht. Sondern konkret. Damals dieser Befund, heute jener. Diese Einschränkungen sind weg, jene Funktionen wieder da.

Genau das war hier sauber gemacht. Die Klägerin verlor.

Der Punkt ist trotzdem hochinteressant für alle, die selbst eine BU-Rente bekommen. Denn wer eine Einstellungsmitteilung im Kasten hat, kann genau dieses Kriterium prüfen. Steht da nur ein allgemeines „Sie sind wieder arbeitsfähig"? Dann ist das Schreiben eventuell unwirksam.

Steht da hingegen ein nachvollziehbarer Vergleich der medizinischen Befunde, sieht es eher mau aus. Dann muss man am eigentlichen Inhalt arbeiten. Also an der Frage, ob die festgestellte Besserung wirklich so deutlich ist, dass der alte Beruf wieder zu mehr als der Hälfte ausgeübt werden kann.

Nebenbei: Die Klägerin hatte versucht zu argumentieren, sie sei eigentlich nie berufsunfähig gewesen. Das nahm das Gericht ihr nicht ab. Wer früher die Rente kassiert hat, sieht im Nachhinein wenig glaubwürdig aus, wenn er behauptet, die Beschwerden seien nie da gewesen.

Falls jemand das im Original lesen will: Oberlandesgericht Hamm, Aktenzeichen 20 U 7/24, Urteil vom 19.06.2024.

Noch ein kurzer Hinweis zum Bild: Reddit holt das aus der Quellseite das sind oft ki-generierte Bilder, die die Portale "Symbolbild" nennen. Es sind keine echten Fotos.

versicherungsrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 3 days ago
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Mit BU-Rente eine zweite Karriere starten und sich weiterbilden klingt nach Aufstieg. Bis die Versicherung das genauso sieht.

Ein ehemaliger Karosseriemechaniker, geboren 1972, bekam jahrelang Berufsunfähigkeitsrente aus zwei privaten Zusatzpolicen. Sein alter Beruf war körperlich nicht mehr zu leisten.

Schon 2017 fing er an, in einer Behindertenwerkstatt als Gruppenleiter zu arbeiten. Der Vertrag war zunächst befristet. Die Versicherung wusste davon und zahlte weiter.

Dann kam 2022. Der Mann schloss eine sonderpädagogische Zusatzqualifikation ab. Sein Vertrag wurde entfristet. Die Sache war fest, der Lebensmittelpunkt verschoben.

Genau jetzt griff die Versicherung zu. Mit Schreiben vom 30. August 2022 stellte sie das Nachprüfungsverfahren an, beendete die Zahlungen zum Oktober 2022. Begründung: Die neue Tätigkeit als Gruppenleiter sei eine gleichwertige Lebensstellung, der Schutz aus dem alten Handwerksberuf sei damit hinfällig.

Der Mann klagte. Vor dem Landgericht Potsdam bekam er zunächst Recht. Doch das Brandenburgische Oberlandesgericht hob das Urteil in der Berufung auf und gab der Versicherung Recht.

Die Argumentation des Gerichts ist für andere BU-Bezieher wichtig zu kennen. Es ging nicht darum, dass die Versicherung die neue Tätigkeit jahrelang geduldet hatte. Entscheidend war der Zeitpunkt, an dem sich die "Lebensstellung verfestigt" hatte.

Genau das passierte 2022. Mit Abschluss der sonderpädagogischen Zusatzqualifikation, die das Gericht als Höherwertigkeit gegenüber dem alten Handwerksberuf wertete, und mit der Entfristung des Arbeitsvertrags. Erst da war aus einem vorläufigen Engagement ein dauerhafter neuer Beruf geworden.

Die Beweislast für die Verweisung trägt die Versicherung. In diesem Fall konnte sie sie aber problemlos erfüllen. Der Versicherte hatte die Qualifikation und die Entfristung selbst im Nachprüfungsbogen angegeben.

Heißt im Klartext: Wer eine BU bezieht und parallel in einem neuen Berufsfeld Fuß fasst, sollte vor Zusatzqualifikationen oder einer Entfristung genau prüfen, was das mit dem Versicherungsschutz macht. Die alte Police schützt nur, solange die neue Tätigkeit als Übergang oder Notlösung verstanden werden kann.

Auch die Bögen, mit denen die Versicherung in regelmäßigen Abständen den Status abfragt, sind kein Pflichtdokument zum schnellen Ausfüllen. Jede Angabe kann später als Argument für eine Einstellung verwendet werden.

Aktenzeichen für Neugierige: Das Urteil läuft beim Brandenburgischen Oberlandesgericht unter dem Az. 11 U 45/24, Urteil vom 30. April 2025.

Kleine Hinweis zum Vorschaubild: Das kommt automatisch aus dem Quellartikel und wurde dort mit hoher Wahrscheinlichkeit per KI (und auch dort so gekennzeichnet). Es ist KEIN Foto von dem echten Fall.

versicherungsrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 3 days ago
▲ 15 r/RA_Kotz

500 Euro Physio im Jahr, 75 Prozent Erstattung, 1.500 Euro Selbstbehalt. Was zahlt die PKV am Ende noch?

Eine Frau hat eine private Krankenversicherung. Klingt erstmal nach Premium-Schutz. In der Realität verweigerte ihr der Versicherer 3.150 Euro an Physiotherapie-Kosten.

Wie das geht? Mit drei kleinen Klauseln, die einzeln harmlos aussehen.

Klausel eins: Physio wird mit 75 Prozent erstattet. Klausel zwei: Höchstgrenze 500 Euro pro Jahr. Klausel drei: 1.500 Euro Selbstbehalt im Tarif. Wenn man das durchrechnet, bleibt vom Schutz für Heilmittel praktisch nichts übrig.

Vor dem Amtsgericht Hamburg ist diese Konstruktion jetzt gekippt worden. Eine Klausel ist nach den Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuchs unwirksam, wenn sie den eigentlichen Vertragszweck aushöhlt. Und genau das war hier passiert. Wer für Heilmittel praktisch keine Erstattung bekommt, hat keine Krankenversicherung, sondern ein teures Stück Papier.

Das Gericht verurteilte den Versicherer zur Zahlung von 3.150 Euro plus Zinsen plus vorgerichtliche Anwaltskosten. Lediglich 150 Euro fielen weg, weil die Klägerin dafür keine Originalrechnung mehr hatte.

Die Versicherung hatte sich auch noch darauf berufen, die gesetzliche Belastungsgrenze von 5.000 Euro im Jahr aus dem Versicherungsvertragsgesetz gelte für Heilmittel nicht. Hier zog das Gericht klare Grenzen. Wenn der Versicherer Heilmittel in seinen eigenen Bedingungen ausdrücklich der ambulanten Heilbehandlung zuordnet, kann er nicht plötzlich behaupten, sie wären etwas anderes.

In der Praxis betrifft das vor allem Versicherte in günstigen Einsteigertarifen. Genau dort werden solche Kombinationen aus prozentualer Erstattung, Höchstbetrag und allgemeinem Selbstbehalt gerne übereinander gestapelt. Wer da regelmäßig Physio braucht, sollte bei einer Ablehnung den eigenen Vertrag mal nebeneinanderlegen mit dem, was der Versicherer am Jahresende tatsächlich erstattet.

Den ganzen Fall gibt es beim Amtsgericht Hamburg unter Az. 49 C 526/24 zum Nachlesen, das Urteil ist vom 15. April 2026.

Hinweis in eigener Sache: Falls ihr euch über das Vorschaubild wundert, das ist nicht von mir, sondern automatisch von Reddit aus dem Quellartikel gezogen. Und heutzutage sind die Bilder auf Portalen meistens KI-generiert (und auch gekennzeichnet), also nicht denken, dass ihr hier ein echtes Foto von dem Fall seht.

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u/MelonDusk123456789 — 4 days ago
▲ 61 r/RA_Kotz

Sind sechs Minuten weniger Puffer schon eine Schlamperei? Bei Rail and Fly entscheidet das gerade ein Gericht in Württemberg

Pauschalreise nach Costa Rica, knapp 3.800 Euro, mit Rail and Fly als Anreise zum Flughafen. Der Reisende hatte den Zug so gewählt, dass er zwei Stunden und 54 Minuten vor Abflug am Frankfurter Flughafen-Fernbahnhof eintreffen sollte. Der Veranstalter empfahl drei Stunden.

Sechs Minuten weniger als die Empfehlung. Reicht das, um seine Ansprüche bei Verspätungen zu verlieren? Tatsächlich ja, sagen einige Gerichte regelmäßig.

Diesmal nicht.

Auf der Fahrt kam es zu erheblicher Verspätung und einer ungeplanten Umleitung des Zuges. Statt am Fernbahnhof landete der Zug am Hauptbahnhof Frankfurt. Der Mann verpasste den Flug, buchte sich auf eigene Kosten Ersatzflug und Hotel, kam einen Tag später am Ziel an.

Er klagte gegen den Reiseveranstalter und bekam vor dem Amtsgericht Böblingen vollumfänglich Recht. Erstattung der Ersatzkosten in Höhe von 2.441,43 Euro. Minderung für zwei verlorene Reisetage in Höhe von 759,60 Euro. Plus Verzugszinsen und vorgerichtliche Anwaltskosten von 453,87 Euro. Macht zusammen über 3.200 Euro. Verfahrenskosten zahlt der Veranstalter komplett.

Die Begründung trifft mitten ins Geschäftsmodell der Branche.

Wenn Rail and Fly Bestandteil der Pauschalreise ist und nicht separat ausgewiesen wird, gehört der Bahntransfer zur eigenen Leistung des Veranstalters. Damit muss er sich Bahnverspätungen als eigenen Reisemangel zurechnen lassen. Egal, ob die Verspätung an einer Weichenstörung oder einer Umleitung lag.

Spannend ist die Sache mit den sechs Minuten. Das Gericht stellte fest, dass die geringe Unterschreitung der Empfehlung nicht kausal für das Verpassen des Fluges war. Schuld war die massive Verspätung des Zuges, nicht der Puffer von zwei Stunden 54 statt drei Stunden. Hätte der Mann den nächsten Zug genommen, wäre er auch nicht pünktlicher angekommen.

Das ist juristisch der entscheidende Punkt. Andere Gerichte haben in der Vergangenheit deutlich strenger geurteilt. Das Landgericht Koblenz wies eine Klage von Reisenden komplett ab, weil sie nur zwei Stunden 32 Minuten Puffer eingeplant hatten. Da war die Empfehlung von drei bis dreieinhalb Stunden allerdings fast eine Stunde unterschritten.

In Böblingen ging es um sechs Minuten. Das Gericht zog die Grenze zwischen geringfügiger Abweichung und grob fahrlässiger Reiseplanung deutlich anders.

Für Reisende mit Rail and Fly ist das Urteil ein praktischer Anhaltspunkt. Solange der Bahntransfer Teil der Pauschalreise ist und kein eigener Preis dafür ausgewiesen wird, haftet der Veranstalter für Bahnverspätungen. Eine geringe Unterschreitung der Pufferempfehlung allein reicht nicht aus, um diese Haftung zu kippen.

Wichtig ist allerdings, dass der Reisende den Mangel sofort beim Veranstalter anzeigt und nicht eigenmächtig bucht, bevor die Notfall-Hotline erreicht wurde. Wer den Veranstalter nicht informiert oder nicht durchkommt, sollte das dokumentieren.

Wer es schwarz auf weiß nachlesen will: Das Urteil läuft beim Amtsgericht Böblingen unter Az. 20 C 1695/24.

Noch ein kurzer Hinweis zum Bild: Reddit holt das aus der Quellseite das sind oft ki-generierte Bilder, die die Portale "Symbolbild" nennen. Es sind keine echten Fotos.

ra-kotz.de
u/MelonDusk123456789 — 4 days ago
▲ 14 r/RA_Kotz

Hund angemeldet, Versicherung über die Partnerin geregelt. Reicht das wirklich nicht?

Stell dir vor, du holst dir einen Hund und meldest ihn ordnungsgemäß beim Ordnungsamt an. Die Tierhalterhaftpflicht läuft über die Police deiner Partnerin, mit fetter Deckungssumme. Eigentlich alles geregelt.

Und dann kommt der Bescheid: So geht das nicht. Du musst selbst Versicherungsnehmer sein.

Genau das ist einem Hundehalter aus Thüringen passiert. Zwei Mischlinge, ein American Bulldog und ein Labrador, mitversichert über die Allianz-Police einer dritten Person mit 75 Millionen Euro Deckungssumme. Das Ordnungsamt Gera erkannte den Nachweis nicht an und drohte gleich noch Zwangsgeld in Höhe von 150 Euro an.

Der Halter klagte. Und gewann.

Das Verwaltungsgericht Gera hat den Bescheid komplett aufgehoben. Auch die Zwangsgeldandrohung. Die Behörde muss die Kosten tragen.

Die Begründung des Gerichts ist eigentlich so einleuchtend, dass man sich fragt, warum es dafür ein Urteil brauchte. Das Thüringer Tiergefahrengesetz verlangt eine Pflichtversicherung für die Halterhaftung. Ziel ist der Schutz möglicher Geschädigter und des Halters selbst vor existenzbedrohenden Schäden.

Wer am Ende auf der Police als Versicherungsnehmer steht, ist für diesen Zweck schlicht egal. Hauptsache, im Schadensfall zahlt eine Versicherung.

Das Gericht zog den Vergleich zur Kfz-Haftpflicht und zur Berufshaftpflicht für Anwälte. In beiden Bereichen ist seit Jahrzehnten anerkannt, dass die Versicherung auch über einen Dritten laufen kann, solange der eigentliche Risikobereich abgedeckt ist.

Tierhalterpolicen sind in der Regel ohnehin haltergebunden gestaltet, nicht personengebunden. Heißt: Geschützt ist die Halterhaftung an sich, unabhängig davon, wer den Vertrag unterschrieben hat.

Die Behörde hatte vor dem Bescheid nicht einmal nachgefragt, ob die Drittversicherung die Halterhaftung tatsächlich umfasst. Sie hatte einfach pauschal verneint. Dafür gab es vom Gericht eine ordentliche Klatsche.

Für Hundehalter ist das Urteil praktisch sehr brauchbar. Niemand muss eine zweite, parallele Versicherung abschließen, nur damit der eigene Name auf dem Vertrag steht. Eine Mitversicherung über die Police des Partners oder eines Familienmitglieds reicht aus, wenn die Halterhaftung explizit eingeschlossen ist.

Wichtig ist eine ordentliche Bescheinigung der Versicherung, am besten direkt mit dem Hinweis auf den Halter und den jeweiligen Hund. Wer die einreicht, hat in den meisten Fällen einen sicheren Stand.

Das vollständige Urteil findet ihr beim Verwaltungsgericht Gera unter dem Aktenzeichen 4 K 2156/25.

Kurz zum Bild: Reddit blendet automatisch ein Vorschaubild aus der Quellseite ein. Die sind heute meistens aus dem KI-Bildgenerator und dienen nur als Deko zum Artikel. Keine echten Personen, keine echten Gerichtssäle oder echte Fotos…

versicherungsrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 4 days ago
▲ 185 r/RA_Kotz

Danke an euch für 1.000 Mitglieder in r/RA_Kotz! 😊🥳🕺

Wir hatten den Subreddit eigentlich nur mal als Test gestartet, weil wir die Urteile schon auf unserer Kanzlei-Webseite kommentieren. Da natürlich deutlich umfangreicher, aber nicht ganz so unterhaltsam wie hier. ;-)

Und was soll ich sagen: Wir sind total baff. Wer hätte gedacht, dass das Format hier so gut ankommt?!?!

Mittlerweile sind wir ja schon weit über die 1.000 subs raus, aber ich wollte trotzdem kurz einen Dank an euch rausschicken. Toll, dass so viele von euch upvoten und kommentieren. Ich denke, das ist es, was letztendlich die Sache so erfolgreich macht.

Also, dann mal auf die nächsten Tausend!

Bis bald und euch allen einen schönen Sonntag!

reddit.com
u/MelonDusk123456789 — 5 days ago
▲ 83 r/RA_Kotz

Seit 1992 lief die BU-Rente. Dann kam ein Brief mit zwei Wörtern, die alles ändern sollten.

Über drei Jahrzehnte lang sicherte eine Berufsunfähigkeitsrente den Lebensunterhalt eines Mannes. Dann stellte die Versicherung die Zahlungen ein.

Der Trick: ein sogenanntes befristetes Anerkenntnis. Auf zwei Monate. Rückwirkend. Für einen Zeitraum, der längst abgelaufen war.

Auf den ersten Blick wirkt das wie ein juristischer Kniff. Auf den zweiten Blick ist es ziemlich frech. Denn die Berufsunfähigkeit selbst dauerte ja weiter an.

Der Versicherte zog vor Gericht. In erster und zweiter Instanz verlor er. Erst der Bundesgerichtshof drehte das Ding um.

Die Karlsruher Richter sagten klar: Eine rückwirkende Befristung des Anerkenntnisses zum Nachteil des Versicherten ist unzulässig, wenn sie von den gesetzlichen Vorgaben abweicht. Wenn die Befristung unwirksam ist, bleibt das Anerkenntnis stehen. Und zwar unbefristet.

Heißt im Klartext: Der Versicherer ist gebunden. An seine eigene Zusage. Er kann sich nicht im Nachhinein einen Notausgang basteln, indem er sagt, eigentlich habe man ja nur für zwei Monate anerkannt.

Wer eine BU-Rente bezieht und plötzlich einen ähnlichen Brief im Kasten hat, sollte zweimal hinschauen. Steht da ein Datum, das in der Vergangenheit liegt? Wird die Befristung erst später nachgeschoben? Genau das ist der Punkt, an dem das ganze Konstrukt kippen kann.

Wichtig dabei: Eine Leistungseinstellung wegen Besserung verlangt nach diesem Urteil außerdem einen echten medizinischen Vergleich von alten und neuen Befunden. Pauschale Floskeln reichen nicht.

Wer das ganze Urteil im Original lesen möchte, findet es beim Bundesgerichtshof unter dem Aktenzeichen IV ZR 223/21.

Kleiner Hinweis am Rande: Das Vorschaubild oben drüber zieht sich Reddit automatisch aus dem Quellartikel. Solche Bilder sind inzwischen fast immer KI-gemacht und haben mit echten Beteiligten oder Schauplätzen nichts zu tun.

versicherungsrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 5 days ago
▲ 46 r/RA_Kotz

Eine dienstliche Mail landet im Spam-Ordner. Was kann da schon schief gehen?

Klingt erstmal nach einem typischen IT-Problem. Mail rutscht durch den Filter, bleibt unbeachtet liegen, irgendwann fällt es jemandem auf. Im Beamtenrecht ist das richtig teuer geworden.

Ein Lehrer aus Schleswig-Holstein hatte genau diese Erfahrung gemacht. Die Schule schickte ihm Ende 2020 eine Aufforderung zur Dienstaufnahme. Per E-Mail. Sie landete im Spam-Ordner. Der Lehrer reagierte nicht. Daraus wurde unentschuldigtes Fernbleiben, kombiniert mit weiteren Betrugsvorwürfen. Am Ende: vorläufige Dienstenthebung und 30 Prozent Gehaltskürzung.

Vor dem Oberverwaltungsgericht Schleswig-Holstein wollte der Mann das alles wieder loswerden. Erfolglos. Das Gericht stellte klar: Wer dienstlich digital kommuniziert, muss seinen Posteingang inklusive Spam-Ordner regelmäßig prüfen. Der Hinweis „war im Spam" ist juristisch eine Schutzbehauptung, keine Entschuldigung.

Heißt das, dass jeder Beamte jeden Morgen in den Spam-Ordner schauen muss? Im Streitfall ja, sobald ein Konflikt mit dem Dienstherrn läuft. Die Sorgfaltspflicht ist dann besonders hoch.

Das eigentlich harte am Verfahren war aber nicht die Spam-Geschichte, sondern die Hürde im Eilverfahren. Für eine vorläufige Suspendierung muss laut Landesdisziplinargesetz nicht alles minutiös bewiesen werden. Es reicht, wenn die spätere Entfernung aus dem Dienst nach summarischer Prüfung überwiegend wahrscheinlich ist.

Diese Hürde ist absichtlich niedriger als im Hauptverfahren. Hintergrund: Der Dienstherr soll bei dringendem Verdacht handlungsfähig bleiben. Für den Beamten heißt das, dass alle entlastenden Argumente bereits im Eilverfahren auf den Tisch müssen. Wer das Pulver für später aufspart, riskiert vollendete Tatsachen.

Die 30 Prozent Gehaltskürzung sind in der Praxis übrigens oft der eigentliche Hebel. Disziplinarverfahren ziehen sich über Jahre. Wer wirtschaftlich nicht durchhält, gibt irgendwann auf. Behörden wissen das.

Auch der Einwand des Lehrers, die Schule hätte ihn doch nochmal anrufen oder anschreiben können, ließen die Richter nicht gelten. Es sei seine eigene Aufgabe gewesen, sich beim Dienstherrn zu melden und Arbeitsbereitschaft zu zeigen. Mitverschulden der Schule sah das OVG keines.

Die Konsequenz für andere Beamte: Wenn ein Disziplinarverfahren droht, sofort die digitale Erreichbarkeit absichern, jeden Spam-Ordner kontrollieren und Kommunikation lückenlos dokumentieren. Bei einer Suspendierung mit Bezügekürzung möglichst sofort einen Eilantrag prüfen lassen.

Das vollständige Urteil findet ihr unter Az. 14 MB 2/25 beim Oberverwaltungsgericht Schleswig-Holstein, Beschluss vom 9. April 2026.

Kleiner Hinweis am Rande: Das Vorschaubild oben drüber zieht sich Reddit automatisch aus dem Quellartikel. Solche Bilder sind inzwischen fast immer KI-gemacht und haben mit echten Beteiligten oder Schauplätzen nichts zu tun.

arbeitsrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 6 days ago
▲ 29 r/RA_Kotz

Eine Auszahlung im Jahr, aber zwölf Monate Krankenkassenbeitrag. Stimmt das überhaupt?

Was passiert, wenn deine betriebliche Versorgung nur einmal im Jahr aufschlägt, die Krankenkasse dafür aber Beiträge so kassiert, als würdest du jeden Monat Geld bekommen? Und das über zehn Jahre lang?

Das war die Konstellation, mit der sich das Landessozialgericht Rheinland-Pfalz beschäftigen musste.

Eine Frau, Jahrgang 1989, bekommt seit Ende 2020 eine unbefristete Erwerbsminderungsrente. Aus ihrem früheren Job stand ihr zusätzlich eine betriebliche Invalidenleistung zu. Aufgeteilt in 30 jährliche Raten. Insgesamt knapp 50.000 Euro, ausgezahlt jeweils im Februar.

Die Krankenkasse machte daraus rechnerisch eine Kapitalleistung. Klingt erstmal nach Buchhalter-Detail, hatte aber Folgen. Bei einer Kapitalleistung darf die Kasse den Gesamtbetrag fiktiv auf 120 Monate verteilen und jeden Monat Beiträge erheben. Auch in den Monaten, in denen die Frau gar kein Geld bekommen hat.

Das Landessozialgericht hat diese Rechnung kassiert. Eine Kapitalleistung setzt voraus, dass der Anspruch auf die volle Summe bereits feststeht. Hier hing die Auszahlung jeder einzelnen Jahresrate aber davon ab, dass die Erwerbsminderungsrente noch läuft. Fällt die weg, fällt auch die betriebliche Leistung weg. Damit ist die Gesamtsumme von vornherein offen, und das ist juristisch eine laufende Rente.

Beiträge dürfen also nur in dem Monat erhoben werden, in dem das Geld tatsächlich fließt. Im Februar. Der Freibetrag für Versorgungsbezüge gilt dann auch nur für diesen einen Monat.

Noch ein Punkt war wichtig: die Vererbbarkeit. Bei einer echten Kapitalleistung würde ein Restbetrag im Todesfall in den Nachlass fallen. In dem Fall hier sah die Versorgungsordnung aber vor, dass Hinterbliebene einen ganz neuen, eigenen Anspruch bekommen. Die offenen Raten verfallen sozusagen mit dem Tod der Berechtigten. Auch das ist ein klares Indiz für eine Rente.

Was bedeutet das für andere Betroffene? Wer eine Betriebsrente in Raten bekommt, sollte den eigenen Beitragsbescheid mit den Kontoauszügen vergleichen. Zieht die Kasse Beiträge in Monaten ab, in denen kein Cent ankommt? Dann lohnt sich ein Widerspruch, vor allem wenn die Versorgungsordnung an eine andere Rente gekoppelt ist und nichts davon vererbt wird.

Wer es schwarz auf weiß nachlesen will: Das Urteil läuft beim Landessozialgericht Rheinland-Pfalz unter Az. L 5 KR 105/24, entschieden am 19. Februar 2026.

Noch ein kurzer Hinweis zum Bild: Reddit holt das aus der Quellseite das sind oft ki-generierte Bilder, die die Portale "Symbolbild" nennen. Es sind keine echten Fotos.

versicherungsrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 6 days ago
▲ 19 r/RA_Kotz

Spätschicht endet um 22 Uhr und das Tarifwerk verspricht 20 Prozent mehr für Nachtarbeit. Klingt nach klarem Anspruch

Spätschicht in der Logistik. Start um 13:54 Uhr, Schichtende um 22:00 Uhr. Zwei Stunden davon liegen in der tariflich definierten Nachtzeit zwischen 20 und 6 Uhr.

Im Manteltarifvertrag steht: Für Nachtschichtarbeit gibt es 20 Prozent Zuschlag. Klingt nach einem klaren Anspruch.

Die Frage, die das Landesarbeitsgericht Thüringen klären musste: Reicht es, dass die Schicht überhaupt in die Nachtzeit hineinreicht? Oder muss sie überwiegend dort liegen?

Ein Mitarbeiter eines Intralogistikbetriebs klagte über mehrere Monate hinweg fast jeden Cent ein. Ansprüche zwischen 30 und 67 Euro pro Monat, auf insgesamt neun Monate verteilt. In zweiter Instanz wurde die Klage abgewiesen.

Die Begründung des Gerichts ist eine sprachlich-juristische Detailarbeit. Das Wort Nachtschichtarbeit ist nicht definiert. Daraus leitet das Gericht ab, dass die normale Wortbedeutung gilt.

Eine Nachtschicht im Sprachsinn ist eine Schicht, die wesentlich oder überwiegend in der Nacht stattfindet. Nicht eine Schicht, die ein bisschen in die Nacht hineinragt.

Bei zwei von acht Stunden in der tariflich definierten Nachtzeit ist das genau ein Viertel. Das Gericht hat das nicht als überwiegend angesehen. Damit fällt die Spätschicht eben doch nicht unter den 20-Prozent-Zuschlag.

Der Tarifvertrag hat dafür einen anderen Posten. Wer ungeplant in der Nacht arbeiten muss, bekommt 25 Prozent. Mehrarbeit liegt sogar bei 60 Prozent. Der 20-Prozent-Zuschlag ist auf reine Nachtschichten zugeschnitten, nicht auf jede Schicht, die zufällig nachts endet.

Die Differenzierung zwischen diesen Zuschlägen sah das Gericht als sachlich gerechtfertigt an. Tarifparteien dürfen solche Abstufungen vornehmen. Die gerichtliche Kontrolle ist hier auf eine reine Willkürkontrolle beschränkt, weil Tarifautonomie nach dem Grundgesetz besonderen Schutz genießt.

Auch die zwei Stunden tatsächlich nachts dauernde Arbeit waren nicht völlig unbezahlt. Solche Stunden lösen meist andere tarifliche Komponenten aus. Aber eben nicht den großen Nachtschichtzuschlag, der für reine Nachtschichten gedacht ist.

Praktisch heißt das für Arbeitnehmer mit ähnlichen Schichtmodellen: Der genaue Schichtplan zählt. Wer mehr als die Hälfte seiner Schicht im tariflichen Nachtzeitraum verbringt, hat gute Karten auf den Zuschlag. Wer nur ein paar Stunden hineinrutscht, bekommt das, was der Tarif für solche Fälle vorsieht. Mehr nicht.

Wichtig sind tarifliche Ausschlussfristen. Im verhandelten Fall lag die Frist bei zwei Monaten. Wer Ansprüche nicht innerhalb dieser Frist schriftlich geltend macht, verliert sie endgültig. Auch wenn die rechtliche Hauptfrage noch beim Bundesarbeitsgericht liegt, gilt diese Frist weiterhin.

Für die Juristenfans: Das Urteil läuft beim Landesarbeitsgericht Thüringen unter dem Aktenzeichen 4 Sa 127/24, die Revision zum Bundesarbeitsgericht ist allerdings zugelassen.

Übrigens zum Vorschaubild: Das wird automatisch aus dem verlinkten Artikel gezogen. Und da viele Seiten mittlerweile mit KI-Bildern arbeiten, habt ihr meistens eine hübsche Illustration ohne echten Bezug zum Fall vor euch.

arbeitsrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 6 days ago
▲ 12 r/RA_Kotz

Ein Richter sagt im Prozess, er orientiere sich am christlichen Menschenbild. Anwalt sieht ihn sofort als befangen. Das OLG sieht das ganz anders.

Eine Mietstreitigkeit in Hessen. Es geht um Miete und Nutzungsentschädigung für einen Gewerberaum. Der zuständige Einzelrichter regt im Termin einen Vergleich an. Einer der Anwälte der Klägerseite hält die Erwägungen des Gerichts für „rührselig".

Der Richter antwortet darauf, er orientiere sich bei seinen Erwägungen auch am christlichen Menschenbild. Wer dazu keine Beziehung habe, könne das vielleicht als übergriffig empfinden.

Reaktion der Klägerseite: Befangenheitsantrag. Wer christlich denkt, ist nicht neutral, so die Logik dahinter.

Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main wies den Antrag zurück. Mehr als das. Die Richter hielten die Orientierung am christlichen Menschenbild im Rahmen rechtlicher Wertungen sogar für geboten.

Begründung: Das christliche Menschenbild sei ein wichtiger geistesgeschichtlicher Hintergrund des Grundgesetzes. Vor allem die Menschenwürdegarantie und die Grundrechte seien davon geprägt. Daraus folge auch ein Einfluss auf die Auslegung zivilrechtlicher Generalklauseln.

Der Senat unterschied sauber. Der Richter hatte nicht erklärt, er entscheide nicht nach Recht, sondern nach Religion. Er hatte gesagt, dass christliche Werte in seine rechtlichen Wertungen einfließen. Das bewegt sich nach Ansicht des OLG im Rahmen dessen, was die Verfassung erlaubt.

Auch der Kontext spielte eine Rolle. Der Anwalt hatte zuvor das Gericht spöttisch als rührselig bezeichnet. Die Antwort des Richters sah das Gericht als zulässige Reaktion auf eine Formulierung, die das Sachlichkeitsgebot streifte.

Für die Praxis ist das ein selten klares Signal. Befangenheit liegt nicht schon dann vor, wenn ein Richter seine geistesgeschichtlichen Bezüge benennt. Solange die Entscheidung nach Recht und Gesetz fällt, ist die Orientierung an Werten, die das Grundgesetz selbst trägt, kein Ablehnungsgrund.

Den ganzen Fall gibt es beim Oberlandesgericht Frankfurt am Main unter dem Aktenzeichen 2 U 174/24 zum Nachlesen.

Hinweis in eigener Sache: Falls ihr euch über das Vorschaubild wundert, das ist nicht von mir, sondern automatisch von Reddit aus dem Quellartikel gezogen. Und heutzutage sind die Bilder auf Portalen meistens KI-generiert (und auch gekennzeichnet), also nicht denken, dass ihr hier ein echtes Foto von dem Fall seht.

lto.de
u/MelonDusk123456789 — 6 days ago
▲ 51 r/RA_Kotz

Anerkennt die Versicherung erst die BU-Rente und stellt zwei Jahre später wieder ein, kann sie sich raus verhandeln. Klingt logisch?

Klingt logisch. Ist aber falsch.

Eine Krankenschwester im Schichtdienst einer Reha-Klinik bekam 2014 ein Schreiben ihrer Versicherung. Die Eintrittspflicht für die Berufsunfähigkeitsrente sei anerkannt. So weit, so klar.

Knapp zwei Jahre später drehte die Versicherung um. Erst sollte das Anerkenntnis rückwirkend zum Jahresende 2013 befristet sein. Dann gab es im Dezember 2014 eine Vereinbarung über weitere Zahlungen bis Mitte 2015. Wichtig dabei: "ohne Anerkennung einer Rechtspflicht". Klassische Formulierung, mit der sich Versicherer aus Verpflichtungen herauskaufen wollen.

Ab Juli 2015 zahlte die Versicherung gar nicht mehr. Die erste Klage scheiterte beim Landgericht Bielefeld. Dann ging es ins Berufungsverfahren.

Das Oberlandesgericht Hamm hat die Sache komplett gedreht. Mit drei Kernaussagen, die für viele BU-Versicherte nützlich sind.

Erstens: Das ursprüngliche Anerkenntnis von 2014 war ein bindendes Anerkenntnis sui generis. Übersetzt: Eine Zusage eigener Art, die die Versicherung an die Leistung bindet. So lange, bis sie ein ordnungsgemäßes Nachprüfungsverfahren durchführt.

Zweitens: Eine rückwirkende Befristung ist unzulässig. Genau wie der Bundesgerichtshof in einem anderen Fall entschieden hat, kann die Versicherung kein Anerkenntnis im Nachhinein zeitlich beschneiden.

Drittens, und das ist der eigentliche Hammer: Die Vereinbarung "ohne Anerkennung einer Rechtspflicht" wurde als treuwidrig eingestuft. Sinngemäß sagte das Gericht: Wenn die Versicherung mit so einer Klausel die Beweislast umkehrt und der Versicherte plötzlich beweisen muss, dass er weiterhin berufsunfähig ist, ist das ein Verstoß gegen Treu und Glauben.

Die Krankenschwester gewann. Das Anerkenntnisschreiben aus 2014 wurde sogar erst im Berufungsverfahren als Beweis zugelassen, weil der Sachverhalt zwischen den Parteien unstreitig war.

Konkret heißt das für andere BU-Versicherte: Anerkenntnisschreiben sind Gold wert und gehören in den Aktenordner, nicht in den Müll. Vereinbarungen mit der Floskel "ohne Anerkennung einer Rechtspflicht" sind nichts, was man unbedacht unterschreibt. Und wer im Streitfall Post über eine angebliche Beendigung bekommt, hat innerhalb der dreijährigen Verjährungsfrist Zeit für eine Klage.

Für die Juristenfans unter euch: Das Urteil läuft beim Oberlandesgericht Hamm unter dem Aktenzeichen 20 U 369/22, Urteil vom 13. Dezember 2023.

Kurz zum Bild: Reddit blendet automatisch ein Vorschaubild aus der Quellseite ein. Die sind heute meistens aus dem KI-Bildgenerator und dienen nur als Deko zum Artikel. Keine echten Personen, keine echten Gerichtssäle oder echte Fotos…

versicherungsrechtsiegen.de
u/MelonDusk123456789 — 7 days ago