u/Lolitalibani

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Is anyone up for a co-op Multiplayer match of either 1404 oder 1800? I have all DLC, respectively. I also have ample experience in both games. Languages German or English.

Cheers!

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u/Lolitalibani — 6 days ago

Ich teile hiermit mit euch das erste Kapitel aus meinem Buch "Wachstum" ( 2023 ). Darin treffen die beiden wichtigsten Figuren des Buches erstmals aufeinander.

Ich hoffe, ich kann euch auf den Geschmack bringen. Kritik ist erwünscht!

  1. "Dem Wind das Kind"

„Vöglein! Sag mir, bringst du Kunde?“

„Nein, groß Baum, ich dreh die Runde.

Lande nur, dass Flügel ruhn,

Heut und hier auf deinen Ästen.“

„Wirst du wohl, das dir zu tun,

Aufgetragen, nach den Rechten,

Heut und hier verrichten,

Mir von deinem Flug berichten?“

„Werde ich, doch lass mich denken,

Will die Sprache richtig lenken.

Dass ich dir nicht Zeit verschwende,

Doch auch nicht zu früh beende.“

„Lass dir Zeit, doch sprich mir nur,

Hast geleistet, du den Schwur?

Deine Sprache wie Gesang,

Ist es wohl ein süßer Klang.

Uns doch nur, uns alten Bäumen,

Fällt es nicht so leicht, zu singen.

Ists wohl für euch, wie zu träumen,

Ich doch muss groß Kraft erbringen.“

„Sorge nicht, du alter Baum,

Nicht arg kümmert mich der Reim,

Ist es zwar, wie schöner Traum,

So kannst auch ohne Freund mir sein.“

„Freundchen, Freundchen, spricht der Vogel!

Wenn ich mir das mal nicht lobe.

Doch wag ichs nicht, den Reim zu brechen,

Wirst wohl du zuerst mir sprechen?

Was, wenn du ein Spielchen treibst,

In tiefe Fallen du mich treibst?

Ists zwar Recht, wenn ohne Reim,

Ich dir sprech, so sei nicht klein,

Sollst du doch der Erste sein.“

„Wenns mehr nicht ist, mein alter Freund“, sprach der liebe Vogel, „wenn es nur das ist, dann will ich es erbringen. Es ist ohnehin beeindruckend, dass du so lange mithalten wolltest; immer schon. Deswegen aber auch sitze ich so gerne auf deinen Ästen, weil ich weiß, dass du ein besonderer Baum bist. Das sah ich aus der Ferne schon.“

„Besonders, sagst du?“, erwiderte der Baum. „Was heißt es, besonders zu sein, und wie zeigt es sich? Du kannst fliegen und schöne Reime singen, bist du auch besonders?“

„Ich bin ein Vogel. Ein Blausingling sogar. Ich bin hier etwas besonderes, weil meinesgleichen nicht hier ist. Aber Zuhause, wo ich herkomme, wo alle sind wie ich, da bin ich nicht besonders. Ich könnte mich besonders machen, indem ich dir die Augen picke, und alle würden mich fürchten, und das würde mich besonders machen.“

„Ich habe keine Augen“, sprach zufrieden das alte Holz.

„Du hast keine Augen? Wie siehst du dann, fehlt dir nicht ein Stück der Welt?“

„Eigentlich kann ich sehen, wenn ich die Blätter in den Wind halte, wenn er mit ihnen spielt; ich schmecke, das der Wind berührt hat, und so kann ich die Welt sehen; aber Augen habe ich nicht. Und wenn der Regen fällt, bringt er mir Kunde aus den Himmeln an meine Wurzeln, und so kann ich die Himmel sehen; aber Augen habe ich nicht. Die Sonne, wenn sie scheint, so vehement und helle wenn sie scheint, sie brennt mir ihre Geschichten ins Holz, und ich lese sie, und so habe ich viele Zeitalter erlebt, und über viele Zeitalter kann ich aus meinem Holz lesen; aber Augen habe ich nicht. Aber Vater Sonne verlässt mich bald wieder, ich fühle es. Er verlässt mich immer, gleich, wie oft ich ihm sage, wie lieb ich ihn habe.“

„Er geht dort nach da ich herkomme“, sprach der Vogel. „Aber wo ich herkomme brennt er bös auf uns hernieder, und das mag ich nicht gerne haben, also fliege ich nach dort, das unten wir nennen.“

„Und du bist geflohen, weil du wusstest, dass er kommen würde?“

„Man nennt mich verrückt“, sprach stolz der Blausingling, „meinesgleichen, ja, sie nennen mich verrückt. Weil ich die Tage zähle. Alle 481 Tage wird ein Zyklus vollendet, und dass nimmst du durch zwei, also musst du alle 240 Tage fliegen; weit fliegen. Manchmal alle 241 Tage, wenn du genau sein willst, aber nach meiner Erfahrung macht es keinen Unterschied. Aber, wenn du keine Augen hast, mein großer Freund, was ist dann dies?“, und er pickte ins Holz.

„Das war einmal ein Ast. Er ist gebrochen. Er war schwach.“

„Schmerzt es dir, wenn du einen Teil deiner Selbst verlierst?“

„Schmerzt es die Tage, wenn du sie entzwei teilst?“

„Ich kann mit ihnen machen, was ich will. Ich könnte sie auch vierteilen, wenn ich wollte, oder durch acht. Ich könnte auch die Wurzel ziehen.“

„Nein, das machst du nicht. Sonst darfst du nie wieder auf mir sitzen. Die Wurzeln sind, das wirklich schmerzt.“

„Nein, nicht deine Wurzel. Zahlen haben auch Wurzeln, und die würde ich ziehen.“

„Wie soll das funktionieren?“, fragte der Baum neugierig, „wachsen sie denn?“

„Heute hast du hundert Blätter, morgen hast du tausend. Freilich können sie wachsen.“

„Aber wächst eigentlich nicht das, das die Zahl benennt, und nicht die Zahl selbst?“

„Jede Zahl benennt etwas“, sprach der Vogel weis. „Und wenn, das die Zahl benennt, wächst, wächst die Zahl mit. Im Winter kann ich 23 Lieder singen, und der Tag ist um. Im Sommer sind es 45, weil der Tag größer wird, und dann auch mehr Lieder hineinpassen.“

„Du sprichst von Tagen, wieder und wieder. Sag mir, kleiner Freund, was ist das; ein Tag?“

„Ein Tag ist, daraus das Jahr besteht. Wenn es hell wird und hell ist und bald es dunkel wird, bis es dunkel ist, dann haben wir wieder einen Tag geschafft.“

„So, so“, sprach nachdenklich der große Baum. „Und wenn ich aber nicht hell und dunkel sehen kann? Du weißt doch, ich habe keine Augen.“

„Es wird nicht nur hell und dunkel. Es wird auch warm und kalt. Du kennst doch sicherlich kalt und warm, oder nicht?“

„Ja, warm und kalt, das weiß ich. Aber ich habe es noch nie einen Tag genannt. Aber wenn das so ist, dann liegst du falsch.“

„Ich liege falsch?“, fragte neugierig der Zwitscherknabe, „wie kommst du darauf?“

„Ich habe eben in meinem Holz nachgelesen. Hell und dunkel wird es 486 mal im Jahr, wenn ein Jahr ein noch größeres kalt und hell ist, wie du es ja gesagt hast. Nein; ein warm und dunkel, das meine ich.“

„Das ist aber unfair. Ich muss es alles im Kopf behalten, die Zahlen, und du schreibst sie einfach mit.“

„Es ist kein Wettbewerb, mein zarter Freund.“

„Und, wenn es einer wäre; könntest du denn eine Wurzel ziehen? Weil ich kann es nämlich. Soll ich es dir beweisen?“

„Was bringt uns denn eine Wurzel?“

„Die Wurzel ist die Essenz der Zahl. Du musst sie ziehen, und dann weißt du, was die Zahl ausmacht, woraus sie besteht. Die Wurzel aus vier ist zum Beispiel zwei, also besteht die Vier aus der Zwei.“

„Und der Zahl tut es auch ganz sicher nicht weh?“

„Nein, versprochen.“

„Dann sag es mir zur 486. Was ist daraus die Wurzel?“

„Na, ganz einfach. Die Wurzel von 486 ist 484.“

„Das klingt irgendwie nicht ganz richtig.“

„Das dachte ich mir gerade ebenso. Ich habe es noch nie mit einer großen Zahl gemacht. Der kleine Mensch muss es mir falsch erklärt haben.“

„Du hast einen Menschenfreund? Wie hast du denn das geschafft? Sie sprechen nicht mit mir. Sie sehen mich an und staunen, und weiter sagen sie nichts.“

„Vielleicht sprechen sie im Staunen mit dir. Du bist wirklich ein schöner Baum.“

„Ich hätte es lieber, sie würden wie du mit mir sprechen. Mit Worten, denn Worte sind mir lieb. Auch, dass du im Vogelsang zu mir gekommen bist; wie hab ich mich gefreut!“

„Aber du hast doch im Vogelsang angefangen. Da sing ich dir freilich zurück.“

„Nein, ich habe dich nur gefragt, ob es etwas zu erzählen gibt.“

„Dann sag es nächstes Mal nicht im Trochäus, mein großer Freund. Wenn ich einen Vers höre, muss ich einfach singen.“

„Was ist denn ein Trochäus?“, fragte der Gigant in frischer Neugier.

„Das ist ein Satz im Versmaß“, sprach der Sänger stolz.

„Und ein Versmaß? Was ist das?“

„Das ist die Mathematik der Sprache.“

„Muss ich dazu auch eine Wurzel ziehen?“

„Nein. Sag mal eine Zahl, mein großer Freund.“

„486.“

„Kleiner.“

„22.“

„Nein. Noch viel kleiner.“

„Aber alles, was kleiner ist als drei, das ist langweilig.“

„Dann sag ich eine Zahl. Acht. Wenn das Versmaß acht ist, musst du jetzt einen Satz mit acht Silben sagen. Und der Trochäus hat vier Hebungen, und vier Fälle, die musst du auch einbauen.“

Der große Baum überlegte lange.

„Ein Gipfel“, fing er an. „Berg, Hang, Hügel, nochmal ein Hang, weil er kann ja auch bergab gehen. Das große Tal, und ein Wasserfall… Also das mit den Hebungen und den Fällen verstehe ich, aber wie soll ich daraus einen Satz machen?“

„Du hast ja auch ganz falsch angefangen. Nicht wirkliche Hebungen und Fälle, sondern, was du hörst, das ist hoch und runter. Wenn ich dir Hallo sage, dann ist Hal die Hebung, und Lo ist dann der Fall, und Hallo hat dann auch zwei Silben. Ich sage dir einen Trochäus.

Willst du, alter Birkenfreund?“

„Ja, schon. Sag mir einen Trochäus. Aber ich bin keine Birke. Und Birkenfreunde habe ich auch nicht.“

„Das war der Trochäus, ich habe die Frage selbst ins Versmaß gebracht. Aber du solltest das wissen, du hast doch selbst darin gesprochen, eine ganze Weile lang, und du hast gar auf meinem Niveau mitgehalten, das übrigens sehr hoch ist. Sogar unter uns Blausinglingen.“

„Ja, aber ich habe dabei nicht die Silben gezählt, und auch nicht darauf geachtet, ob es steigt und fällt.“

„Das habe ich auch nie. Aber der kleine Mensch hat es mir so erklärt. Es gibt auch noch Terzinen, meinte er zu mir. Aber die gefallen mir nicht. Wenn ich sie höre, kommt es mir so vor, als müsste ich den Reim in ihnen suchen. Und symmetrisch ist die Terzine auch nicht, weil Terz ist drei, und eine drei kann nicht symmetrisch sein. Außer, du hast ein gleichseitiges Dreieck, und eine Achse dreierlei dazu. Dann ist das Dreieck auch symmetrisch, aber auch nur in drei Dimensionen.“

„Jetzt erfindest du Sachen.“

„Nein. Ganz wirklich, das hat mir der kleine Mensch so erklärt.“

„Die Menschen schaffen es wohl, sich gar alles zu erklären.“

„Ja, schon. Aber das Lustige ist, dass sie, je mehr sie sich erklären, immer weniger eigentlich wirklich verstehen.“

„Ist das so?“, fragte der Große.

„Ja. Mein Freund hat eine Strecke gesteckt, und er hat mich fliegen lassen, und am Schluss hat er mir gesagt, wie schnell ich fliege. Aber er selbst kann nicht wirklich fliegen.“

„Aber er konnte ja, bevor er sich das alles erklärt hat, davor konnte er doch auch nicht fliegen.“

„Du bist ein richtiger Spielverderber; weißt du das? Ich weiß, dass ich recht habe, sonst würde es nicht so klug klingen. Ich habe bisher immer recht gehabt. Nur bei dir nicht.“

„Aber du wirst mich deshalb doch nicht verlassen? Ich will kein Spielverderber sein.“

„Ich bleibe hier, ich mag dich. Außerdem ist das hier im Umkreis von 17 Meilen der einzige richtige Schatten.“

„Will ich wissen, was eine Meile ist? Kommt das auch wieder von deinem Menschenfreund?“

„Ja, kommt es. Eine Meile misst eine Strecke, soweit ich weiß. Ich könnte sogar dich messen, und dann sage ich dir eine Zahl von Meilen.“

„Und wie misst man etwas?“

„Du schaust den Anfang und das Ende an. Das dazwischen ist die Strecke. Soll ich dich messen?“

„Ja, messe mich“, freute sich der Baum.

Und der Blausingling flog davon, flog auf und ab, links und rechts, sang dabei ganz schön, landete bald wieder auf ihm, dieses Mal auf einem neuen Ast, weiter oben in der Krone.

„Und“, fragte der Baum, „wie groß bin ich nun?“

„Sieben. Du hast sieben tragende Balken, das habe ich gesehen. Aber ich habe ganz vergessen, dass man zum Messen ein Messinstrument braucht. Ich könnte einen Zweig nehmen, aber das dauert zu lange, in dieser Zeit rede ich lieber mit dir. Und dann könnte ich dir deine Größe auch nur in Zweigen sagen, und nicht in Meilen. Aber, dass du groß bist, das habe ich auch ohne ein Instrument gesehen. Sehr groß sogar. Großer als alle Bäume, die ich kenne, zusammengenommen, und dann mal sieben.“

„Jetzt übertreibst du wieder.“

„Und wenn schon. In der Sprache darf man übertreiben, dazu gibt es sie. Aber sag mir, großer Freund, wieso bist du so groß?“

„Ach, weißt du, mein lieber Freund; ich würde lieber nicht darüber sprechen. Stell mir eine andere Frage.“

„Ist die Antwort denn so schlimm? Hast du denn deinen Nachbarn das Wasser geraubt; bist du deshalb so allein und groß?“

„Nein. Ich stehe alleine, dass man mich finden kann. Vater sagte, dass das mein Schicksal ist.“

„Und wer ist dein Vater?“

„Stell mir bitte eine andere Frage.“

„Nein, jetzt will ich es wissen.“

„Aber du wirst mich alleine lassen, wenn du die Antwort hörst. Ich rede gerne mit dir.“

„Du wirst schon keinen gefressen haben. Das machen Bäume nicht. Nein, ich verspreche dir, dass ich bei dir bleibe, und dass ich weiter mit dir reden werde. Und jetzt erzähl mir von deinem Papa.“

„Vater nenne ich ihn. Papas sterben irgendwann.“

„Jeder stirbt irgendwann. Auch dein Papa.“

„Sag bitte Vater, wenn du ihn meinst. Für mich. Und er kann nicht sterben. Er ist unsterblich“

„Ist recht. Wer ist dein Vater, wenn er unsterblich ist? Ist er denn wichtig?“

„Gott ist mein Vater.“

„Gott ist auch mein Vater. Gott ist unser aller Vater, und Gott ist sogar von Gott der Vater.“

„Nein. Ja, schon, du hast schon recht. Aber ich meine es anders. Vor vielen Jahren hat Gott einen Samen genommen und ihn in die Erde dieser Welt gesteckt. Aus dem Samen kam ein Baum und aus dem Baum alles Leben auf der Welt. Ich bin dieser Baum. Deswegen bin ich auch so groß.“

„Du bist…? Nein. Das glaube ich nicht. Hast du denn einen Beweis dafür?“

Ein Zweig begann zu zittern, wand sich, berührte den Schnabel des Kleinen.

„Kein Baum kann sich bewegen“, sprach bestimmt der Singer. „Aber du kannst dich bewegen. Ich glaube dir.“

„Und, verlässt du mich jetzt?“

„Nein, wieso? Ich habe dir doch versprochen, dass ich bleibe. Aber du musst mich kurz entschuldigen.“

„Das kannst du auch hier machen.“

„Nein, nicht das. Etwas anderes.“

„Dann sollst du entschuldigt sein.“

Und der Vogel flog davon, flog Schleifen, Schlaufen, durch Regen und Traufen, sang sein schönstes Lied, landete bald wieder auf den Ästen, landete auf dem höchsten, der bis in den Himmel über die Krone hinaus gewachsen war.

„Wieso bist du geflogen?“, fragte der Baum. „Ich dachte schon, du verlässt mich.“

„Ich wollte mich nur kurz freuen“, bekundete der Vogel, ganz außer Atem. „Ich bin doch jetzt im Schicksal dieser Welt verewigt! Weil ich mit dir gesprochen habe.“

„Du hättest dich aber auch hier bei mir freuen können. Das hätte mich gefreut. Die meisten verschwinden immer, weil sie Angst vor mir haben, weil sie eigentlich nur mit einem normalen Baum sprechen wollten. Sie entschuldigen sich dann immer ganz bepeinlicht.“

„Ja, aber ich bin ein Vogel, ich freue mich beim Fliegen, und ich fliege, wenn ich mich freue. Aber jetzt bin ich ja wieder hier. Kannst du mir sagen, wie alt die Welt ist? Du warst ja der Erste hier, du musst es wissen.“

„Ich könnte in meinem Holz nachsehen und die Ringe zählen, aber dann reden wir schon wieder über Zahlen. Ich mag nicht weiter über Zahlen sprechen, und auch nicht an sie denken.“

„Und ungefähr?“, fragte der Singer weiter.

„Ungefähr sind wir im ersten Zeitalter.“

„Was ist; sind wir nun im ersten Zeitalter oder nicht?“

„Ja. Ziemlich genau sogar im Ersten.“

„Und was ist ein Zeitalter?“

„Mein Vater nennt die Zyklen der Menschen Zeitalter. Wenn sie anfangen und die Welt erkunden, und wenn sie erkundet haben schließlich ihren Ursprung aus den Augen verlieren. Wenn die Menschheit sich schließlich verfehlt hat, ist ein Zeitalter vollendet, und ihre Zivilisation wird von Neuem beginnen.“

„Das macht doch keinen Sinn. Wieso sollten sich die Menschen verfehlen? Und wieso schafft Gott den Mensch, macht ihn so schlau, nur, dass er sich dann verfehlt?“

„Ich sag ja nicht, dass sie sich verfehlen. Aber wenn, dann werden sie ausgelöscht, und das Zeitalter ist vollendet.“

„Und dann beginnt es von neu.“

„Richtig. In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort.“

„Und wie oft wird das passieren? Wieviele Zeitalter wird es geben?“

„Das hat mir mein Vater nicht gesagt. Ich nehme an, es passiert so oft, bis sie es geschafft haben.“

„Bis sie was geschafft haben?“

„Das hat mir mein Vater nicht gesagt. Aber der Mensch ist wohl so etwas wie ein Samen, und es muss ein Baum aus ihm wachsen.“

„Dein Vater ist ziemlich poetisch. Er könnte bestimmt auch wundervolle Verse schmieden.“

„Kann er. Er hat mir sogar einen verraten, als ich selbst noch nicht so recht sprechen konnte. Ich fand die Sonne so schön und wollte meinen Freunden meine Freuden mitteilen. Also hat er gesagt, ich soll

Der Schein der Sonne,

So wahr ich lebe,

Treibt die Wonne

In die Seele.

Sagen, wenn ich es sagen will und mir die Worte fehlen. Ich habe mir das Gedicht bis heute gemerkt, das hast du ja selbst gemerkt. Ich kann sogar noch seine Stimme hören, wenn ich das Gedicht denke.“

„Gott hat eine Stimme? Und er spricht mit dir? Ich dachte, er wäre eine Kraft. Und Kräfte können nicht sprechen.“

„Aber es kostet Kraft, zu sprechen. Und er ist die Kraft, die sprechen macht.“

„Du weißt schon, was ich meine. Ich könnte niemals mit ihm sprechen. Ich bin nur ein Blausingling, und wie mich gibt es viele. Wie kam es eigentlich, dass aus dir so etwas wie ich wurde; ein Blausingling?“

„Das kann ich ihn gerne fragen, für dich. Dann hat er auch zu dir gesprochen.“

„Ja, frag.“

Zeit verging im Schweigen.

„Irgendeine Säure“, fing der Baum an, der Singer erschrak. „Es ist irgendeine Säure, die sich spaltet, und das soll so etwas wie ein Bauplan sein. Wenn du eine Vogelfrau findest, mischt sich dein Bauplan mit ihrem, und ein Vogelkind entsteht. Und bei mir, weil ich ja der Erste bin, ist mein Bauplan formbar, und jeder, der kommen will, eine Gattung zu gründen auf dieser Welt, jeder darf sich aussuchen, wie er aussehen will, und ich mache dann die richtige Säure in den Samen.“

„Kannst du mir dann eine Vogelfrau schaffen? Ich bin einsam, weißt du. Ich bin der einzige Vogel, der nach dem Winter fliegt. Aber ich will sie nicht sauer haben. Ich will ein süßes Vogelkind, und so soll auch meine Frau süß sein.“

„Nein, die Säure ist nur ein Wort, hat er gesagt. Ich glaube nicht, dass es auch sauer schmeckt. Wenn mir, dir eine Vogelfrau zu schaffen, auf den Plänen stünde, könnte ich sie für dich erschaffen. Aber ich kann es nicht steuern. Ich blühe im Moment ohnehin nicht. Wir Bäume sollen eigentlich auch gar nicht so viel denken, hat er gesagt. Er hat mich auch gescholten, dass ich so viel mit dir spreche. Weil ihr Vögel wohl nie aufhört, zu reden, und ich mir das dann selbst eingebrockt habe, wenn du morgen noch bei mir bist.“

„Aber ich rede doch nicht viel. Rede ich viel?“

„Schon. Aber ich hatte lange niemanden, mit dem ich sprechen konnte.“

„Wieso nicht? Kommen denn die Menschen nicht, um mit dir zu sprechen?“

„Sie staunen doch nur. Das habe ich dir schon gesagt. Die Männer trauen sich nicht, mit mir zu sprechen.“

„Dann kann ich meine Talente spielen lassen. Ich lasse fortan jeden, den ich treffe, Mensch oder Vogel, Hase oder Hund, jeden lasse ich wissen, dass du mit den Menschen sprechen willst. Bald werden sie kommen.“

„Aber sie verstehen dich nicht. Kein Mann wird kommen.“

„Die Kinder verstehen mich. Und manche Frauen. Ein Mann hat mich einmal auch verstanden, so halb zumindest. Ich glaube, er hat ein Gedicht über mich geschrieben. Und Kinder werden irgendwann erwachsen, und schließlich sind sie Männer geworden, und dann kommen sie zu dir.“

„Und die Frauen? Ich wusste nicht, dass die Menschen Frauen haben. Ich habe noch nie eine gesehen.“

„Die Frauen, o, die Frauen! Ja, ich sag es ihnen, und sie kommen auf der Stelle, ja, ganz richtig, sie werden kommen, versprochen. Ich dachte, du wolltest mit Männern sprechen. Nein, Frauen, ich weiß nicht, was dein Vater gemacht hat, aber sie sind ganz anders als die Männer. Sie haben wohl feinere Ohren, und einen feineren Sinn. Sie sind wie wir Vögel, sie sprechen auch ganz viel, weil sie sich an so viel erinnern können, und weil ihnen ihre eigene Stimme so gut gefällt. Sie haben aber auch wirklich schöne Stimmen. Du wirst eine Freude mit ihnen haben. Aber wenn du eine Geschichte hören willst, wie jemand mit einem Drachen ringt, einen Drachen erschlägt, dann musst du auf einen Mann warten.“

„Wieso sollte man einen Drachen erschlagen?“

„Die Drachen klauen die Menschenfrauen. Der Mann muss sie retten, und den Drachen erschlagen.“

„Und wieso stiehlt der Drache einen Menschenfrau?“

„Es sind Menschengeschichten; wer versteht sie schon?“

„Also sind es nur Geschichten, und niemand hat einen Drachen erschlagen.“

„Ja.“

„Da bin ich froh. Ich liebe die Drachen, ich liebe sie sehr. Auch wenn ich ihnen einen großen Preis zahlen muss, damit sie mich nicht verbrennen.“

„Womit könnte ein Holzbaum einen Drachen bezahlen?“

„Weißt du denn nicht? Ich kann Wünsche erfüllen.“

„Wirklich?“, kam es in allen Freuden. „Dann will ich ein großes Nest und eine Vogelfrau, und ich will fünf, nein, sieben kleine Vögelchen! Schaffst du das?“

„Willst du nicht selbst nach einer Frau suchen, selbst ein Nestchen für dich und sie bauen, und selbst, du weißt schon?“

„Vögeln. Ja, vögeln. Wieso heißt das so? Kannst du deinen Vater fragen, wieso es so heißt?“

„Eine interessante Frage, um der eigentlichen auszuweichen.“

„Da hast du wohl recht.“

„Du sitzt gerade auf meinem höchsten Ast. Weißt du, wie es so weit kommen konnte?“

„Ich bin hoch geflogen, bin darauf gelandet.“

„Nein. Ich war ein Samen und habe getrieben, habe über Jahrtausende hinweg Wasser und Luft im Licht zu Holz gesponnen. Diesen Ast, auf dem du sitzt, den habe ich mir vor Kurzem erst wachsen lassen, es hat 270 Jahre gedauert.“

„Und worauf willst du hinaus?“

„Dass wir Bäume die Zeit und nichts nicht austricksen können, dass es alles Zeit braucht, und der Weg von Anfang bis Ende, Schritt für Schritt gegangen werden muss. Dass du, nur weil du ein Vogel bist und es theoretisch könntest, nicht nach Auswegen und Abkürzungen suchen sollst. Zu finden ist nicht schön, wenn man nicht zuvor gesucht hat. Wespen schmecken dir auch nicht, wenn sie sich einfach auf diesen Ast setzen würden, dass du sie picken kannst.“

„Aber, wenn ich zaubere und dir eine Menschenfrau bringe, dann würdest du dich schon freuen, oder? Es wäre auch eine Abkürzung.“

„Ich hätte 9600 Jahre auf sie gewartet. Und bei mir ist das etwas anderes, ich bin nämlich weise.“

„Jetzt hast du mir doch gesagt, wie alt die Welt ist. Ich danke dir, mein großer Freund.“

„Nein, das ist nur, da der erste Mensch geworden ist. Die andere Zahl ist noch größer. Und du bist schon wieder der Frage ausgewichen.“

„Was willst du denn hören? Ich bin einfach anders als die anderen, werde immer schief angeschaut, wenn ich nur den Schnabel aufmache. Ich habe Angst, dass die Linie meiner Väter mit mir enden wird. Wenn ich könnte, würde ich die Abkürzung nehmen.“

„Es gibt auch Vogelfrauen, die anders sind, als die anderen. Du wirst deinen Gegenüber finden.“

„Kannst du mir das versprechen?“

„Ich sehe, dass es so kommen wird. Ich muss es nicht versprechen.“

Und der Vogel war verschwunden, flog Schleifen, Schlaufen, durch Regen und Traufen, sang sein schönstes Lied, landete bald wieder auf den Ästen, landete auf dem höchsten, der über die Krone hinaus bis in den Himmel gewachsen war.

„Hast du dich wieder gefreut?“, fragte der Baum liebevoll.

„Ja. Mehr sogar noch, als davor. Danke dir, mein großer Freund. Die Luft ist heute aber auch besonders tragfähig, flugwürdig. Spürst du das auch, an deinen Blättern? Ich fühle es, wenn ich schlage, manchmal hebt es mich eine, manchmal zwei Meilen. Gerade eben hat mich ein Schlag drei Meilen gehoben, es hat sich fast wie Wasser angefühlt.“

„Ich spüre es, mein zartes Freundchen, ich spüre es. Sag mir, ist es denn schon Nacht?“

„Nacht? Nein, es ist der helllichte Tag. Wieso?“

„In der Nacht würdest du schlafen, und du würdest aufhören, zu sprechen. Du hast mich müde gemacht.“

„Herrje, müde? Wieso? Waren das die vielen Zahlen?“

„Nein, das warst du. Du stellst so viele Fragen, es strengt mich an. Ich bin noch ein Kind, weißt du.“

„Also soll ich dich alleine lassen.“

„Würdest du?“

„Wenn du mich weiter deinen Freund nennst, wenn du an mich denkst, dann schon. Und wenn du mir versprichst, dass ich im Schicksal dieser Welt verewigt bin, das würde mich freuen; wenn meiner Kinder Kinder noch von meinem Namen wissen. Weil du hast ja gesagt, dass ich Kinder haben werde. Aber nur die Menschen haben Namen, das ist auch wieder richtig, sie können meinen Namen doch gar nicht wissen. Die Menschen habens gut. Sie haben Namen. Sie wissen, wer sie sind. Das ist schön. Ich wäre gerne ein Mensch. Aber dann könnte ich nicht mehr fliegen, nein, nein. Ich bleibe ein Vogel. Dann habe ich halt keinen Namen.“

„Menschen haben nur Namen, weil sie sich Namen geben.“

„Daran habe ich noch nicht gedacht. Ich dachte, sie haben einfach welche. Moment, dann kannst du mir doch einen Namen geben, oder nicht? Willst du mir einen Namen geben?“

„Ich kann dich Vogel taufen. Alles andere würde dich verwirren.“

„Dann taufe mich Vogel.“

Der Baum streckte einen Zweig nach ihm.

„Ich taufe dich Vogel“, sagte er schließlich.

„Danke, mein großer Freund.“

„Ich wünsche dir, dass du noch mehr Freunde finden wirst, außer mir. Fliegst du nun?“

„Ich traue mich nicht, mit den Tieren zu sprechen. Also, ich traue mich, mit Tieren zu sprechen. Aber nicht mit den Tieren, die es hier gibt. Ich kenne sie noch nicht gut. Sie könnten mich fressen wollen. Aber ich kann mit anderen Bäumen sprechen, wenn ich weiterfliege. Es gibt viele nette Bäume. Auch, wenn ich wohl keinen zweiten Baum treffen werde, der in Versen sprechen kann. Sag, kannst du mir noch einen Vers singen? Ich werde mit einem Reim erwidern.“

„Ihr hört wohl wirklich nicht auf, zu sprechen.“

„Nein, wieso auch? Sprechen ist schön.“

„So sollst du sprechen dürfen.“

„Wenn es der Weltenbaum mir erlaubt hat, dann will ich mehr noch sprechen, als je zuvor. Wer hat denn eigentlich die Sprache erfunden? Und wieso sprechen die Menschen hier anders als rechts?“

„So ist zwischen uns nun genug gesprochen. Fliege sicher, und mach es gut, kleiner Freund.“

„Mach es besser“, sprach der Kleine, und er flog davon.

„He, du!“, hörte der Baum ihn, im Fluge längst, „he, du, schöne Amsel“, sang er, „ich habe eben mit dem Weltenbaum gesprochen! Ich bin im Schicksal dieser Welt verewigt!“

Doch bald war es nurmehr ein schönes Zwitschern, das er hörte, und der Baum konnte endlich ruhen.

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u/Lolitalibani — 12 days ago