u/JangOtt

Die letzte Wirklichkeit

Jahr 8326

Die Ozeane waren längst verschwunden, verdampft zu endlosen Wüsten die längst jede Bedeutung verloren hatten. Die Kontinente waren zu gebleichten Ebenen geworden, in denen sich das Sonnenlicht brach wie auf Glas. Wind hob den Staub der gelegentlich über die leblosen Weiten Zog. Und doch war die Menschheit nicht verschwunden.

Der Termilog war kein Ort, er war eine Maschine aus lebendem Metall, der hoch über dem Boden schwebte. Eine endlose Sammlung von Daten und Möglichkeiten, ein Netzwerk aus Bewusstsein, das sich selbst neu schrieb. Jeder Mensch lebte dort in seinem eigenen Nexus**.** Einem Universum, das sich den eigenen Vorstellungen unterwarf. Man konnte alles sein. Ein General in einer Schlacht, die längst vergangen war. Ein Tier, auf einer weiten grünen Landschaft. Ein Gast in einem Café im Paris der frühen 80er, mit Musik, die nie alt wurde. Oder einfach… glücklich, je nach dem wie man glücklich interpretierte.

Ela war gerade genau das. Sie saß an einem kleinen Tisch, in ihrem Lieblingscafé. Die Tassen klirrten leise, Stimmen vermischten sich mit dem Rauschen von Gesprächen, die nie wirklich endeten. Die Abendsonne fiel schräg durch das Fenster, genau so, wie sie es liebte. Es war perfekt. Und genau deshalb stand sie auf. Nicht aus Unzufriedenheit. Eher aus Neugier. Oder vielleicht aus einem Rest von etwas, das früher einmal „Realitätssinn“ gewesen war. Sie verließ ihren Nexus. Der Übergang war kein Bruch, es war kein Schmerz. Es fühlte sich an, wie ein Loslassen. Als würde man aus einem Traum erwachen ohne ihn zu verlieren. Ela spürte sich, nicht abrupt, sondern sanft. Ein Gefühl von Form, das sich langsam sammelte, wie wenn sich Gedanken zu Materie verdichten würden. Nanobots begannen, ihren Körper zu rekonstruieren. Kein mechanisches Zusammenfügen von Teilen. Es war fließend und Elegant. Zellen entstanden aus Lichtpunkten, die sich organisch verbanden. Strukturen bildeten sich, als hätten sie immer schon so existiert. Empfindungen kehrten zurück. Es fühlte sich an wie erinnern, dass man existiert.

Ela öffnete die Augen. Die Realität war still. Der Boden unter ihren Füßen war warm. Jeder Schritt erzeugte ein leises Echo, das sich verlor. Sie war allein, wie fast immer. Die meisten blieben immer im Termilog. Warum auch nicht? Dort gab es alles, was man sich wünschen konnte. Hier draußen gab es nur das, was übrig geblieben war.

„Du gehst auch raus, hm?“

Ela drehte sich um.

Ein anderer Mensch stand einige Meter entfernt.

„Manchmal“, antwortete Ela.

Er nickte.

„Ich bin Veron.“

„Ela.“

Sie gingen nebeneinander, ohne Ziel.

Der Boden war hell, fast weiß. Die Sonne bewegte sich nicht sichtbar, und doch veränderte sich das Licht. Es wurde weicher, dann wieder härter.

„Schon komisch“, sagte Veron nach einer Weile.

„Ich vergesse immer, wie still es ist“, führte er fort.

Ela nickte leicht.

„Im Termilog ist es nie wirklich still.“

„Dort ist immer etwas.“

„Weißt du noch, wie es früher war? Früher war das hier alles.“, sagte Veron.

Ela antwortete nicht sofort.

„Nicht genau“, sagte sie dann. „Es ist nur noch… wie ein Gefühl.“

Ela sah sich um.

„Jetzt ist die Welt nur noch ein toter Hintergrund.“

...

„Und trotzdem kommen wir her.“

Veron sah in die Weite.

„Ich glaube, es war nicht perfekt.“

Sie setzten sich auf eine flache Erhebung, die vielleicht einmal ein Gebäude gewesen war. Oder ein Hügel.

„Warum gehst du raus?“, fragte Ela.

Veron überlegte lange.

„Weil im Termilog alles Sinn ergibt“, sagte er schließlich.
„Und ich manchmal wissen will, wie sich Sinnlosigkeit anfühlt.“

Ela lächelte.
„Das ist… eine seltsame Sehnsucht.“

Veron atmete tief aus.

„Im Nexus kann ich alles erleben“, sagte er leise.

„Aber nichts bleibt. Weil nichts verloren gehen kann.“

Ein Windstoß zog über die Ebene, hob Staub an, der sich sofort wieder legte.

„Ich war gestern in einem Wald“, sagte er.
„Alles war perfekt. Jeder Baum, jedes Geräusch.“

„Und?“

„Ich wusste, dass es nicht sterben kann.“

Ela sah ihn an.

„Und das hat es kaputt gemacht?“

„Glaubst du, wir haben uns gerettet?“, fragte Ela.

Veron antwortete lange nicht.

„Ich glaube… wir haben etwas bewahrt“, sagte er schließlich.
„Aber nicht das, was es besonders gemacht hat.“

Ela sah auf ihre Hände. Sie waren Perfekt geformt, ohne Fehler.

„Ich vermisse etwas“, sagte sie leise.
„Aber ich weiß nicht mehr, was.“

Ela dachte an ihr Café. An die Stimmen, die immer genau richtig waren. Das Licht, das nie zu hell oder zu dunkel war und an die Menschen, die nie wirklich gingen.

„Es fühlt sich echt an“, sagte sie.

„Ja“, sagte Veron. „Aber es widerspricht uns nie.“

„Glaubst du, wir haben etwas verloren?“, fragte Ela leise.

Veron sah auf richtung Horizont.

„Vielleicht nicht verloren“, sagte er.
„Vielleicht haben wir es übertroffen.“

„Und jetzt?“

Er zuckte leicht mit den Schultern.

„Jetzt erinnern wir uns manchmal daran, dass es mal Grenzen gab.“

Ela schloss kurz die Augen. Für einen Moment war sie wieder im Café.
Dann wieder hier. Beides fühlte sich real an und gleichzeitig keines vollständig.

„Ich gehe gleich zurück“, sagte sie.

Sie standen auf. Für einen kurzen Moment sahen sie sich an, als wollten sie sich etwas merken. Ein Detail, ein Gefühl, irgendetwas, das nicht reproduzierbar war. Aber sie wussten beide, im Termilog konnten sie sich jederzeit wieder begegnen. Und trotzdem war es nicht dasselbe. Dann spürte Ela, wie ihr Körper begann, sich aufzulösen. Wie ein Nachlassen von Gewicht, ein sanftes Zurückgleiten. Und für einen kurzen Moment, bevor sie vollständig verschwand, dachte sie. Das etwas nur dann wirklich existiert, wenn es verloren gehen kann.

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u/JangOtt — 8 days ago

Wir waren bereits viele Tage unterwegs. Der Boden war schwarz und rissig. Ich erinnere mich nicht mehr an die Strecke. Nur an das Gehen. Schritt für Schritt, ohne Ziel, ohne Gedanken. Der Durst war das Schlimmste. Nicht wie Schmerz. Eher wie etwas, das langsam alles andere verdrängt. Einige fielen einfach um. Niemand fragte nach ihnen. Hinter uns lag der Weltenbrand. Vor uns lief ein Mann. Niemand sprach seinen Namen laut aus. Wenn er stehen blieb, blieben wir stehen. Wenn er weiterging, folgten wir, als wüsste er mehr als wir. Er sprach von einem Blitz. Sagte, er hätte ihn gesehen, weit entfernt, irgendwo jenseits der Einöde. Ein Zeichen. Ein Ort, an dem noch Wasser war. Die meisten glaubten ihm. Ich auch.

Ob es Sinn ergab, wusste niemand von uns. Vielleicht war es die Verzweiflung, die uns vorantrieb, vielleicht auch nur der stille Wahnsinn, der sich in den letzten Tagen in uns festgesetzt hatte, als wir immer weiter durch diese tote Landschaft gingen. Und doch folgten wir ihm.

Tag für Tag, ohne zu hinterfragen ob dieser Blitz von dem er sprach mehr war als nur ein letzter Rest Hoffnung, an den wir uns klammerten weil es nichts anderes mehr gab. Ich erinnere mich das sich etwas veränderte, lange bevor wir es wirklich verstanden. Der Boden unter unseren Füßen wurde weicher, weniger rissig. Zuerst waren es nur kleine Flecken, kaum sichtbar, ein Hauch von Grün zwischen dem Schwarz. Dann wurden sie mehr. Jemand hinter mir begann zu sprechen als hätte er Angst, dass das was wir sahen wieder verschwinden könnte. Die Reihen gerieten in Bewegung, schneller und unruhiger. Der Mann vor uns blieb schließlich stehen, und wir sahen es alle gleichzeitig. Vor uns lag ein Tal. Pflanzen, dicht und lebendig, als wäre das Feuer einfach drum herum marschiert. Tiere die sich zwischen ihnen bewegten, vorsichtig aber unversehrt. Und Wasser. Eine Quelle klar genug, dass man den Grund erkennen konnte. Ich ging nach vorn ohne auf die anderen zu achten, ließ mich auf die Knie fallen und tauchte meine Hände hinein. Das Wasser war kalt. Ich trank hastig als könnte es mir wieder genommen werden, als wäre selbst dieser Moment nur geliehen. Und zum ersten Mal seit Tagen dachte ich nicht mehr nur an den Durst.

Der Mann ließ den Blick über uns wandern, als würde er prüfen, ob wir bereit waren ihm weiter zu folgen. Jetzt wo wir zum ersten Mal seit Tagen nicht mehr nur aus Durst und Erschöpfung bestanden. Neben mir flüsterte jemand seinen Namen. „Sterling…“ Ein anderer wiederholte ihn leiser, beinahe ehrfürchtig. „Maurice Sterling.“ Ich hatte den Namen schon gehört, irgendwo auf dem Weg hierher zwischen all den Stimmen. Doch hier in diesem Moment, klang er anders. Bedeutender. Sterling hob leicht den Kopf, als hätte er das Flüstern gehört. Oder vielleicht hatte er einfach gewusst, dass es kommen würde.

„Namen spielen keine Rolle mehr“, sagte er ruhig. „Nur das, was wir sein werden.“

Er wartete bis wir getrunken hatten, bis niemand mehr zu Boden ging. Bis sich die Bewegung in der Menge beruhigt hatte. Erst dann sprach er wieder und obwohl seine Stimme ruhig blieb, wurde es still um ihn.

„Vor vielen Jahrhunderten“, begann er, „gab es zwei Kinder. Man fand sie in der Wildnis, verlassen und dem Tod überlassen.“

Niemand unterbrach ihn.

„Eine Wölfin nahm sie auf und säugte sie, als wären es ihre eigenen.“

Einige von uns senkten den Blick, andere sahen ihn nur noch fester an, als müssten sie sich an seinen Worten festhalten.

„Diese Kinder wuchsen heran und bauten eine Stadt. Und aus dieser Stadt wurde ein Zentrum. Und aus diesem Zentrum… ein Imperium.“

Seine Stimme wurde nicht lauter, aber sie gewann an Gewicht.

„Nicht, weil sie stärker waren als alle anderen. Weil sie verstanden haben, was notwendig ist.“

Ich spürte, wie sich etwas in der Menge veränderte. Die Unruhe, die uns so lange begleitet hatte, wich langsam zurück und machte Platz für etwas anderes.

„Wir sind nicht hier, weil wir Glück hatten“, sagte er. „Wir sind hier, weil wir ausgewählt wurden.“

„Dieses Tal ist kein Zufall. Es ist der Anfang.“

Seine Hand hob sich leicht, als würde er etwas Unsichtbares berühren, etwas, das nur er sehen konnte.

„Wir werden hier etwas erschaffen, das größer ist als wir selbst.“

Ein leises Murmeln ging durch die Reihen, zustimmend, fast erleichtert.

„Kein Imperium“, sagte er dann klar. „Ein Zentrum.“

Das Wort blieb in der Luft hängen, schwer und unausweichlich.

„Nicht von einem Land… sondern von allem.“

Niemand bewegte sich. Niemand sprach.

Ich spürte, wie die Erschöpfung in mir nachließ, nicht weil sie verschwunden war. Weil sie plötzlich einen Sinn hatte.

„Wir sind das Zentrum“, sagte Maurice Sterling schließlich.

Und diesmal wiederholten es einige von uns. Erst leise. Dann lauter.

Unter Sterlings Kommando begannen wir zu bauen. Es gab keinen Plan oder Zeichnungen, nur seine Worte und das was wir finden konnten. Die wenigen Bäume im Tal wurden gefällt, sorgfältig, fast ehrfürchtig, als wären sie mehr wert als wir selbst. Aus den umliegenden Ruinen holten wir, was noch übrig war. Verrostetes Metall, zerbrochene Balken, alte Steine, alles, was nicht vollständig vom Weltenbrand verschlungen worden war. Wir trugen es zurück und zimmerten daraus einfache Bauten. Schief, ungleichmäßig, aber fest genug um uns Schutz zu bieten. Zum ersten Mal seit langer Zeit entstand etwas, dass uns wirklich Hoffnung gab.

Aus der Ödnis begannen weitere Menschen zu uns zu strömen. Einzelne zuerst, dann Gruppen, dann ganze Züge von Flüchtlingen. So erschöpft wie wir es gewesen waren, mit denselben leeren Blicken, demselben Durst, derselben Angst im Rücken. Anfangs ließen wir sie hinein. Wir gaben was wir hatten, teilten das Wasser und die wenigen Vorräte. Doch das Tal veränderte sich. Es wurde enger. Und eines Tages kam das Fieber.

Zuerst waren es nur wenige. Sie zitterten, schwitzten und brachen zusammen wie jene die wir auf dem Weg verloren hatten. Dann wurden es mehr. Ganze Gruppen lagen plötzlich am Boden, unfähig aufzustehen, während die anderen um sie herum weitergingen als hätten sie nichts gesehen. Viele starben. Und das Sterben hörte nicht auf.

Sterling ließ uns zusammenrufen. Seine Getreuen. Ich stand unter ihnen. Er sah uns lange an als müsste er entscheiden, wer von uns stark genug war.

„Sie kommen aus allen Richtungen“, sagte er schließlich. „Die Unreinen.“

…..

„Sie bringen die Krankheit mit sich. Sie bringen das, was uns zerstören wird, wenn wir es zulassen.“

Niemand widersprach.

„Wir haben hier etwas geschaffen“, fuhr er fort. „Etwas, das Bestand haben kann. Etwas, das größer ist als wir.“

Seine Stimme blieb ruhig, doch in ihr lag kein Zweifel mehr.

„Und sie werden es uns nehmen, wenn wir es ihnen erlauben.“

Ein Murmeln ging durch uns, leise und unsicher.

„Das darf nicht geschehen.“

Jetzt sah er uns direkt an.

„Die Kranken müssen entfernt werden.“

Er machte eine kurze Pause.

„Alle, die das Fieber tragen.“

…...

„Und die, die kommen… und unrein sind.“

Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog. Doch ich sagte nichts. Keiner von uns tat es.

„Wir schützen, was wir aufgebaut haben“, sagte Sterling. „Um jeden Preis.“

Dann gab er den letzten Befehl.

„Wir errichten einen Wall.“

Diesmal zögerte niemand.

Der Bau des Walls begann noch am selben Tag. Wir arbeiteten ohne Pause. Was wir fanden und entbehrlich war, alles wurde wild geschichtet, befestigt und ineinander gezwungen.

Gleichzeitig wurden die Kranken geholt Einige gingen freiwillig. Die meisten nicht. Ich erinnere mich an ihre Stimmen. Nicht an die Worte. Nur an das bittere Flehen. Sterling stand neben uns, ruhig wie immer als wäre das hier nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zu etwas Größerem.

„Es ist notwendig“, sagte er immer wieder.

Und wir glaubten ihm. Als der Wall schließlich stand, war er höher, als ich erwartet hatte. Dick genug, um alles draußen zu halten. Oder drinnen. Hinter ihm wurde es mit der Zeit still. Das Tal lag ruhig da, geordnet und sicher. Fast perfekt. Ich stand eine Weile davor und sah die frischen Steine, erinnerte mich daran was wir getan hatten. Niemand sprach darüber. Niemand musste es. Wir hatten verstanden. Das hier war kein Zufluchtsort mehr, es war etwas anderes geworden. Und wir waren es gewesen, die es erschaffen hatten.

Das Zentrum.

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u/JangOtt — 16 days ago

Strako hatte gelernt, dass Stolz hier ein Zustand war, kein Gefühl. Etwas, das man hielt wie ein Gewehr. Ohne Zweifel. Ohne Platz für Reue. Die Ausbildung im Zentrum hatte ihn genau darauf vorbereitet. Eiserne Disziplin. Klare Ordnung. Absoluter Gehorsam. Dem Großzentralisten treu, bis in den Tod. Er erinnerte sich oft an die Worte seiner Ausbilder. Immer wieder wiederholte er sie, bis sie nicht mehr wie Worte klangen, sondern wie Wahrheit: Die Welt außerhalb der Mauer war verloren. Verseucht. Verdorben. Gefüllt mit Unreinen. Dinge, die einmal Menschen gewesen waren. Die große Mauer schützte alles, was noch zählte. Und sie zu verteidigen war mehr wert als jedes einzelne Leben. Als Offizier Marcus Klarb seinen Namen nannte, hatte er nicht gezögert.

„Soldat Strako, Melden für Wachtrupp. Außenposten 17. Versorgungsstation der Sammler.“

Einige der älteren Soldaten hatten nur leise geschnaubt. Einer murmelte etwas von „Drecksloch“.
Strako verstand nicht, warum. Ein Einsatz war ein Einsatz und er würde dienen.

Die Transporter warteten außerhalb der Stadt. Halbkettenfahrzeuge, ohne Dach, der Lack abgeblättert. Der Wind griff ungehindert hinein, trug Staub und feinen Ascheregen mit sich. Strako saß zwischen anderen Soldaten, das Gewehr fest in den Händen. Er beobachtete die Landschaft. Nichts als graue Weite und ein paar zerfallene strukturen, die aus dem Boden ragten wie Knochen. Der Himmel war stumpf und farblos. Das hier war also die Welt, vor der sie immer gewarnt worden waren. Er fühlte keinen Ekel. Nur… Leere.

Nach Stunden erreichten sie den Außenposten. Verrostete, löchrige Drahtzäune markierten das Gelände. Dahinter ein paar aus altem Blech zusammengeschusterte Baracken. In der Mitte befand sich ein Sammelplatz voller Schrott und undefinierbarer Teile. Die abzulösende Wachmannschaft wirkte erleichtert. Klarb sprang vom Fahrzeug.

„Absitzen. Barracken beziehen.“

Strako und die anderen Soldaten bewegten sich sofort. Sie gingen an der anderen Wachmannschaft vorbei. Zwischen den Baracken standen breite Männer mit rauen Gesichtern und abgestumpften Blicken. Stäbe und Peitschen hingen locker in ihren Händen, die Kleidung war schmutzig, ihre Haltung aggressiv. Man nannte sie Leinenführer. Weiter Hinter ihnen standen Menschen an schweren Ketten, verbunden durch Metallringe, die an Halsbändern befestigt waren.
Ihre Körper waren abgemagert, die Haut vernarbt.

„Das sind die Unreinen.“ sagte einer der Soldaten neben ihm.

Strako nickte. Für einen Moment passte das Bild nicht zu dem, was er gelernt hatte. Die Aufgabe war einfach. Patrouillieren. Beobachten und eingreifen, wenn nötig. Es gab Berichte über Banditen und Plünderer. In solchen Fällen galt: Kein Zögern. Am nächsten Tag begann sein erster richtiger Dienst. Die Sonne stand flach am Himmel, schwach und blass. Der Boden war hart, durchzogen von grauer Asche. Strako stand am Rand des Arbeitsbereichs und beobachtete.

Ein Leinenführer trat nach einem der Männer in der Kette.

„Schneller!“

Der Mann fiel, rappelte sich wieder auf, grub weiter. Seine Hände waren blutig. Strako sah hin. Einen Moment zu lange. Etwas in ihm regte sich, ein kurzer Stich. Mitleid. Er drängte es sofort zurück. Unrein, erinnerte er sich. Die Tage vergingen langsam. Zwölf Stunden Arbeit für die Sammler. Zwölf Stunden Wachsamkeit für die Soldaten. Routine stellte sich ein. Und doch… blieb etwas, ein leichtes Unbehagen.

Dann, eines Tages, änderte sich etwas. Ein Leinenführer kam auf ihn zu, er schleifte einen Mann hinter sich her. Der Mann war nicht an einer Kette und seine Kleidung war zerrissen, sein Körper ausgemergelt. Die Haut war verbrannt, fleckig und verformt. Strako hob leicht das Gewehr.

„Soldat“, sagte der Leinenführer.
„Der hier hat sich an die Anlage herangeschlichen. Ein Dieb. Ein Unreiner aus der Ödnis.“

Der Mann stolperte, fiel auf die Knie.

„Bitte…“, keuchte er. „Ich wollte nur…..“

Ein Schlag traf ihn im Gesicht.

„Ruhe.“

Der Leinenführer sah Strako an.

„Erschieß ihn.“

Strako erstarrte. Für einen Moment hörte er nichts. Nicht den Wind. Nicht die Stimmen. Nur das Pochen seines eigenen Herzschlags.

„Los“, knurrte der Leinenführer.
„Mach deine Arbeit.“

Strako hob das Gewehr. Seine Hände waren leicht am Zittern. Der Mann vor ihm hob den Blick. Seine Augen waren klar. Keine Bestie, kein Monster. Nur ein Mensch.

„Ich bin nur durchgereist…“, flüsterte er. „Ich wollte… nur etwas essen…“

Der Leinenführer trat ihn erneut.

„Er ist ein Mutant. Sieh dir seine Haut an.“

Strako sah hin. Ja, sie war verändert, verbrannt.

„Aber…“

„Schieß!“

Strako drückte ab. Der Knall war laut, hallte durch die Landschaft. Der Körper fiel in den Staub.

Der Leinenführer atmete genervt aus.

„Geht doch.“

Strako senkte das Gewehr.

„Was ist hier los?“

Offizier Klarb trat hinzu. Der Leinenführer stellte sich stramm.

„Melde: Erschießung eines Unreinen, Sir. Ein Mutant.“

Klarbs Blick wanderte zu Strako. Dann zum Körper. Dann wieder zurück.

„Wer hat den Befehl gegeben?“

„Ich, Sir. Melde Kontingent ist voll. Keine Verwendung.“

Stille. Dann:

„Es ist nicht Ihre Aufgabe zu entscheiden.“

Der Leinenführer schwieg. Klarb sah Strako an. Einen Moment zu lange.

„Soldat. Wegtreten.“

Strako drehte sich um. Seine Schritte waren mechanisch. Kontrolliert, so wie er es gelernt hatte. In der Baracke setzte er sich. Das Gewehr lehnte an der Wand. Seine Hände lagen auf seinen Knien und er sah sie an. Sie waren noch immer am Zittern. Draußen ging die Arbeit weiter. Rufe, das dumpfe Geräusch von Schlägen und das Rascheln von Metallketten. Strako saß still. Er dachte an die Worte. Unrein. Mutant. Dann dachte er an das Gesicht. Die Augen und wie sie leer wurden als der Schuss viel. Ein Mensch. Der Gedanke blieb, länger als er sollte. Strako hob den Blick, seine Augen kreisten durch den Raum. Alles war, wie es sein sollte. Dann stand er auf, nahm sein Gewehr und ging zurück auf seinen Posten. Die Arbeit wartete. Und diesmal, sah er nicht mehr so genau hin.

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u/JangOtt — 22 days ago

Der Mann stand ihm gegenüber und hielt die Hände fest, als könnte er damit verbergen, wie sehr sie zitterten. Sie kannten sich nicht. Das war wichtig. Fremde bedeuteten Risiko. Hätten sie sich gekannt, wäre es schwieriger gewesen. Vielleicht auch leichter. Er wusste es nicht. Der Hunger hatte aufgehört, sich bemerkbar zu machen. Das war das Gefährliche an ihm.
Er war einfach da, wie die Kälte oder der Staub in der Luft. Etwas, das man hinnahm, weil es keine Alternative gab. Zwischen ihnen lag das Stück Nahrung. Ein Brocken alten Brotes, hart an den Rändern und rissig in der Mitte. Es roch kaum nach etwas. Sie hatten es gemeinsam gefunden, das war der Fehler gewesen. Es war nicht genug. Das wussten sie beide, ohne es auszusprechen.

Der Wind strich über die Ebene und trug den Geruch von verrottetem Gras und altem Metall mit sich. Irgendwo knarrte etwas, das früher einmal eine Konstruktion gewesen war. Jetzt war es nur noch ein Geräusch, das sich nicht mehr erklären ließ. Er starrte auf das Essen, bis ihm schwarz vor Augen wurde. Blinzeln half nicht. Der andere Mann räusperte sich. Ein trockenes, kratzendes Geräusch.

„Wir können teilen“, sagte er.

Es klang nicht wie ein Vorschlag. Eher wie eine Gewohnheit, die aus einer Zeit stammte, in der solche Sätze noch Sinn gehabt hatten.

Er antwortete nicht. Teilen bedeutete verlängern. Verlängern bedeutete hoffen. Und Hoffnung war etwas, das man sich hier nicht leisten konnte. Niemand bewegte sich, dann griff einer von ihnen zu.
Er hätte später nicht mehr sagen können, wer es gewesen war. In seiner Erinnerung begann alles mit Nähe. Mit Körperwärme. Mit einem Arm, der plötzlich im Weg war. Das Stück Nahrung fiel zu Boden. Der andere Mann fluchte, stolperte, riss ihn mit. Sie prallten aufeinander, zu schwach für einen richtigen Kampf, zu verzweifelt, um aufzuhören. Knie rutschten über trockenen Sand. Ellenbogen trafen Rippen, ohne Wirkung. Alles war zu langsam.

Er spürte Hände an seiner Brust, an seinem Hals. Instinkt übernahm, wo Denken versagte. Seine Finger schlossen sich, fanden Haut, Sehnen, etwas Weiches, das nachgab, wenn man nur lange genug drückte. Der andere Mann machte ein Geräusch, das nichts bedeutete. Kein Wort, kein Schrei. Nur Luft, die nicht mehr wusste, wohin. Er drückte weiter und als es vorbei war, lag der Körper still unter ihm. Die Augen offen, aber leer, als hätten sie das Interesse verloren. Seine Hände schmerzten. Nicht stark. Nur genug, um ihn daran zu erinnern, dass sie etwas getan hatten. Er setzte sich auf. Der Wind war noch da. Das Knarren auch.

Das Stück Nahrung lag ein paar Schritte entfernt. Staub klebte daran. Er zögerte nicht. Er hob es auf, klopfte es grob ab und biss hinein. Es schmeckte nach nichts. Er kaute langsam, würgte es hinunter. Sein Magen zog sich zusammen. Erst da sah er wieder zu dem Mann am Boden. Ein Mensch, dachte er. Der Gedanke kam spät, aber er blieb nicht lange.

Er stand auf, wischte sich die Hände an seiner Kleidung ab und sah sich um. Die Ebene lag offen vor ihm, leer und weit. Keine Spuren, außer den eigenen, und den anderen, die jetzt niemandem mehr gehörten. Er wollte gerade gehen, als ihm auffiel, dass es zu ruhig war. Er spürte es im Nacken, dieses alte, verlässliche Gefühl, das sagte, dass etwas nicht stimmte. Dass die Leere einen Fokus hatte. Er drehte sich nicht sofort um. Als er es tat, standen sie da. Nicht nah. Nicht weit. Drei Gestalten, reglos, als wären sie Teil der Landschaft. Schädelmasken aus dunklem Material, mit Kerben und Rissen, die nichts symbolisierten und trotzdem alles sagten. Keiner von ihnen trug die Waffe erhoben. Einer nickte langsam.

„Du hast gegessen“, sagte er.

Es war keine Frage.

Die Gestalten blieben noch einen Moment stehen, dann wandten sie sich ab und gingen, als wäre alles gesagt worden. Er blieb allein zurück, mit dem Körper, dem Staub und dem Wissen, dass er gesehen worden war. Sein Name war Marco. Er hatte ihn lange nicht mehr gebraucht. Nicht so wichtig, niemand hatte gefragt. Es schien als hätten sie mehr gesehen als ihn. Er wartete, bis sie außer Sicht waren.
Zählte bis zwanzig. Nicht aus Vorsicht, aus Gewohnheit. Dann folgte er. Nicht auf ihrer Spur, sondern daneben. Weit genug, um nicht gesehen zu werden. Nah genug, um Muster zu erkennen. Sie bewegten sich ruhig. Marco blieb stehen, als sie stehen blieben. Ging weiter, als sie weitergingen. Es war ihm egal, wer sie waren. Wenn sie ihn hätten töten wollen, hätten sie es getan. Er wollte nur wissen, wohin sie gingen. Nahrung. Wasser. Vielleicht beides?

Nach einer Weile änderte sich die Landschaft, Pfähle standen am Rand seines Weges. Gleichmäßig gesetzt. Zu gleichmäßig, um Zufall zu sein. Erst als er näher kam, sah er, was daran befestigt war. Gesichter. Sie waren Abgeschnitten. Die Haut war gespannt, die Züge fixiert in etwas, das kein Ausdruck mehr war. Marco blieb nicht stehen.

Eine Anlage ragte aus dem Boden wie ein freigelegtes Skelett.
Stahlträger, Hallen und rostige Türme. Alt. Tot. Und doch benutzt. Die Gestalten verschwanden zwischen den Strukturen.
Marco folgte. Er spürte Blicke, bevor er sie sah. Bewegung in den oberen Ebenen. Zwischen den Trägern. Hinter Blech. Niemand stellte sich ihm in den Weg. Er ging weiter. Ein Mann mit schwarzer Schädelmaske trat aus dem Schatten, sah ihn an und wandte sich wieder ab.

Die Nacht kam und Feuer wurden entzündet. Die Anlage lebte. Zwischen Stahl und Beton saßen Menschen. Frauen, Kinder und Alte. Sie sprachen leise oder gar nicht. Die Männer, die Waffen trugen, trugen Schädelmasken, schwarz gefärbt, abgegriffen vom Gebrauch. Fleisch wurde geschnitten. Nicht im verborgen oder hastig.
Frauen arbeiteten ruhig und geübt. Marco spürte die Blicke auf sich, Ungläubig und Prüfend.
Niemand fragte, wer er war. Zwei der Maskierten traten hinter ihn. Griffen ihn. Fest, aber nicht brutal, er ließ es zu.

Der Raum lag tief im Inneren der Anlage.
Niedrig und Warm, an den Wänden hingen Gesichter.
Alt. Neu. Getrocknet. Frisch.
Sie waren angeordnet in langen Reihen, und der Mitte saß ein Mann.
Breit und Regungslos. Seine Maske war keine Maske. Menschenhaut, zusammengenäht. Die Züge verzogen zu etwas, das einmal ein Gesicht gewesen war. Ein Gefäß wurde Marco gereicht, die Flüssigkeit darin war dick und dunkel.
Er trank vorsichtig und die Welt kippte. Die Gesichter an den Wänden begannen zu sprechen. Nicht mit Stimmen, sondern mit Lauten, in Zungen, die er nicht kannte, und doch verstand.

Der Mann in der Mitte beugte sich vor.

„Hörst du ihn?“
…...
„Hörst du den Hautkönig flüstern?“

Marco nickte. Er hörte alles. Ein Stück Fleisch wurde ihm gereicht.
Warm und blutig. Er zögerte nicht.

„Ja“, sagte er.
„Ich verstehe.“

Er aß, und die Stimmen wurden lauter.

Am Morgen wurde er geweckt, nicht mit Worten. Ein Körper lag im Innenhof der Anlage, Gefesselt aber Lebendig. Niemand erklärte, warum er dort lag. Marco blieb stehen.
Die Maskierten bildeten einen Kreis und sie warteten. Ein Messer wurde auf den Boden gelegt, nicht zu ihm geschoben. Einfach abgelegt. Marco hob es auf. Der Mann am Boden sah ihn an, aber sagte nichts. Marco kniete sich hin. Der Mann wehrte sich nicht. Marco arbeitete ruhig und ein Schrei war zu hören. Als er fertig war, hielt er das Gesicht des Mannes in den Händen, es wog weniger, als er erwartet hatte. Draußen stand ein Pfahl. Einer von vielen. Er nagelte das Gesicht fest, zwei Schläge, dann saß es. Der Körper blieb liegen und niemand räumte ihn weg. Auf der Brust des Toten lag jetzt eine Schädelmaske. Schwarz und Abgenutzt.

Marco nahm sie auf und hielt sie einen Moment fest. Dann setzte er sie langsam an, und die Welt wurde enger. Niemand sprach. Niemand sah ihn an. Er stand still da. Und blieb.

Eine Kurzgeschichte aus dem „Age of Deprivation“-Universum.

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u/JangOtt — 27 days ago

Hey, ich habe eine kurze dystopische Geschichte geschrieben. Ist Teil einer größeren Idee. Entspannte 719 Wörter.

Würde mich über Feedback freuen:

Trägt die Athmosphäre?

Funktioniert die Wirkung?

Ist die Welt verständlich oder zu vage?

Gibt es Stellen, die langweilig oder unnötig sind?

Roman erwachte wie jeden Morgen zur exakt gleichen Zeit. Kein Wecker klingelte, er brauchte keinen. Sein Körper hatte sich längst angepasst. Die Routine war keine Gewohnheit mehr, sondern ein Zustand. In der Küche roch es nach frisch gebrühtem Kaffee. Seine Frau stand am Tisch, wie immer ruhig, wie immer lächelnd. Ohne ein Wort stellte sie ihm sein Frühstück hin. Brot, exakt geschnitten. Ei, exakt gekocht. Alles hatte seine Ordnung.

„Guten Morgen“, sagte sie leise.

„Guten Morgen“, antwortete Roman.

Seine Kleidung lag sauber gefaltet auf dem Stuhl. Wie jeden Tag. Er zog sie an, ohne darüber nachzudenken. Als er fertig war, warf er noch einen kurzen Blick zurück. Seine Frau lächelte. Ein ruhiges, perfektes Lächeln. Dann verließ er die Wohnung.

Der Bus wartete bereits an der Sammelstelle. Die Menschen standen in geordneten Reihen und Niemand sprach. Niemand drängte. Roman setzte sich an einen Platz am Fenster und sofort begannen die Lautsprecher zu spielen. Erst eine beruhigende sanfte Musik, dann erklang eine warme Stimme.

„Disziplin ist Freiheit. Ordnung ist Fortschritt. Perfektion ist unser Ziel.“

Auf den Bildschirmen im Bus liefen Szenen glücklicher Menschen. Sie arbeiteten, voller Freude und Elan, bewegten sich synchron wie in einstudierten Mustern. Roman blickte kurz aus dem Fenster. Die Straßen waren makellos. Kein Müll war zu sehen und die Gebäude standen sauber in Reihen. Menschen gingen ihren Weg, ruhig und mit gesenktem Blick. Niemand fiel auf.

Ein Plakat zog an ihm vorbei:

Perfektion durch Disziplin

Darunter lachende Gesichter. Arbeitende Menschen die Zufriedenheit ausstrahlten.

Der Bus verlangsamte sich und er hielt an einer Kreuzung. Das war Ungewöhnlich, ein kurzer ungeplanter Stillstand war selten. Roman beobachtete die Situation, ohne sich zu bewegen. Zwei Männer rannten an dem Bus vorbei, ihre Gesichter waren voller Panik. Hinter ihnen tauchten Gestalten in schwarzen Uniformen auf. Sie jagten den Männern nach, ihre Waffen im Anschlag haltend. Einer der Männer stolperte, und die Verfolger waren sofort bei ihm. Roman wandte den Blick ab, im gleichen Moment sprach der Lautsprecher:

„In einer perfekten Gesellschaft existiert keine Unordnung. Alles, was davon abweicht, wird korrigiert.“

Niemand im Bus reagierte, alle taten so als wäre nichts gewesen. Niemand stellte Fragen, auch Roman nicht. Zu viel zu sehen war gefährlich.

Romans Arbeitsplatz befand sich in einem nüchtern aussehenden Bürogebäude, einem farblosen Klotz aus Beton. Er betrat wie immer seine Abteilung im zweiten Stock. Ein Raum voller identischer Tische. Daran saßen Menschen, sauber aufgereiht, jeder mit einem Stapel Dokumente. Keine Gespräche waren zu hören, nur das Rascheln von Papier. Roman setzte sich an seinen Platz. Ein kleines Namensschild markierte ihn und er begann still seine Arbeit. Er nahm einen versiegelten Umschlag vom Stapel. Auf jedem befand sich ein Deckblatt mit nur einer Nummer und einer Unterschriftenzeile. Er öffnete ihn nicht. Es war streng verboten.
Seine Aufgabe war einfach. Unterschreiben. Immer gleich. Eine Unterschrift, weiter.
So wurde es ihm befohlen. Die Stunden vergingen, während er über den Inhalt der Umschläge nachdachte. Ein Gedanke blieb immerzu hartnäckig.

Wofür unterschreibe ich eigentlich?

Er hatte diese Frage schon oft verdrängt. Heute ließ sie sich nicht mehr ganz wegschieben. Seine Hand verharrte über dem nächsten Umschlag und er blickte sich vorsichtig um. Alle arbeiteten, ihre Köpfe waren gesenkt. Niemand achtete auf ihn. Langsam schob er das Deckblatt zur Seite. Nur einen Spalt weit. Er riskierte einen kurzen Blick. Innen waren zahlreiche Seiten voller Tabellen mit Namen. Reihen von Namen, Spalte um Spalte. Mehr sah er nicht. Er schloss den Umschlag sofort wieder. Sein Herz schlug schneller, pochte spürbar in seiner Brust. Einen Moment lang saß er einfach da. Dann unterschrieb er wie immer, schob den Umschlag zur Seite und machte weiter.

Nach der Arbeit stand Roman an der Sammelstelle. Die Menschen warteten still und geordnet. Doch der Bus kam nicht, stattdessen bog ein schwarzer Van um die Ecke und hielt direkt vor ihnen. Die Türen öffneten sich. Männer in schwarzen Uniformen stiegen aus. Niemand bewegte sich oder sprach. Die Männer gingen direkt auf Roman zu, gezielt und ohne Eile. Seine Beine wollten nicht reagieren. Zwei Hände griffen ihn. Anschließend wurde ihm ein Sack über den Kopf gezogen. Die Männer brachten ihn in den Van. Niemand sagte etwas, die Leute blieben ruhig und geordnet. Die Türen des Vans schlossen sich und der Motor startete. Und an der Sammelstelle warteten die Menschen weiter, als wäre nichts geschehen.

Denn in einer perfekten Gesellschaft…stellt man keine Fragen.

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u/JangOtt — 1 month ago