Die letzte Wirklichkeit
Jahr 8326
Die Ozeane waren längst verschwunden, verdampft zu endlosen Wüsten die längst jede Bedeutung verloren hatten. Die Kontinente waren zu gebleichten Ebenen geworden, in denen sich das Sonnenlicht brach wie auf Glas. Wind hob den Staub der gelegentlich über die leblosen Weiten Zog. Und doch war die Menschheit nicht verschwunden.
Der Termilog war kein Ort, er war eine Maschine aus lebendem Metall, der hoch über dem Boden schwebte. Eine endlose Sammlung von Daten und Möglichkeiten, ein Netzwerk aus Bewusstsein, das sich selbst neu schrieb. Jeder Mensch lebte dort in seinem eigenen Nexus**.** Einem Universum, das sich den eigenen Vorstellungen unterwarf. Man konnte alles sein. Ein General in einer Schlacht, die längst vergangen war. Ein Tier, auf einer weiten grünen Landschaft. Ein Gast in einem Café im Paris der frühen 80er, mit Musik, die nie alt wurde. Oder einfach… glücklich, je nach dem wie man glücklich interpretierte.
Ela war gerade genau das. Sie saß an einem kleinen Tisch, in ihrem Lieblingscafé. Die Tassen klirrten leise, Stimmen vermischten sich mit dem Rauschen von Gesprächen, die nie wirklich endeten. Die Abendsonne fiel schräg durch das Fenster, genau so, wie sie es liebte. Es war perfekt. Und genau deshalb stand sie auf. Nicht aus Unzufriedenheit. Eher aus Neugier. Oder vielleicht aus einem Rest von etwas, das früher einmal „Realitätssinn“ gewesen war. Sie verließ ihren Nexus. Der Übergang war kein Bruch, es war kein Schmerz. Es fühlte sich an, wie ein Loslassen. Als würde man aus einem Traum erwachen ohne ihn zu verlieren. Ela spürte sich, nicht abrupt, sondern sanft. Ein Gefühl von Form, das sich langsam sammelte, wie wenn sich Gedanken zu Materie verdichten würden. Nanobots begannen, ihren Körper zu rekonstruieren. Kein mechanisches Zusammenfügen von Teilen. Es war fließend und Elegant. Zellen entstanden aus Lichtpunkten, die sich organisch verbanden. Strukturen bildeten sich, als hätten sie immer schon so existiert. Empfindungen kehrten zurück. Es fühlte sich an wie erinnern, dass man existiert.
Ela öffnete die Augen. Die Realität war still. Der Boden unter ihren Füßen war warm. Jeder Schritt erzeugte ein leises Echo, das sich verlor. Sie war allein, wie fast immer. Die meisten blieben immer im Termilog. Warum auch nicht? Dort gab es alles, was man sich wünschen konnte. Hier draußen gab es nur das, was übrig geblieben war.
„Du gehst auch raus, hm?“
Ela drehte sich um.
Ein anderer Mensch stand einige Meter entfernt.
„Manchmal“, antwortete Ela.
Er nickte.
„Ich bin Veron.“
„Ela.“
Sie gingen nebeneinander, ohne Ziel.
Der Boden war hell, fast weiß. Die Sonne bewegte sich nicht sichtbar, und doch veränderte sich das Licht. Es wurde weicher, dann wieder härter.
„Schon komisch“, sagte Veron nach einer Weile.
„Ich vergesse immer, wie still es ist“, führte er fort.
Ela nickte leicht.
„Im Termilog ist es nie wirklich still.“
„Dort ist immer etwas.“
„Weißt du noch, wie es früher war? Früher war das hier alles.“, sagte Veron.
Ela antwortete nicht sofort.
„Nicht genau“, sagte sie dann. „Es ist nur noch… wie ein Gefühl.“
Ela sah sich um.
„Jetzt ist die Welt nur noch ein toter Hintergrund.“
...
„Und trotzdem kommen wir her.“
Veron sah in die Weite.
„Ich glaube, es war nicht perfekt.“
Sie setzten sich auf eine flache Erhebung, die vielleicht einmal ein Gebäude gewesen war. Oder ein Hügel.
„Warum gehst du raus?“, fragte Ela.
Veron überlegte lange.
„Weil im Termilog alles Sinn ergibt“, sagte er schließlich.
„Und ich manchmal wissen will, wie sich Sinnlosigkeit anfühlt.“
Ela lächelte.
„Das ist… eine seltsame Sehnsucht.“
Veron atmete tief aus.
„Im Nexus kann ich alles erleben“, sagte er leise.
„Aber nichts bleibt. Weil nichts verloren gehen kann.“
Ein Windstoß zog über die Ebene, hob Staub an, der sich sofort wieder legte.
„Ich war gestern in einem Wald“, sagte er.
„Alles war perfekt. Jeder Baum, jedes Geräusch.“
„Und?“
„Ich wusste, dass es nicht sterben kann.“
Ela sah ihn an.
„Und das hat es kaputt gemacht?“
„Glaubst du, wir haben uns gerettet?“, fragte Ela.
Veron antwortete lange nicht.
„Ich glaube… wir haben etwas bewahrt“, sagte er schließlich.
„Aber nicht das, was es besonders gemacht hat.“
Ela sah auf ihre Hände. Sie waren Perfekt geformt, ohne Fehler.
„Ich vermisse etwas“, sagte sie leise.
„Aber ich weiß nicht mehr, was.“
Ela dachte an ihr Café. An die Stimmen, die immer genau richtig waren. Das Licht, das nie zu hell oder zu dunkel war und an die Menschen, die nie wirklich gingen.
„Es fühlt sich echt an“, sagte sie.
„Ja“, sagte Veron. „Aber es widerspricht uns nie.“
„Glaubst du, wir haben etwas verloren?“, fragte Ela leise.
Veron sah auf richtung Horizont.
„Vielleicht nicht verloren“, sagte er.
„Vielleicht haben wir es übertroffen.“
„Und jetzt?“
Er zuckte leicht mit den Schultern.
„Jetzt erinnern wir uns manchmal daran, dass es mal Grenzen gab.“
Ela schloss kurz die Augen. Für einen Moment war sie wieder im Café.
Dann wieder hier. Beides fühlte sich real an und gleichzeitig keines vollständig.
„Ich gehe gleich zurück“, sagte sie.
Sie standen auf. Für einen kurzen Moment sahen sie sich an, als wollten sie sich etwas merken. Ein Detail, ein Gefühl, irgendetwas, das nicht reproduzierbar war. Aber sie wussten beide, im Termilog konnten sie sich jederzeit wieder begegnen. Und trotzdem war es nicht dasselbe. Dann spürte Ela, wie ihr Körper begann, sich aufzulösen. Wie ein Nachlassen von Gewicht, ein sanftes Zurückgleiten. Und für einen kurzen Moment, bevor sie vollständig verschwand, dachte sie. Das etwas nur dann wirklich existiert, wenn es verloren gehen kann.