Praktikanten, Azubis und Werkstudenten mit Gottkomplex
Ich bin Softwareentwickler. Da ich mittlerweile die Berufserfahrung habe, selbst junge Menschen anzulernen, kommt es öfter vor dass ich für diese zuständig bin.
Viele dieser Menschen sind wissbegierung, höflich und es macht Spaß, mit ihnen zusammen zu arbeiten. In letzter Zeit kommt mir aber immer wieder ein bestimmter Typus unter, der sich für den aller Größten hält, weil er mal eine ToDo-App Vibecoded hat.
Um es mal grob an der realität existierendes Beispiel anzulehnen: Wir bekommen einen neuen Azubi, der in seiner Freizeit schon regelmäßig programmiert hat. Im Gespräch merkt man auch, dass die Person schon mal ein bisschen Erfahrung in kleinen, privaten Projekten hat, was ja schon wirklich richtig gut ist. Dann zeigt man dieser Person was man so in der Abteilung entwickelt, also das UI oder erklärt noch so was sonst so im Hintergrund passiert, erläutert die Systemarchitektur, da wird dieser Mensch schon etwas gelangweilt. Gut, wir waren alle mal jung und nicht jede Enterprise-Anwendung sorgt für freudestrahlende Augen.
Dann fängt man an den Code zu zeigen und der Azubi ist komplett schockiert, was für einen grauenhaften Codestil wir hätten, dass man das ja doch alles viel besser und einfacher lösen kann und vor allem eins: Automatisierung. Das solche Anwendungen per Definition Automatisierung sind, Pustekuchen. Das kann doch mittlerweile alles eine KI, warum nutzen wir dafür überhaupt noch Code, und dann auch noch Java. Und Java ist ja ohnehin eine grauenhafte Sprache, das ginge doch wenn dann viel besser in Golang oder Rust. Auf meine Frage, wie viel Erfahrung er mit Java oder Spring Boot hatte, war die Antwort: Gar keine, ist ja eh doof. Bei näherem Nachfragen merkt man bei vielen Themen auch, wie gesagt wird "das kenne ich schon", wenn man tiefer nachfragt aber nicht mal das Grundverständnis da ist. Was ja voll okay ist, dafür ist er ja hier. Aber dann tu doch nicht so als wüstest du alles besser als jemand, der den Job schon einige Jahre macht.
Jegliche Erklärung zu den Realitäten des Jobs, Deadlines, Legacy Code, Komplexität, Domänenwissen, Kompromisse finden im Team etc., die Softwareentwicklung im Konzern halt mit sich bringt, wurde mit Unverständnis begegenet. Das könne man doch alles Automatisieren und Menschen braucht man nicht mehr im Konzern. Warum fängt man mit der Ansicht überhaupt eine Ausbildung in dem Bereich an?
Ich suche hier keinen Rat, für mich ist das nicht schlimm und ich regiere da eher mit verwunertem Schulterzucken. Am Ende machen sich solche Menschen nur selbst das Leben schwer. Trotzdem bin ich erstaunt, wie häufig mir solche Leute begegnen, auch schon bei unterschiedlichen Arbeitgebern. Ich habe natürlich nur ein plakatives Extrembeispiel genommen, aber kennt ihr solche Leute auch? Wart ihr vielleicht selbst früher mal so? Ich kann mir gar nicht vorstellen, neu im ersten Job so aufzutreten. Ich war vor allem Dankbar für alles, was ich am Anfang lernen konnte, da man ja in seiner Freizeit eben gar nicht damit in Berührung kommt wie komplexere Anwendungen funktionieren.