
»Oben rechts«: Wenn der Unternehmer auch im Staat durchregieren will — Warum wählen Menschen AfD, obwohl deren Wirtschaftsprogramm ihnen gar nicht hilft? Ein Gespräch mit Thomas Biebricher über die Mächtigen hinter dem Rechtsruck.
Wie kommen Neoliberalismus und Autoritarismus zusammen? In ihrem neuen Sammelband, herausgegeben von Heinrich Geiselberger, erklären Thomas Biebricher, Melinda Cooper, Anton Jäger und weitere die elitäre Dynamik hinter dem aktuellen Rechtsruck.
Welchen Einfluss die Wirtschaftskrise und Familienunternehmen haben und was es mit dem »libertären Patrimonialismus« auf sich hat, erklärt der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher im Gespräch mit Surplus.
Xenia Miller: Wieso kommt »Oben rechts« genau zu diesem Zeitpunkt und an welche Debatte knüpft das Buch an?
Thomas Biebricher: Wir – die Autorinnen und Autoren des Sammelbands – teilen die Wahrnehmung, dass der Diskurs über Rechtspopulismus die Dynamik mit dem antagonistischen Zusammenspiel zweier Milieus erklärt. Auf der einen Seite die abgehängten Globalisierungsverlierer, alte Arbeiterschichten, die sich verlassen fühlen von linken Eliten – die nicht nur wirtschaftspolitisch links sind, sondern auf einer zweiten, quer dazu stehenden Achse auch gesellschaftspolitisch sehr liberal und kosmopolitisch ausgerichtet sind, etwa im Hinblick auf Migration, Geschlechterpolitik oder ökologische Fragen. So wird dann erklärt, dass sich der Rechtspopulismus zum Anwalt dieser abgehängten Klasse aufschwingt, in die Klagen gegen die »Wokeness« einstimmt und sie weiter forciert.
Der Ausgangsbefund unseres Buches besteht darin, zu sagen: Vielleicht muss man viel stärker in den Blick nehmen, wie sehr diese Anti-Wokeness-Diskurse bewusst befördert werden – durch Medienunternehmen und Milieus, die ›oben rechts‹ verortet sind, also wirtschaftspolitisch rechts beziehungsweise neoliberal agieren und gleichzeitig kulturell-gesellschaftspolitisch als autoritär oder extrem konservativ beschrieben werden können. Das scheint derzeit in der Debatte zu kurz zu kommen. Die Feuilletons sind voll von Artikeln, warum die Arbeiterklasse nicht mehr SPD wählt, und so erklärt man den Aufstieg des Rechtspopulismus. Dabei wird vernachlässigt, dass es andere Milieus gibt, deren Agenda schlicht darin besteht, oben rechts zu sein.
Sie wollen auch die Seite sichtbar machen, die zeigt: Es gibt ein neues Angebot.
Es gibt ja einen Diskurs, der den Rechtsruck folgendermaßen erklärt: Das Pendel schwingt derzeit von der postmaterialistischen Revolution der 70er Jahre zurück: neue soziale Bewegungen, Selbstverwirklichung, die Grünen. Jetzt erleben wir einen neuen, entgegengesetzten Wertewandel, die Bevölkerung orientiert sich wieder mehr nach rechts. Da ist etwas dran, aber nur, wenn man nicht nur die Nachfrageseite, sondern auch die Angebotsseite in den Blick nimmt. Es gibt politisch-ökonomische Eliten und Medienbiotope, die genau diese Agenda befördern und solche Debatten permanent am Köcheln halten. Dieser Rechtsruck passiert nicht einfach aus sich selbst heraus, sondern er hat etwas mit Eliten zu tun, die ihn vorantreiben.
Der Rechtsruck wird auch mit einer Enttäuschung vom Neoliberalismus erklärt, die die Rechten besser abzufangen scheinen. Stichwort antifaschistische Wirtschaftspolitik: Wie sieht es mit der Nachfrage nach einem rechten Politikangebot wegen ökonomischer Not aus?
Es gibt Einkommensschichten, die sagen: Wir wissen nicht, wie wir es bis zum Ende des Monats schaffen sollen. Und da kann eine Partei wie die AfD – oder die äquivalenten Parteien anderswo – andocken, weil sich diese Menschen nicht mehr von der SPD vertreten fühlen, aber möglicherweise kulturell anders ticken als Die Linke. Diese Menschen sind für die AfD empfänglich, wenn sie das Gefühl haben: Die sprechen am ehesten noch gegen das, was uns weh tut. Aber diese Menschen laufen nicht nur direkt zur AfD – die hören vor allem auf, zu wählen. Nichtwählertum ist ein riesiges Phänomen in den unteren Einkommensbereichen und wir wissen wiederum, dass sich die AfD-Wählerschaft stark aus ehemaligen Nichtwählern speist. Noch zentraler für den Rechtsruck sind meiner Ansicht nach die Milieus, die Angst vor materiellem oder gesellschaftlichem Abstieg und Statusverlust haben. Die noch nicht in der untersten Einkommensgruppe sind, sich aber massiv bedroht fühlen und das Gefühl haben: Wir wissen nicht, ob unsere Kinder den gleichen Lebensstandard haben werden.
Das Wirtschaftsprogramm der AfD ist zum einen nicht stringent ausgearbeitet, zum Beispiel ist ihr Rentenkonzept in Kombination mit einer strengen Schuldenbremse gar nicht finanzierbar, zum anderen würde es den »kleinen Leuten« gar nicht helfen. Wie sehr täuscht die AfD ihre Wählerinnen und Wähler?
Es gibt immer wieder Umfragen, die zeigen: Die AfD-Wählerschaft schreibt der Partei gerade im Bereich der Wirtschaftspolitik gar keine besonders hohe Kompetenz zu. Auffällig ist, dass in der AfD wirtschaftspolitisch zwei Strömungen miteinander ringen: die sozialchauvinistisch orientierten, die sagen, das Rentenniveau für Deutsche müsse im Zweifel sogar noch erhöht werden, und die dezidiert Neoliberalen, die eine autoritäre Linie verfolgen, keine Euro-Rettungsschirme und so weiter. Das interessiert mich letztendlich: wie hier das Neoliberale mit dem Autoritären zusammenkommt.
Stichwort: »libertärer Patrimonialismus«. Wie definieren Sie das?
Der Begriff des Patrimonialismus bezeichnet ursprünglich die Gerichtsbarkeit des Gutsherrn – also die Möglichkeit, gegenüber den eigenen Bediensteten Recht zu sprechen. Im Wesentlichen geht es darum, dass bestimmte Funktionen der Staatsgewalt an die Gutsherren, an die Besitzenden, abgetreten sind und damit die Grenze zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten verwischt wird. Was mich nun interessiert, ist die umgekehrte Richtung: dass Politunternehmer öffentliche Angelegenheiten, Organisationen, Parteien, aber auch den Staat insgesamt als Privatbesitz betrachten und dementsprechend behandeln. Das ist das patrimoniale Element.
Woran machen Sie diese Entwicklung konkret fest?
Bei den Parteien hat das natürlich mit einer massiven Personalisierung zu tun. Es gibt Figuren – das fängt bei Emmanuel Macron an, reicht aber tief ins rechte Spektrum hinein: von Silvio Berlusconi über Umberto Bossi bei der früheren Lega Nord, über Nigel Farage bis zu Donald Trump –, die praktisch selbst die Partei sind. Bei Sahra Wagenknecht ist es genauso. Allein durch diese Häufung handelt es sich um ein Phänomen, das uns interessieren muss. Auch, weil systematisch der private Habitus, in vielen Fällen der Habitus des Firmenlenkers und Wirtschaftsführers, in die öffentliche Sphäre importiert wird und man dementsprechend so handelt, als wären der Staat, die Ministerien, die Exekutive und die Partei schlicht Privatbesitz.
Wie äußert sich das?
Das Ganze hat oftmals eine sehr libertäre Stoßrichtung – es geht immer um Deregulierung und Steuersenkungen, auch bei der AfD. Und was ich interessant finde, ist der Habitus, der das Libertäre mit dem Autoritären zusammenbringt: Es gibt Leute, die es gewohnt sind, vollständige Entscheidungshoheit zu haben, und die finden, dass man eben auch im Staat durchregieren sollte. Genauso wie der Familienunternehmer in seinem Betrieb schalten und walten kann, wie er will, so soll es auch in der Politik sein. Das Problem ist, dass man in einer parlamentarischen, pluralistischen Demokratie mit Gewaltenteilung eben nicht einfach durchregieren kann. Das ist die Schnittstelle zum Autoritären.
Und die Neoliberalen würden das ähnlich sehen – nicht so offen ausgesprochen, aber auch da geht es immer wieder darum: Wie setzt man neoliberale Reformen unter Bedingungen von Pluralismus und Gewaltenteilung um? In Demokratien gelingt das nie so recht, weil es dafür nie Mehrheiten gibt und dann ein Gericht dazwischengrätscht. Das ist meiner Ansicht nach der Konvergenzpunkt zwischen libertär-neoliberalen Akteuren und einem bestimmten Politikverständnis – einem, das aus dem Wirtschaftsraum hereingetragen wird und sich vor allem dort findet, wo man wirklich schalten und walten kann.
Sind alle Familienunternehmen so?
Nein. In solchen Unternehmen bestehen oft informelle Bande zwischen Belegschaft und Unternehmensführung. Dadurch entstehen möglicherweise auch klassenübergreifende Solidaritäten. Aber etwa in der Euro-Rettungspolitik gab es ganz unterschiedliche Positionen – zwischen börsennotierten DAX-Konzernen auf der einen und Familienunternehmen auf der anderen Seite, die schon immer gesagt haben: Dann schmeißt Griechenland doch raus. Die prominente Episode aus dem vergangenen Jahr, als der Verband der Familienunternehmer die AfD einlud, ist nur ein Beispiel. Immer wieder gibt es Wirtschaftsführer – nicht nur aus Familienunternehmen –, die sagen, man müsse noch einmal darüber nachdenken, wie man es mit der AfD hält. Die Frage ist, woher das kommt.
Sie sehen die Ursache auch darin, wie Familienunternehmen aufgebaut sind.
In einem Familienunternehmen kann sich Entscheidungsmacht bei den Gründern oder den nachfolgenden Generationen konzentrieren. Damit das alles funktioniert, haben wir ja auch keine hohen Erbschaftssteuern. Umgekehrt gibt es börsennotierte Unternehmen mit Vorstand und Aktionären. Aber selbst dort gibt es Konstruktionen, auf die viele große Konzerne mit privaten Gründern oder Familien im Hintergrund zurückgreifen, die es ermöglichen, relativ viel Entscheidungsmacht zu behalten.
Der Unterschied ist: Ein Vorstand ist in gewisser Weise gegenüber der Aktionärschaft verantwortlich – es gibt eine Form von Rechenschaftspflicht – wenn auch überschaubarer Art –, die man in einem Familienunternehmen nicht unbedingt hat. Da kann man viel mehr schalten und walten nach Gutsherrenart. Das kann eben auch autoritäre Züge annehmen – oder auch paternalistische: Der Firmenchef sagt, der Herr Soundso ist gerade Vater geworden, der kriegt einen Zuschlag am Ende des Monats. Das ist Willkür und keine regelbasierte Unternehmensordnung.
Liegt das Problem nur darin, dass das in die Politik diffundiert und dieser Führungsstil übernommen wird? Oder ist es ein per se wirtschaftsdemokratisches Problem?
Man kann das natürlich zum Anlass nehmen, über demokratische Strukturen in Unternehmen nachzudenken. Die Philosophin Elizabeth Anderson macht in ihrem Buch Private Regierung genau diesen Punkt: Es ist eine schwere Hypothek für Demokratien, wenn ihre Bevölkerungen die meiste Zeit – nämlich dann, wenn sie abhängig beschäftigt sind – in komplett undemokratischen Kontexten verbringen. Wie soll man Demokratie erlernen, wenn man sich die ganze Zeit in diktatorischen Verhältnissen bewegt? Und wie viel schlimmer wird es, wenn der Habitus, den man im wirtschaftlichen Leben erlernt und verinnerlicht, in die Politik hineingetragen wird? Auch die Politik solle liefern, genauso wie Unternehmen Output produzieren. So lässt sich das Denken von jemandem wie Berlusconi konstruieren: Die Politik würde ja liefern, wenn es nicht überall Gerichte gäbe, irgendwelche oppositionellen Gruppen, die das Ganze hintertreiben. Und deshalb brauche es Streamlining – eine Exekutive, die einfach durchregieren kann.
Sie haben das vor allem in Italien, Frankreich und den USA untersucht, und für Deutschland haben Sie Sahra Wagenknecht genannt. Wird nicht auch in der jetzigen Bundesregierung etwas von diesem Patrimonialismus hereingetragen?
Das stimmt. Aber der entscheidende Unterschied ist: Merz war im Aufsichtsrat. Das ist etwas anderes, als ein Unternehmen zu führen, das man selbst aufgebaut hat – mit dem Gefühl: Ich bin für alles verantwortlich, also muss ich auch alles entscheiden können. Das ist nicht der Habitus, den man in einem Aufsichtsrat erlernt – der ist ja gerade ein Gremium, in dem es um Rechenschaft geht und Aufsicht ausgeübt wird. Deswegen würde ich das dort noch nicht so stark angekommen sehen. Aus anderen Ländern gibt es wesentlich passendere Beispiele.
Weshalb ist dieses Phänomen im deutschen Kontext allgemein schwächer ausgeprägt als anderswo?
Dazu gibt es im Buch einen Beitrag von Lukas Haffert. Er schreibt, es hat etwas damit zu tun, dass die Gruppe der kleinen Selbstständigen – das ist das Milieu, um das es hier geht – in Deutschland zahlenmäßig zu klein ist. In Italien ist sie deutlich größer, in Frankreich ebenfalls. Auf diese Gruppe allein lässt sich in Deutschland keine politische Partei oder Bewegung aufbauen, man muss Allianzen schmieden. Das Interessante ist: Der AfD scheint es im Gegensatz zur FDP zu gelingen, das zu verbinden. Dann gibt es noch die abhängig Beschäftigten, die alte Arbeiterschaft – sehr unscharf definiert, aber auch ansprechbar. Die Schnittstelle scheint zu sein: Wir werden alle gegängelt von einem bevormundenden, überregulierenden, beständig intervenierenden Staat. Das ist das Problem. Deshalb verdient man bei Bosch in Stuttgart kein Geld mehr, deshalb sagt der selbstständige Handwerksbetrieb, er werde mit Regularien zugeschüttet und könne überhaupt nichts mehr verdienen, deshalb streiken inzwischen sogar die Apotheker. Das ist der gemeinsame Nenner – denn allein auf das ursprüngliche Milieu kann man das nicht aufbauen. Dann bleibt man eine Nischenpartei.
Interessant ist auch die Rolle von Familien und Familienunternehmen. Dazu gibt es ja auch einen Beitrag von Melinda Cooper – und Sie haben selbst etwas dazu geschrieben, vor allem zur Lega Nord in Italien. Warum ist das so miteinander verknüpft?
Bei der Lega Nord ist diese Verknüpfung extrem stark: Familie und Unternehmen sind zwei normative Leitbilder, die Keimzellen der Gesellschaft. Bringt man beides zusammen, erhält man das Familienunternehmen. Und die Lega Nord hat beide Komponenten extrem stark gemacht hat – was auch an der Wirtschaftsstruktur Norditaliens liegt, wo Familienunternehmen eine überragende Rolle spielen. Das bringt die unterschiedlichen ideologischen Komponenten zusammen. Die Lega Nord war lange eine Partei, die Wettbewerb und Globalisierung begrüßte – also extrem neoliberal ausgerichtet – und gleichzeitig ganz konservativ sagte: Die Familie ist zentral für die Vermittlung von Werten und Kultur. Dabei spielt das Frauenbild eine große Rolle, es herrscht ein traditionelles Rollenverständnis.
Warum passt das so gut zusammen?
Ein gemeinsamer Nenner ist, dass in Familien ebenfalls keine demokratischen Strukturen herrschen. Man braucht nicht die gesamte feministische Theorie heranzuziehen, um herauszuarbeiten, dass es sich um massiv hierarchisierte Verhältnisse handelt. Im Unternehmen ist es der Firmenpatriarch, in der Familie der pater familias – und im Zweifel kann er über beides vollumfänglich entscheiden. Das ist das Leitbild all dieser Bewegungen.
Sie haben ja auch über Marine Le Pen geschrieben. Es funktioniert also mittlerweile auch unabhängig vom Geschlecht.
Ja, das stimmt. Trotzdem sind Marine Le Pens und Melonis Fälle speziell. Die beiden bejahen durchaus das traditionelle Frauen- und Familienbild, gleichzeitig geben sie dem eine affirmative Wendung: Als Frau und als Mutter kann ich stark sein – und bin es. Ich akzeptiere die Differenz zwischen Männern und Frauen und sehe unterschiedliche Rollen, aber ich gebe dem eine selbstbewusste, bejahende Wendung. Ein Teil des Erfolgs dieser Figuren liegt wohl auch darin, dass man mit Frauen an der Spitze Milieus ansprechen kann, die eine männerdominierte Partei ohne weibliche Repräsentation wahrscheinlich nicht erreichen würde. Bei Alice Weidel ist das Ganze noch etwas komplizierter, da sie ja mit einer Frau liiert ist, die aus Sri Lanka stammt und dann auch noch in der Schweiz lebt. Das ist kaum noch zu durchblicken – wie das alles zusammengeht.
In Baden-Württemberg ist die AfD jetzt auch deutlich stärker geworden. Dort gibt es ja auch viele kleine Unternehmen und Persönlichkeiten wie Wolfgang Grupp. Lässt sich die Wahl mit dem libertären Patrimonialismus erklären?
All diese kleinen und teilweise extrem erfolgreichen Unternehmen, die durchaus international operieren, sind oft in Familienhand – in Gegenden, in denen ein gewisses Maß an Prosperität herrscht. Das gilt auch für meine Heimat, in der Nähe von Neckarsulm und Heilbronn: Da ist die Zentrale des Schwarz-Konzerns, da ist ein riesiges Audi-Werk, und in Richtung Stuttgart all diese Zuliefererbetriebe. In dieser Region ist unglaublich viel Geld verdient worden, seit mindestens dreißig, vierzig, fünfzig Jahren. Gleichzeitig gibt es seit etwa 2017 einige Landkreise, in denen die AfD extrem viel Zustimmung bekommt – und man fragt sich: Warum? Das sind doch keine Abgehängten. Aber da kommen wieder die Verlustängste ins Spiel, stärker als konkrete Verlusterfahrungen: das Gefühl, wir werden das Niveau nicht mehr halten können. Und die Wut und Enttäuschung darüber spielen eine große Rolle.
Wie äußert sich diese?
Baden-Württemberg ist das Bundesland, das vom aktuellen Strukturwandel am dramatischsten betroffen ist. Deshalb hätte ich erwartet, dass die AfD dort noch besser abschneidet. Und es wären noch mehr Stimme für die AfD geworden, wenn es nicht so stark auf Schwarz gegen Grün zugespitzt gewesen wäre. Aber wie gesagt: Da sind diese kleinen Unternehmen, geführt von Patriarchen – und insofern bin ich eigentlich überrascht, dass es nicht noch besser ausgegangen ist für die AfD.
Progressive Parteien könnten mit einem industriepolitischen Wirtschaftsprogramm die Leute wieder einsammeln, gerade angesichts der steigenden Inflation und der Energiekrise. Oder?
Abgesehen davon, dass nicht ganz klar ist, wie ein ›Green Capitalism‹ funktioniert oder ob die sozialökologische Transformation immer so gut funktioniert – könnte man mit einer Abundance-Strategie (deutsch: Fülle), wie sie etwa Ezra Klein sehr populär gemacht hat, viel holen. Die Frage ist, ob das in der aktuellen Großwetterlage trägt. Wir befinden uns in einer Situation, in der alle Experten sagen: Selbst wenn morgen der Krieg aufhört, hätten wir wahrscheinlich noch mindestens ein halbes bis ein ganzes Jahr mit den Auswirkungen an den Energiemärkten zu kämpfen. Es ist zu erwarten, dass es noch deutlich dramatischer wird. In so einem Umfeld weiß ich nicht, wo die Fülle herkommen soll.
An dieser Stelle kann das Thema Migration wieder instrumentalisiert werden, weil in derartigen Krisensituationen künstliche Verteilungskonflikte aufgemacht werden: Die anderen würden einem etwas wegnehmen oder zur Belastung werden.
Ja, das befördert ein Nullsummendenken. Wir leben längst nicht mehr in einer Zeit, in der man davon ausgehen konnte: Wenn es mir besser geht, geht es wahrscheinlich auch meinem Nachbarn besser, alle kriegen ihr Stück vom Kuchen und profitieren. Die vorherrschende Wahrnehmung ist mittlerweile eindeutig: Der Kuchen wird im Zweifel kleiner, und alle, die einen Anspruch auf ein Stück erheben, befinden sich in mindestens latenter Gegnerschaft zu mir. Dem ein positiveres Narrativ entgegenzustellen, ist meiner Ansicht nach im Moment Teil der Aufgabenstellung.