Bitte seid nett, es war nur ein Versuch!
Früh am Morgen legte sich die Wut, und der Streit mündete in Entscheidungen. Keiner der beiden wollte sie treffen. Er schon überhaupt nicht. Aber sie wusste, dass es nicht anders ging. Erste Sonnenstrahlen erreichten die Bettdecke, unter der beide lagen.
„Wollen wir heute noch einmal an die Ostsee?", fragte er. Ihm war klar, nachdem er gesprochen hatte, dass sein Vorschlag unsinnig war – doch zu seiner Überraschung stimmte sie zu.
Einmal der Entschluss gefasst, zogen sich beide an. Er bemerkte, dass sie die Sneaker angezogen hatte, die er so mochte. Sie packte die Strandtasche, wie sie es immer für beide getan hatte. Still verließen sie die Wohnung. Das Auto stand vor der Tür. Das also ist unsere letzte Fahrt, dachte er. Sie schwiegen. Die Trennung war längst beschlossen. Ein Gespräch, eine Diskussion hätte zu nichts geführt.
Er dachte an die nächsten Tage und Wochen, die er wieder alleine verbringen würde. Er spürte eine kleine, leise Freude bei der Vorstellung, wieder das zu tun, was er wollte, ohne dabei bewertet zu werden. Sie dachte an das Telefonat, das sie mit ihrer Mutter würde führen müssen. Wieder eine Trennung. Dabei hatte ihre Mutter ihn so gemocht. Sie waren schon auf der Autobahn. Sie blickte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Felder. Er fuhr. Beide waren traurig.
Er stellte das Auto auf einem Parkplatz ab, in dem Ort, in dem er als Kind oft gewesen war. Sie mieteten einen Strandkorb. Im Korb saßen sie schweigend und schauten aufs Meer. Die Wellen rauschten. Sie holte ein Päckchen Zigaretten aus ihrer Tasche. Er gab ihr Feuer. Sie nahm einen tiefen Zug und reichte die Zigarette weiter an ihn.
„Unsere Rituale strafen uns Lügen. Wir haben immer gesagt, dass das mit uns ewig hält. Und das hier ist unsere letzte Zigarette. Das letzte Mal Ostsee!", versuchte er klarzumachen. Doch sie war schon in Gedanken bei den nächsten Schritten. „Ich mache mir Sorgen, dass du nicht klarkommst – aber wir sind zu verschieden. Du willst Kinder, ein Haus, den Garten. Und ich will Reisen und Freiheit!", versuchte sie es zu erklären.
Es ging aber tiefer. Sie ekelte sich, wenn er sie umarmte, und ihr war unwohl, wenn er beim Sex in ihr war. Insgeheim wusste er es. Deshalb war er fast erleichtert über das Ende der Beziehung – auch wenn ihn die Angst vor der Einsamkeit überkam. Nicht vor dem Alleinsein. Das mochte er. Aber davor, dass niemand mehr schreiben würde, was es zum Abendessen geben würde oder wie der Tag gewesen war.
„Wir sind zu schnell zusammengezogen." Sie nickte. Er blickte aus den Augenwinkeln zu ihr. Sie war immer noch sehr attraktiv für ihn. Ich muss beim nächsten Mal besser auf mein Bauchgefühl hören, ging es ihr durch den Kopf. Es war ein Fehler gewesen, heute herzufahren.
„Lass uns etwas essen gehen.", bat sie. Er schaute sich um und nickte. Sie aßen in einer billigen Pizzeria. „Ich helfe dir noch, deine Sachen zu packen." Er sagte es ins Leere. „Das brauchst du nicht. Nicole kommt nachher und hilft mir.", sagte sie knapp. Er schnaubte und blickte verächtlich. „Hast du einen anderen?" Er schaute ihr nun direkt in die Augen.
„Es gibt die Idee von einem anderen Mann."
Wieder Schweigen.
„Ich danke dir aber dafür, dass du heute vorgeschlagen hast, hierher zu fahren, wo wir so oft glücklich waren. Ich bin dankbar für unsere gemeinsamen Erinnerungen. Für die Zeit mit dir." Sie meinte es ehrlich. Er lächelte. Sie bezahlten getrennt voneinander. Zum allerersten Mal.
Die Fahrt zurück verbrachten sie wieder schweigend. Wie viel Schweigen es am Ende einer Beziehung gibt, staunte er. Vor seiner Wohnung wartete schon ihre Freundin. Er gab ihr die Schlüssel. Sie hatte nicht viele Sachen in seiner Wohnung. Er wartete unten vor der Tür und rauchte. Er dachte an den ersten Kuss mit ihr. Daran, wie er sie seiner Mutter vorgestellt hatte. Alles vorbei. Vorbei, wenn sie die Wohnung verlassen und ihm die Schlüssel zurückgeben würde.
Sie kam. Ihre Freundin trug eine Kiste. Sie zog einen Koffer hinterher. Wortlos gab sie ihm die Schlüssel. Er wollte noch etwas sagen. Sie unterbrach ihn.
„Mach es gut."
Die beiden Frauen gingen die Straße hinunter. Er war wieder alleine. Im Treppenhaus war es laut. Jemand zog ein. Die Tür gegenüber seiner Wohnung öffnete sich. Eine junge Frau stand ihm gegenüber. „Ich bin wohl deine neue Nachbarin.", lachte sie. Er gab ihr die Hand, stellte sich vor und wünschte ihr einen schönen Abend. In seiner Wohnung setzte er sich aufs Bett, das nur noch seines war. Er dachte an die neue Nachbarin. Er lächelte.