„Wir müssen die loswerden“
TLDR: Das Kollegium soll laut einer Hand voll Kollegen mehr mangelhafte Leistungen vergeben und ich weiß nicht, wie das (fair und gerecht) funktionieren soll.
Moin,
entschuldigt den nichtssagenden Titel. Eure Meinung ist gefragt:
Ich bin viel in der gymnasialen Oberstufe eingesetzt und in Klasse 11 ist erfahrungsgemäß eine hohe Schülerfluktuation, bevor in der 12 alles sedimentiert. Ich hab als Junglehrer noch nicht so unfassbar viel Erfahrung und kann nicht auf einen riesigen Erfahrungsschatz zurückgreifen.
Mein Eindruck (besonders im Fach Deutsch): Ja, die Lernenden erbringen selten gute und noch seltener sehr gute Leistungen. Ich habe sowohl in den Grund- als auch in den Leistungskursen sehr viele befriedigende und ausreichende und selten auch mal mangelhafte Leistungen.
Die etwas erfahreneren Kollegen beschweren sich zunehmend über den vermeintlichen Leistungsabfall, der offenbar gegeben ist, wenn man der gegenwärtigen Diskussion zu den Basiskompetenzen Gehör schenkt. Das klingt auch alles halbwegs plausibel. Nun kommt immer heftiger die Forderung aus dem Kollegium: Wir müssen echt aussortieren, sonst „ziehen wir die bis zum Abi durch“ oder „wir müssen die loswerden, sonst wird das noch richtig unangenehm“ oder „die haben das nicht verdient.“
Zunächst einmal kann ich menschlich mit dieser Sichtweise wenig anfangen und zum anderen ist es mir persönlich ein Rätsel, wie sich die genannten Kollegen das vorstellen. Ich verteile in den (schriftlichen) Leistungen natürlich auch mal eine fünf, allerdings ist das längst nicht die Regel, da die Lernenden (unter Berücksichtigung der aufgeweichten Bewertungskriterien, besonders im schriftlichen Bereich) in Deutsch immer die Möglichkeit haben, sich auf andere Weise produktiv im Unterricht einzubringen und ihre Note auszugleichen. Wenn Lernende schlechte schriftliche Leistungen erbringen (aus welchen Gründen auch immer) im Unterricht aber halbwegs dabei sind, sich engagieren und mitmachen, dann kann ich nicht guten Gewissens eine Fünf geben. Ich habe selten Lernende, die in beiden Bereichen so leistungsschwach sind, dass diese durchgehend Fünfen sammeln. Dazu kommen kleine Projektarbeiten, Gruppenarbeiten oder Präsentationen. Es gibt so viele Möglichkeiten auch positiv aufzufallen. Natürlich gibt es mal absolute Totalverweigerer, aber das erledigt sich zumeist von selbst durch die Fehlstunden.
Ich teile auch nicht den Eindruck, dass die Klassen alle nur noch unangenehm und sozial auffällig sind. Es gibt viele Probleme, ja, aber nichts, was meiner Meinung nach ein Aussieben erfordern würde. Die Kollegen tun so, als würde an unserer „behüteten Landeier-Schule“ das leistungstechnische Armageddon ausbrechen und wir müssten nun dringend etwas Drastisches unternehmen.
Meiner Ansicht nach kann Schule viele gegenwärtige Probleme gar nicht alleine lösen (Stichworte: Smartphonesucht, fehlendes Selbstwertgefühl, etc.), sondern nur seinen Teil dazu beitragen.
Ich persönlich bin der Ansicht, dass jemand bereits mit einem Abischnitt von 3,0-4,0 „genug bestraft“ ist, wenn sich die Leistungen weiter so durchziehen. Zumal einige auch erst nach der Schulzeit erwachsen werden (betrifft mich persönlich).
Ich stelle mich also gegen die Auffassung dieser Kollegen und zieh weiter mein Ding durch und erlebe trotzdem immer wieder Abwehrreaktionen darauf und selten wird diskutiert. „Dann müssen wir uns nicht wundern, wenn wir weiter mit denen arbeiten müssen.“ (Ja, und was ist nun so schlimm daran?).
Meine Vorgesetzten haben natürlich auch ein Interesse an hohen Schülerzahlen und somit hab ich aus der Richtung auch noch nichts Negatives gehört.
Wie geht ihr damit um und was ist euer Eindruck?