Heute hat mich ein Fremder auf offener Straße verbal angegriffen - und ich schreibe es auf, damit es nicht einfach verschwindet
Ich war mit meinem jungen Hund in unserer Nachbarschaft unterwegs. Er ist mittelgroß, sehr aktiv, und wir arbeiten gerade intensiv an Impulskontrolle und ruhigem Verhalten bei Hundebegegnungen - genau die Dinge, die bei jungen Hunden Zeit, Geduld und konsequentes Training brauchen.
Uns kam eine ältere Dame mit einem offensichtlich älteren Minipudel entgegen. Mein Hund wurde sofort steif, stellte sich auf die Hinterpfoten und wollte natürlich hin. Ich habe ihn klar aufgefordert, sich zu setzen und zu warten, bis die beiden vorbeigegangen sind.
Kein Anschreien. Kein Reißen an der Leine. Keine Strafe. Einfach klare Grenzen, Ruhe und Kontrolle - genau das, was Training in solchen Momenten bedeutet.
Wir warteten, bis die Dame außer Sichtweite war. Mein Hund hat noch etwas hinterhergejammert, aber die Situation war vollständig unter Kontrolle. Für uns beide.
Und dann kam der Angriff - von hinten.
Ein fremder Mann, irgendwo zwischen Mitte 35 und 45, kam von hinten auf mich zu und fing ohne jede Vorwarnung an, mich aggressiv anzupöbeln. Er schrie, ich würde meinen Hund misshandeln.
Mein Hund saß rechts neben mir, der Mann stand links. Und weil er mich so aggressiv anging, reagierte mein Hund sofort: Er bellte. Nicht grundlos - er nahm die Anspannung wahr. Die Lautstärke. Die aggressive Energie mir gegenüber.
Was folgte, hatte mit dem Hund längst nichts mehr zu tun. Der Mann bezeichnete mich als „Östrogennudel“, machte mein Geschlecht herab und behauptete, ich hätte mir einen Hund angeschafft, um ihn dominieren und misshandeln zu können - weil ich keinen Mann hätte. Das alles, während er selbst laut, aggressiv und vollkommen übergriffig war. Während er mich anpöbelte, lehnte er sich zusätzlich noch demonstrativ in meinen persönlichen Raum hinein - offenbar, um körperliche Überlegenheit zu demonstrieren oder mich einzuschüchtern.
Ich habe ihm mehrfach eindeutig aufgefordert, dass er weitergehen und mich in Ruhe lassen soll. Dass sein Verhalten übergriffig ist. Dass ich das Ordnungsamt rufe, wenn er mich weiterhin belästigt.
Ich bin weder weggegangen noch in eine Diskussion eingestiegen. Ich habe direkt eine klare Grenze gesetzt: „Ich diskutiere nicht mit dir. Mich interessiert deine Meinung nicht. Geh bitte weiter.“
Seine Antwort: „Es ist mir egal, ob du meine Meinung hören willst. Ich sage sie trotzdem.“
Die Absurdität der Situation war kaum zu fassen: Links ein aggressiv schreiender Mann. Rechts mein bellender Rüde. Und ich - die angebliche „Östrogennudel“ - war die einzige in dieser gesamten Konstellation, die ruhig geblieben ist. Ich blieb ruhig, weil meine eigene Anspannung direkte Auswirkungen auf die Reaktion meines Hundes hat. Wenn ich eskaliere, eskaliert er mit. Genau deshalb versuche ich meinem ohnehin impulsiven Junghund in schnell überfordernden Situationen Orientierung an mir zu geben...
Das habe ich ihm auch gesagt: „Wenn ich eine Östrogennudel bin - rechts neben mir ist Testosteron, links neben mir ist Testosteron. Welches Geschlecht bleibt hier gerade als einziges souverän?“
Er hielt kurz inne. Dann schrie er noch lauter.
Ab diesem Moment wurde endgültig klar, dass es nie um den Hund gegangen war. Plötzlich ging es nicht mehr um den „neutralen Hund“, sondern um den „Rüden“, den „armen Jungen“ und darum, warum ich mir angeblich bewusst einen Rüden statt einer Hündin geholt hätte - damit ich meine Macht ausleben könne.
Der Frauenhass wurde immer extremer. Und dann kam noch Fremdenhass dazu.
Er schrie, Frauen seien scheiße. Und irgendwann rief er:
„Genau wie alle Ausländer - verbrennen sollte man euch alle.“
Ich sehe übrigens aus wie eine Deutsche.
Es ging nie um meinen Hund. Das war einfach nur ein Mensch, der ein Ventil für seinen Hass gesucht hat. Und ja - das war für mich keine „Meinungsäußerung“ mehr. Das war Volksverhetzung. Das ist eine Straftat.
Er ging irgendwann langsam weiter, weil ich ihn wiederholt und standhaft dazu aufgefordert hatte - und schrie aus 50, 60, 70 Metern Entfernung immer noch herum, zeigte mit dem Finger auf mich und wiederholte weiterhin seinen Vorwurf der „Misshandlung“. Viele Menschen liefen einfach vorbei und taten so, als wäre nichts.
Dann kam ein anderer Mann dazu, der das Geschrei mitbekommen hatte. Er beschwichtigte den Typen und schickte ihn letztendlich weg - und wurde dafür selbst noch angefeindet. Ich war ihm wirklich dankbar für seinen Einsatz.
Danach kam er ruhig zu mir und fragte, was eigentlich passiert sei. Er stand an derselben Stelle wie kurz zuvor der aggressive Mann. Mein Hund? Ruhig. Kein Bellen. Keine Anspannung. Keine große Reaktion. Das sagt eigentlich alles.
Als Hundehalter:in ist man viel gewohnt. Ungebetene Kommentare, ungefragte Ratschläge, Besserwisserei, untrainierte und undangeleinte Hunde - das gehört dazu. Aber heute war etwas anderes.
Mein Hund ist jung. Er lernt noch. Genau deshalb trainiere ich solche Situationen überhaupt bewusst. Zwischen „Der Hund braucht noch Training“ und „Du misshandelst deinen Hund“ liegen Welten.
Und zwischen einem kritischen Kommentar und dem, was heute passiert ist - Frauenhass, Fremdenhass und Aufrufe zur Gewalt - liegen ebenfalls Welten.
Was mich wirklich erschüttert, ist, wie schnell eine völlig normale Alltagssituation in der eigenen Nachbarschaft zu einem Ort werden kann, an dem ein fremder Mensch glaubt, einen anderen Menschen auf offener Straße als emotionalen Boxsack benutzen zu dürfen.
Und genau deshalb schreibe ich diesen Beitrag überhaupt.
Weil solche Situationen sonst einfach im Sande verlaufen. Selbst wenn Polizei oder Ordnungsamt gerufen worden wären, wäre dieser Mann vermutlich längst verschwunden gewesen, bevor überhaupt jemand angekommen wäre. Am Ende bleibt dann oft nur das Gefühl zurück, dass Menschen mit so einem Verhalten einfach ungeschoren davonkommen und andere Menschen möglicherweise weiterhin angreifen.
Deshalb finde ich es wichtig, solche Dinge wenigstens zu dokumentieren. Schriftlich. Öffentlich. Als Erfahrung. Nicht, um Aufmerksamkeit zu bekommen - sondern weil solche Situationen real sind und reale Auswirkungen auf Menschen haben.