u/Alarming_Round_9404

ich sitze hier, und um mich herum ist auch die Welt. Das wilde Treiben aus Reizen, Worten, Lichtern und Gesten.

Mein Verhältnis zur Welt ist immer das gleiche: Ich sitze still auf einem Stuhl, den ich neben dem U-Bahneingang Senefelderplatz platziert habe. Ich trinke Club Mate, beobachte, denke und schreibe. Ich nehme den Wechsel von Tag zu Nacht wahr. Ich sehe, wie die Straße auf einmal von jungen Menschen bevölkert wird, die sich alle zurechtgemacht haben. Frauen, die ihre Reize zeigen.

Ich blicke sie an. Sie laufen direkt auf mich zu. Manchmal müssen sie ja auf mich zulaufen, was ganz einfach daran liegt, wie ich hier sitze: mitten auf der Biegung und Gabelung des Wegs, hinter mir diese Marmorstatue. Ich kenne ihren Namen nicht, und ich weiß nicht, wer darauf abgebildet ist. Seht es mir nach.

Ich sitze hier also, und um mich herum ist die Welt und das Leben und das Treiben und das geschäftige, vergnügungssüchtige Wochenendgewusel. Es ist der 2. Mai 2026, und ich lebe. Ich sitze hier, und die Welt um mich herum existiert. Vielleicht hat vor hundert Jahren Franz Biberkopf an der gleichen Stelle gestanden und Ausschau nach seinem Mietzeken gehalten. In der rechten Hand eine Flasche Bier und eine Fluppe im Mund.

Ich sitze hier, und die Welt um mich herum ist auch da. Ich habe mich mitten in den Fluss der Zeit gesetzt, um davon berichten zu können, was diese Zeit ist. Aber mir fehlen die Worte. Denn auch wenn ich mich manchmal fühle wie ein Gespenst oder ein Ifrit oder ein Dschinn, so bin ich doch ein Mensch. Wie jeder, der hier in den letzten Stunden an mir vorbeigelaufen ist, auf seine ganz eigene problematische Art und Weise ein Mensch ist.

Und wie jeder Mensch braucht der Mensch einen Spiegel, der ihm zeigt: Ja, ich sehe dich. Ja, ich erkenne dich. Du bist ein Mensch. Du hast einen Wert. Kannst du auch mich erkennen als die gleiche Idee?

Und ich will sprechen: Wenn ich in den Glanz deiner Augen sehe, dann ja. Dann sehe ich dort die Unendlichkeit. Die unendliche Weite, die es bedeutet, Mensch zu sein, und die nicht weniger bedeutet, als Ozean zu sein. Ein Seelenmeer von unendlicher Tiefe und grundloser Ewigkeit. Mit keinem Anfang und schon gar keinem Ende.

Ich sitze hier: Senefelderplatz. Ich bin der einzige Mensch, der jetzt hier sitzt, auf seinem Schoß eine leuchtende Tastatur und vor sich ein leuchtendes Display, das die getippten Buchstaben aufzeichnet und wiedergibt wie bei einer Schreibmaschine.

Ich warte, dass ein Mensch kommt, mir in die Augen sieht und zu mir sagt: Ich erkenne dich. Du bist ein Mensch. Du bist einzigartig. Du hast einen Wert.

Und dem ich dann ebenfalls in die Augen sehen kann und sagen kann: Ich erkenne dich. Du bist ein Mensch. Du bist halb in die Zeit und halb in die Ewigkeit gestellt, und dieses Leben ist deine Aufgabe. Diese Aufgabe ist einzigartig, und niemand kann sie erfüllen als du allein. Ich sehe dich. Ich kann in deinen Augen deine Seele leuchten sehen. Du bist einzigartiges Subjekt, und kein Mensch hat das Recht, dich zum Mittel seiner Zwecke zu machen.

All diese Wörter sind nutzlos und überflüssig. Wonach ich suche, ist das Paar Augen, in das ich zuletzt geblickt habe und in dem ohne ein Wort das größte Wort von allen aufloderte: Du.

Ich bin nicht allein in dieser Position des Wartenden. Auf dem Parkplatz, nur einige Schritte von meinem Stuhl entfernt, steht ein BMW mit dem Kennzeichen XXXXXXX. Seit einigen Stunden sitzt hier ein junger Mann in dem Wagen und wartet. Mal steht er draußen vor dem Auto, streckt sich und geht ein paar Schritte, läuft darum herum, zieht sich, als es dunkel wird, die Jeansjacke über und setzt sich wieder ins Auto. Dann schaltet er das Licht an, als würde er gleich aufbrechen, kurbelt die Fenster herunter, streckt den Ellenbogen hinaus. Einige Minuten später zieht er wieder den Zündschlüssel, betrachtet sein Gesicht im kleinen Spiegel der Sonnenblende. Aber der Mensch, auf den er wartet, kommt nicht.

Wer ist dieser junge Mann, der alles hat: einen BMW, eine Jeansjacke und ein iPhone, aber keinen, der ihm in die Augen sieht und Du zu ihm sagt?

Senefelderplatz, der 2. Mai 2026. Es gibt das materialistische Hamsterrad, und es gibt die hedonistische Tretmühle. Es gibt kurze, sehr kurze Hosen und Röcke. Man kann sie kaufen, sie sind günstig zu haben, in den Modegeschäften. Aber auch in diesen Geschäften gibt es kein...

Du....

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u/Alarming_Round_9404 — 11 days ago