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Wie ich ins Kinderheim kam

Da ich letztens über meinen Cousin geschrieben habe, und mir sowieso vorgenommen habe mehr aus meinem Leben zu schreiben, führe ich das jetzt hier fort.

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Ich habe es Ü18 markiert, und das ist kein Zufall. Triggerwarnung! Wer hier weiterliest ist gewarnt. Gewalt!

Wie ich ins Kinderheim kam

Meine Mutter war immer sehr gewalttätig mir gegenüber. Das war einfach ihre Art. Was falsch gemacht? Backpfeife. Im Bett getobt anstatt zu schlafen? Dresche mit dem Teppichklopfer der dabei sogar irgendwann kaputt ging, und getapet werden musste. Toll, jetzt habe ich daran auch noch Schuld.

Eine meiner ersten Erinnerungen ist wie ich als Kleinkind ans Gitterbett gefesselt wurde. Hat man das früher so gemacht? Keine Ahnung. Immer wenn ich in meinem Bett lag und geweint habe, habe ich mich in Fantasiewelten geflüchtet*. Mein größter Wunsch war es das ich ins Heim komme, und da war ich gerade einmal 6 oder 7 Jahre alt. Ich wollte nicht zuhause sein.

Schlechte Noten? Lernen! Ich durfte quasi ab der Grundschule nicht mehr rausgehen. Anfangs hatte ich noch Vereine zu denen ich gehen musste, oder wollte. Aber das lief nicht so wie sie sich das vorgestellt hat. War halt nicht der beste und auch nicht mit Eifer dabei.

Klavierunterricht. Habe wohl mal in einem Nebensatz erwähnt das mir das gefällt. Musikschule. Lehrer. Anstrengend. Nichts kapiert. Dann vor dem Klavier gesessen und geheult. Dafür wieder geschlagen wurden. Nicht nur Lernen, dann auch noch Klavier spielen lernen.

Freunde hatte ich selten. Und wenn dann hat meine Mutter gesagt das sie schlecht für mich sind, hat gesagt die anderen Eltern wären Asoziale. Das habe ich meinen Freunden dann erzählt. Da stand dann auf einmal die Mutter von meinem Kumpel vor dem Haus und hat meiner Mutter eine Ansage gemacht. Ich stand daneben. Das war nicht gut für mich. Wirklich nicht.

Immer wenn ich ruhiger wurde und in meine Fantasiewelt geflohen bin, wurde ich gelobt. Wie gut ich mich denn benehmen würde. Das kam selten vor, denn es ist nicht meine Natur ruhig zu sein.

Irgendwann bekam ich die Bildungsempfehlung Mittelschule. Das war nicht der Plan. Ich bin doch intelligent und muss das nur nutzen. Mit 11 fing ich dann an zu rauchen, auf dem Spielplatz neben der Mittelschule. Ich entdeckte Spielkonsolen für mich, aber durfte natürlich keine haben. Damals konnte man im Mediamarkt PlayStation zocken. Also bin ich natürlich immer nach der Schule hin.

Einmal bin ich so spät nach Hause gekommen das ich den Geburtstag meiner Mutter verpasst habe. Das gab Morddrohungen gegen mich. Nicht zum ersten Mal. Meine Mutter stand auch schon mal mit dem Küchenmesser vor mir und wollte mich abstechen.

Meine erste Inobhutnahme war mit 11. Ich hatte mittlerweile einen Kinderpsychologen. Weil ich bin ja so schwierig und mit mir kann man nicht umgehen. Dem haben meine Eltern Dinge erzählt die er nicht gut fand. Da war ich meine erste Woche in einem Kinderheim. Hier hatte ich mich echt wohlgefühlt. Hier hatte ich meine erste Liebe, erste leichte sexuelle Kontakte. Ohne ein Haar am Sack. Aber ich war auch ein Idiot. Ich packte andere Kinder mit Wrestlingmoves und schleuderte sie durch die Gegend. Das gab Tränen. Und mir wurde erklärt dass das nicht echt ist was ich da gesehen habe.

Danach musste ich wieder nach Hause. Eines nachmittags habe ich mal wieder die Zeit vergessen an der Konsole im Media Markt. Als ich rauskam aus dem Laden war es schon stockfinster. Ich traute mich nicht nach Hause. Zu groß war die Angst das ich wieder verdroschen werde. Ich hatte Hunger, aber kein Geld. Ich ging eine große Einkaufspassage im Zentrum unserer Stadt lang und hoffte etwas zu essen zu finden. Ich dachte die ganzen Obdachlosen sind immer am Bahnhof. Und Züge sind cool. Und schlafen könnte ich dort bestimmt auch. Ich war immer noch 11, möchte ich hier mal betonen.

Auf jeden Fall, griff mich dort dann die Polizei auf, ich wollte denen nicht erzählen wie ich heiße. Aber denen konnte man nichts vor machen. Meine Eltern hatten die Bullen gerufen, und die ganze Klasse abtelefoniert. Meine Lehrerin war auch in Aufruhr. Der nächste Tag in der Schule war super. Alle wollten wissen was los war.

Ich schaffte im ersten Jahr auf der Mittelschule den Sprung aufs Gymnasium. Meine Mitschüler fragten mich wie man bitte mit dem Zeugnis aufs Gymnasium kommt. So gut war ich nämlich gar nicht.

Mittlerweile fing ich an auch die Schule zu schwänzen, ich erzählte meinen Eltern auch nicht wenn ich Ausfall hatte oder wir früh eine Stunde später begannen. Ich hatte mittlerweile am Gymnasium wieder einen Kumpel. Georgier. Sascha. Der hatte genau so viel Blödsinn im Kopf wie ich. Eines frühs als wir die Freistunde um in Telefonzellen 0800er-Nummern anzurufen, stand mein Stiefvater in der Tür der Telefonzelle und brüllte rum.

Sascha hat gar nicht verstanden was los war. Und ich konnte die Tragweite auch noch nicht einschätzen. Nach der Schule stand meine Mutter mit dem Auto vor der Tür der Schule. Das kam nie vor. Ich stieg ein und sie erzählte mir dass sie mich jetzt wegbringt.

An dem Tag bin ich im Kinderheim gelandet. Sie hatte mir meine Schulsachen zusammengepackt. Ich stand auf dem Hof und sah ihr nach wie sie wegfuhr. Ich hatte es geschafft, endlich war ich die Alte los. In den nächsten 4 Wochen kam sie zweimal vorbei um mir mehr Sachen zu bringen. In dem Jahr bin ich sitzen geblieben, erstes Jahr Gymnasium, 6. Klasse, 12 Jahre alt.

*Diese Fantasiewelten habe ich übrigens bis heute, als erwachsener Mann (Jahrgang 1986). Immer wenn ich überfordert bin, zum Beispiel wenn ich mich verliebe, oder wenn ich Stress auf der Arbeit habe dann fange ich an zu träumen. Wie alles wäre wenn alles gut laufen würde. Das nimmt auch manchmal Ausmaße an über die ich ein anderes Mal berichten werde.

Ich werde demnächst weitere Sachen aus meinem Leben aufschreiben. Es ist an der Zeit das alles festzuhalten. Es wird nicht chronologisch, ich schreibe wie es kommt. Und zur Zeit plätschert es einfach nur aus mir heraus. Aber wenn jemand Tipps hat wie ich mein Schreiben weiter verbessern kann oder wo ich sowas auch noch posten kann, erzählt mir gerne davon

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u/Nonsense_Is_Great — 3 hours ago
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Mein Vorbild

Ich war heute auf der Beerdigung von meinem Cousin. Und da es naturgemäß niemanden interessiert was ich denke, sage oder möchte - und in meiner Familie gleich gar nicht - schreibe ich das auf was ich denke.

Erstmal muss ich sagen, das waren echt viele Leute die da waren, und das zeigt mir das er ein ziemlich guter Mensch war.

Ich mochte ihn am liebsten aus meiner ganzen Familie. Er war eigentlich der einzige der mich so genommen hat wie ich bin. Er hat nie geurteilt wenn ich ihm was erzählt habe, sondern immer Fragen gestellt. Alle anderen haben mir immer das Gefühl gegeben das ich falsch bin wie ich bin.

Jetzt möchte ich doch seinen Namen sagen: Stefan.

Eine der ersten Dinge an die ich mich erinnere ist, als Stefan mich in den Ferien zu Hause abgeholt hat und wir einen Tag zusammen verbracht haben. Stefan ist 3 Jahre älter als ich.

Ich durfte immer mal wieder zu ihm, so auch einem Neujahrsmorgen. Da hat er schon in einer WG gewohnt, und es waren extrem viele Leute da. Ich war dumm und habe in der Wohnung einen Böller angezündet. Aber direkt am Fenster. Ich dachte er macht das Fenster auf damit ich ihn raus schmeiße. Naja, hat er dann auch. Und ich habe eine heftige Ansage bekommen.

Erzählt hat er die Story noch Jahre später, wenn ich ihn mal auf Arbeit besucht habe, oder im Viertel getroffen habe. Ich habe mich immer geschämt dafür. „Das ist mein Cousin, der hat in meiner Wohnung einen Böller angezündet.“

Von ihm hatte ich meine erste Rap Kasette. Weihnachtsgeschenk. Selbst zusammengestellt.

Mit Stefan habe ich meiner ersten Frau hinterher gepfiffen. Ich hab als Jugendlicher mit ihm geraucht, später auch gekifft.

Als meine Mutter gestorben ist, da war ich 18. ich war völlig verkifft. Meine erste Absteige, WG wo nur gekifft wurde. Er kam vorbei. Er hat mich zur Beerdigung abgeholt. Sonst wäre ich da gar nicht aufgetaucht. Ich war völlig verpunkert. Als es dann zur Trauerfeier ging sagte ich zu Stefan: ich kann da nicht mit rein: ich habe nur ein rotes Che Guevara T Shirt an. Die Großmutter wird in Flammen aufgehen wenn sie das sieht. Stefan zog seinen Pullover aus, dann das Tshirt da drunter, gab es mir und zog seinen Pullover wieder an.

Stefan hat mich dort nochmal besucht, aber das war glaube zu krass für ihn.

Von meiner Familie habe ich mich immer mehr distanziert die letzten Jahre, oder war schon vorher sehr distanziert. Ich habe vor 8 Jahren eine harte Transition hingelegt, und seit dem habe ich auch Stefan nicht mehr gesehen.

Ich habe aufgehört mit Kiffen, Alkohol, Rauchen. Habe mich um mein Leben gekümmert, bin in Psychotherapie gegangen, habe eine Tochter bekommen.

Vor 7 Monaten haben wir uns wieder gesehen auf dem 95. Geburtstag meiner Großmutter. Das war sowieso ein verrückter Tag weil ich die ganze Familie ewig nicht gesehen habe. Schlaue Dinge habe ich da auch nicht zu ihm gesagt.

Vor ein paar Monaten ist er von uns gegangen, Umstände ungeklärt, und heute war die Beerdigung. Er war 42. Stefan war für mich ein Vorbild. Wie man so cool sein kann, so entspannt, immer respektvoll mit allen. Immer viele Freunde um sich rum.

Ich wäre auch gerne so wie Stefan. Ich hätte mehr Zeit mit ihm verbringen sollen. Das hätte mir sicher gut getan.

Das war ein harter Tag für mich, und irgendwie habe ich mir vorgenommen dass das die letzte Beerdigung war auf die ich gegangen bin.

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u/Nonsense_Is_Great — 2 days ago