Als Klassenaufsteigerin sich nicht zugehörig fühlen? Klassismus, Privilegien, Arbeiter- und Akademikerfamilien, Impostor-Syndrom etc.
Hallo, in der Hoffnung, dass ich hier auf Gleichgesinnte stoße, beschreibe ich mal, was mich seit einiger Zeit beschäftigt und zermürbt.
Zur Einordnung ein paar Infos zu mir: bin Ende 20, Klassenaufsteigerin (Arbeiterfamilie, beide Elternteile Migrant:innen, ich selbst bin hier geboren; nicht in absoluter Armut, aber in Relation deutlich ärmeren Verhältnissen aufgewachsen als die meisten damals im Abi-Jahrgang, zeitweise haben wir mit ALG aufgestockt), bin aktuell im Masterstudium neben meiner Erwerbsarbeit in einem Beruf, den ich liebe, in dem die Gehaltsmöglichkeiten jedoch gedeckelt sind (Gesundheits-/Sozialwesen grüßt).
Ich dachte, wenn ich mal einen Hochschulabschluss habe, dann habe ich es geschafft. Im Sinne von: endlich lege ich den „Stallgeruch“ ab und gehöre dazu. Kann so tun, als wäre ich so wie die, deren Eltern in Eigentum wohnen, 2-3 mal jährlich in Urlaub fahren, Skiurlaub machen, die ganz selbstverständlich im Laden nach den Bio-Produkten greifen. Die, die selbst Hausschuhe von irgendeiner überteuerten Marke kaufen. Die einfach wissen, wie man sich in manchen Kontexten verhält, weil sie den entsprechenden Habitus mit der Muttermilch aufgesogen haben. Die, die egal, wo sie hingehen, selbstbewusst Raum einnehmen.
Ich hab mir äußerst Mühe gegeben, ihren Habitus, ihre Art des Seins zu imitieren, z.B. die Art, wie Leute aus Mittelschichtsfamilien sprechen. In einer Gegend, in der Dialekt gängig war, sprach ich schon als Kind perfektes Hochdeutsch, obwohl Deutsch meine Zweitsprache war. Als Erwachsene versuche ich weiterhin, mich durch Kleidungsstil und Interessen und Humor und Ausdrucksweise anzupassen. So, als würde ich mit allen Mitteln versuchen, zu vertuschen, dass ich von „da unten“ komme. Und alter, das ist verdammt anstrengend. Dabei verstehe ich auch nicht, wieso um alles in der Welt mir das so wichtig ist: eigentlich sollte ich unendlich stolz darauf sein, dass ich trotz etlicher Steine im Weg an diesem Punkt in meinem Leben stehe. Für meinen Lebensunterhalt sorge ich zu 100% selbst, während andere in meinem Freundeskreis mit Akademikereltern bzw. aus privilegierten Elternhäusern noch immer finanziell von ihren Eltern abhängig sind. Im Gegensatz zu meinen Eltern (und Großeltern sowieso), kann ich es mir leisten, überhaupt mal in Urlaub zu fahren, hier und da Events zu besuchen, völlig selbstverständlich in Restaurants und Cafés zu gehen, kann mir auch mal teurere Klamotten gönnen, Bio-Produkte wandern auch in den Einkaufswagen und ich kann auch mal Geld für völlig „unnötige“ Sachen ausgeben (in meiner Familie gelten neben Urlaub und Restaurants auch Friseurbesuche als unnötig, da unverhältnismäßig teuer). Wenn ich mein Leben im Vergleich zu dem meiner Eltern anschaue, fühle ich mich unendlich privilegiert und bin dem Universum (oder Gott oder wem auch immer), meinen Eltern, mir selbst unendlich dankbar, dass ich an dem Punkt stehen darf, statt ein mühevolles Leben zu führen.
ABER: die Existenzangst ist trotzdem da. Meine Familie besitzt nichts. Keine Immobilie, und Ersparnisse sind auch nahezu nicht existent (und das liegt nicht daran, dass meine Eltern nicht mit Geld umgehen könnten, sondern daran, dass sie im Niedriglohnsektor arbeiten). Während wirklich 95% der Personen in meinem Freundeskreis im Notfall locker über längere Zeit durch ihre Familien unterstützt werden könnten, ohne groß an Lebensstandard zu verlieren (mir fallen nur 2 Personen ein, bei denen es, ähnlich wie bei mir, schwerer werden könnte), darf es in meinem Leben einfach nicht so weit kommen. Ich bin dabei, mir Ersparnisse aufzubauen, blicke aber auch voller Neid auf diejenigen, deren Eltern für sie schon bei Geburt Sparkonten angelegt haben, sodass sie schon ins richtige Erwachsenenleben mit Puffer starten konnten, oder deren Eltern ihnen monatlich regelmäßig größere Geldsummen überweisen. An der Stelle wäre noch zu erwähnen, dass ich auch keinen abgehobenen Freundeskreis habe, keine elitären rich-kids-Ekelpakete, die einen spüren lassen, dass sie was Besseres sind (oder sich zumindest dafür halten), sondern alles nette und ehrliche Leute. Die aber dann manchmal trotzdem, wenn ich von meinem Hintergrund erzähle, antworten, ihre Eltern wären auch nicht reich 🙄 BRUH, deine Eltern besitzen literally ein schniekes Einfamilienhaus, die Wände sind tapeziert mit Fotos eurer Fernreisen und in der Einfahrt parkt ein Neuwagen - frag mal mein 10-Jähriges ich, für mich war damals jeder, der ein eigenes Zimmer hatte, und es nicht mit Geschwistern teilen musste, reich. Und deshalb fühle ich mich manchmal fehl am Platz und missverstanden. Ich frage mich immer wieder: wo sind die Leute, die so sind, wie ich? Klassenaufsteiger:innen, die das Gefühl haben, sich durchs Leben zu faken? Auch wenn ich meine Freund:innen sehr mag, frage ich mich manchmal, wie es passieren konnte, dass der Freundeskreis in Hinblick auf den sozioökonomischen Hintergrund so extrem homogen ist. Manchmal überkommt mich ein Gefühl, das ich hier einfach mal „Klassenaufstiegs-Burnout“ nenne. Es ist einmal die Erschöpfung über den Weg, den man bisher zurücklegen musste, gepaart mit dem Aneignen eines Habitus, der mir nicht in die Wiege gelegt wurde sowie einem mühseligem Aufbau von materiellem/sozialem/kulturellem Kapital (ja, Bourdieu). Das Ganze dann noch gewürzt mit dem Verbergen der eigenen migrantischen Identität, weil ich als Kind so einige Erfahrungen mit Antislawismus machen durfte, die mich geprägt haben. Ich verstehe auch gar nicht, was mich an der Sache so nervt und wütend macht. Ist es die Ungerechtigkeit? Der Neid auf die anderen? Die Scham darüber, dass ich mit fast 30 Jahren immer noch auf Situationen stoße, in denen ich erst lernen muss, wie ich mich zu verhalten habe, während das anderen ganz natürlich kommt? Das Impostor-Syndrom, niemals gut genug zu sein? Die Wut darüber, dass meinem Freund:innen oft einfach ihre Privilegien nicht bewusst sind und sie das mehr oder weniger so hinnehmen, die Urlaube, das Einfamilienhaus? Jetzt, wo ich das schreibe, merke ich, dass Letzteres ein großer Punkt ist.
Mir ist bewusst, dass das alles auch irgendwo Jammern auf hohem Niveau ist. Natürlich gibt es Menschen, die in extremer Armut aufgewachsen sind und heute promovieren - und ich ziehe meinen Hut vor ihnen. Mir ging es als Kind nicht ganz so übel, aber es war Anlass genug, sich zu schämen, wenn Klassenkamerad:innen zu Besuch kamen und die beengten Verhältnisse sahen, in denen wir lebten. Um den Rapper Disarstar zu zitieren: „Armut ist auch Armut dann, wenn andere noch ärmer sind“.
Vielleicht hat hier jemanden Gedanken dazu oder ähnlich Erfahrungen. Insbesondere dazu, sich im eigenen Freundeskreis irgendwie falsch zu fühlen (in der Arbeiterschicht, aus der ich familiär komme, fühle ich mich auch nicht mehr so zugehörig). Würde mich sehr freuen. Und danke, wenn du bis hierhin gelesen hast.