Zwischen Schrödingers Demütigung und verschissenen Toiletten – eine WG-Geschichte über Narzissmus und Naivität
Ich (M/24) möchte heute eine Geschichte erzählen. Zum einen, um sie selbst besser verarbeiten zu können, zum anderen aber auch, um vor Menschen wie meinem ehemaligen Mitbewohner zu warnen. Manchmal zeigen Menschen eine Fassade aus Zugewandtheit, Freundlichkeit und Chillness, die eines Tages an der Realität zerbröckelt.
Zur Vorgeschichte: Während meines VWL-Studiums ganz in der Nähe von Stuttgart wohnte ich in einem Studentenwohnheim, in dem aufgrund der schwierigen Zustände eine hohe Fluktuationsrate herrschte. C. (ebenfalls M/24) war mein vierter Mitbewohner, mit dem ich mir Bad und Küche teilte. Meine vorherigen Mitbewohner waren allesamt sympathische und verträgliche Zeitgenossen. Geprägt von diesen Erfahrungen begegnete ich auch C. mit Optimismus und freute mich, endlich einen Kommilitonen aus meinem Studiengang als Mitbewohner zu haben.
Leider erwies sich die Freude schon bald als trügerisch: Weder der vereinbarte Küchendienst noch die Sauberkeit des Bades (Toilettenspülung nicht genutzt, Grüntee auf den Toilettensitzen, Bart- und Intimhaare an jeder Stelle im Bad und noch viel ekligere Dinge), noch sonst irgendetwas in gemeinschaftlicher Nutzung hatten bei ihm auch nur die geringste Priorität. Einmal verdeutlichte er das in einer WhatsApp-Nachricht sogar selbst: „Du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass mir das alles ziemlich egal ist 😉.“ Auf Ansprache zweifelte er häufig meine Wahrnehmung an und gab mir dann Ratschläge, wie ich mich wieder auf die positiven Dinge fokussieren könne – Kritik oder Nachfragen endeten meist in kurzen Belehrungen oder Spott, während sein Leben kaum zum Vorbild taugte: Er verlor wegen Cannabis seinen Führerschein und belog die Behörde über seinen aktuellen Konsum, um ihn wieder zurückzuerhalten. In regelmäßigen Telefonaten mit seinem Vater schrie er diesen fast schon an (die Wände waren extrem dünn und ich bekam jedes Wort mit), wenn dieser nicht das tat, was sein Sohn wollte. Irgendwie passte das auch alles so gar nicht zu seinen regelmäßigen Yoga- und Meditationssitzungen und seiner selbst proklamierten „Achtsamkeit“. Mir gegenüber gab er dann irgendwann auch zu, er habe den ursprünglichen Respekt für mich verloren, da ich so eine seltsam „nervöse“ Art hätte – ohne dies zu präzisieren oder zu erläutern, weshalb das mit weniger Respekt einhergehen sollte. Aus irgendeinem Grund glaubte ich weiterhin fest an ein konstruktives Miteinander, und so kam es zu dem Vorfall, der mir das Wesen von Menschen mit starken narzisstischen Zügen auf eine sehr harte und klare Weise vor Augen führte. Meine Naivität im Umgang mit ihm hat es wohl auch nicht gerade besser gemacht – ganz im Gegenteil.
Der Vorfall: Als ich einmal eine eher kleinere Auseinandersetzung mit einem jüngeren Kommilitonen (B.) hatte, bat ich ausgerechnet den mit ihm befreundeten C. um Vermittlung in unserem Fall. B. fühlte sich nämlich von mir in einer für ihn schwierigen Lebenslage unter Druck gesetzt, was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste und später auch bereute. C. stimmte bereitwillig zu, und die Angelegenheit mit B. ließ sich tatsächlich auch schnell lösen. An dieser Stelle könnte die Geschichte vorbei sein, doch nur durch einen Zufall erfuhr ich, was C. wohl unter seiner eigentlichen Vermittlungsrolle verstand: Während er mir versprach, sich darum zu kümmern, fing er an, gegenüber B. auf WhatsApp massiv über mich abzulästern. Ich sei immer so ängstlich, ja geradezu psychisch labil. Und mehr noch: Statt die Situation zu beruhigen, riet er B. ungefragt aktiv zur Distanz von mir. Als Mitbewohner sei ich schließlich wirklich „weird“ und „verrückt“ gewesen („haha fr fr“). An dieser Stelle muss man betonen, dass wir im Alltag nur noch wenig miteinander zu tun hatten, selbst im Studium sahen wir uns kaum noch.
Was aber noch viel absurder erscheint: Mir gegenüber berichtete C. zum selben Zeitpunkt das exakte Gegenteil. B. sei einfach noch jung, lost und unreif, das Kiffen habe ihm wohl das Hirn vernebelt. Ich solle, so der Tenor, sein Verhalten nicht allzu ernst nehmen. In beiden gegensätzlichen Versionen inszenierte sich C. gegenüber dem jeweiligen Gesprächspartner als „cool“, überlegen, stark und reifer als der jeweils andere, der eben gerade nicht im (virtuellen) Raum war. Später fand ich heraus, dass C. auch in der Wohnheimküche regelmäßig private WhatsApp-Nachrichten (beispielsweise bezüglich lauter nächtlicher Geräusche aus seinem Zimmer) ohne mein Einverständnis zur Belustigung der Anwesenden vorlas. In beiden Fällen suchte ich nach Bekanntwerden des Sachverhalts das Gespräch mit C. und stellte ihn in einer sachlichen Atmosphäre zur Rede.
Lektion vorab: Menschen, die sich selbst als erleuchtet, überlegen und über den Dingen stehend wahrnehmen, hassen es, wenn man sie auf doch sehr irdisches soziales Fehlverhalten anspricht. C. reagierte demzufolge auch nicht mit nur einem kleinen Funken Einsicht, sondern über WhatsApp mit einer wilden Mischung aus Leugnung, Relativierung („das waren doch nur starke Übertreibungen“), Verspottung, Manipulation, waschechtem Gaslighting, Selbsterhöhung und plötzlichem Gesprächsabbruch. Auf meinen Einwand, dass ich natürlich nicht will, dass jemand so demütigend, verächtlich und respektlos hinter meinem Rücken über mich spricht, reagierte er beispielsweise mit: „Tja, das wirst du aber nicht verhindern können, so ist das Leben.“ Dazu lieferte er eine Logik, die wohl ganz subtil Schrödingers Katze entlehnt war: „Gedemütigt hast du dich ja selbst, die Demütigung hat nicht stattgefunden, bevor du die Chats gesehen hast.“ Danach folgten noch ausführliche Nachrichten, wie traurig er es fände, dass ich dieses Thema zu seinem Auszug aus dem Wohnheim so in den Mittelpunkt stellen würde und dass doch die gesamte Wohnheim-Zeit am Ende nur ein Fleck in seinem wahrlich „glorreichen Leben“ sei – was mir also einfalle, ihn damit zu behelligen? So ganz überzeugt von seiner eigenen Schrödinger-Logik bezüglich der Chatnachrichten war C. allerdings nicht, denn wie mir B. berichtete, hat C. ihm daraufhin schwere Vorwürfe wegen der angeblichen Weiterleitung von Chats gemacht. Als B. die Weitergabe von Chats an mich bestritt, erkannte C. seinen Irrtum und entschuldigte sich bei IHM für die respektlosen Nachrichten über MICH.
Mir gegenüber hat sich C. nie entschuldigt. Stattdessen folgte bereits eine Woche später, ohne jegliche Klärung des Sachverhaltes, eine absolut kontextlose Flut an Fotos, Selfie-Videos, Audio- und Textnachrichten aus Indien, in denen er von seinem „persönlichen spirituellen Wachstum“ durch seine Ausbildung zum Yoga-Lehrer sprach. Er gab mir wieder einmal ungefragt Tipps, wie ich doch mein emotionales Verhalten endlich verbessern und im Studium und Beruf mehr Erfolg haben könnte – er sorge sich ja schließlich um mich. Ja, in seiner Welt wirkt dieses Verhalten völlig konsistent und widerspruchsfrei. Ich dagegen habe keine Ahnung, warum ich ihn an dieser Stelle nicht einfach blockiert habe und stattdessen (wenn auch auf sehr oberflächlicher Ebene) weiter mit ihm schrieb. Mir kam dieses Verhalten so absurd, so krank vor, dass ich es überhaupt nicht mehr einordnen konnte. Dass genau das Absicht war, wurde mir erst viel später klar, und zwar in dem Moment, als ich C. auf die in der Küche vorgelesenen privaten WhatsApp-Nachrichten ansprach. Nach erneuter Täter-Opfer-Umkehr („Du willst mir jetzt nur Schuldgefühle machen“) gab er offen zu, dass er mich zum damaligen Zeitpunkt wohl „unterbewusst“ manipulieren wollte. Für jemanden wie ihn ist das wohl ein gewaltiges Eingeständnis, welches er dann aber sofort wieder relativierte: Er hoffe nun, dass ICH aus SEINEM Fehlverhalten gelernt habe. Wir Menschen hätten eben eine „fragmentale Identität“ und ein „variables Bewusstsein“, da komme so ein Verhalten eben vor – so ein Pech aber auch. Mittlerweile haben wir kaum noch Kontakt – vielleicht hat er nun andere Menschen gefunden, die ihm die Aufmerksamkeit und Anerkennung geben, welche er so dringend zu brauchen scheint.
Persönliche Einordnung: Es gibt keine legitimen Gründe für so ein Verhalten. Spiritualität scheint in seinem Fall vor allem ein Werkzeug zu sein, mit dem er sein eigenes Verhalten und Auftreten anderen gegenüber rechtfertigt. Es ändert auch absolut nichts daran, dass nur er für sein Verhalten verantwortlich ist und es seine Aufgabe ist, „persönliches Wachstum“ nicht nur wie eine Auszeichnung vor sich herzutragen, sondern auch dann ernst zu nehmen, wenn es unangenehm und bisweilen auch schmerzhaft wird.
tl;dr: C. war ein Horror-Mitbewohner der ganz perfiden Art: Mit gezielten Verleumdungen, echtem Gaslighting, dem systematischen Gegeneinanderausspielen anderer und ständigen Überlegenheitsgesten versuchte er, die Kontrolle über von ihm als unterlegen wahrgenommene Mitmenschen zu gewinnen. Dass er sich dabei manchmal selbst ins Abseits manövrierte, wollte er weder akzeptieren noch wahrnehmen. Stattdessen steigerte sich sein grandioses Selbstbild weiter ins Unermessliche.