u/Birkenrinde1867

Opium des Volkes

Religion als Opium des Volkes

Fast jeder kennt irgendwie von Marx das Zitat vom "Opium", das die Religion sei. Es begegnet manchem Schüler im Ethikunterricht, manchem in der Popkultur (z.B. Die Toten Hosen) oder im Feuilleton der Zeitung.

Leider wird das Zitat aus der Frühschrift "Zur Kritik der Hegelschen Rechts-Philosophie" (1844) meines Erachtens nicht gut verstanden und auch missverstanden - ja teilweise in eine Ablehnung von Religionskritik verdreht.

Deshalb gehe ich hier die Textstelle mal Stück für Stück durch:

"Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik."

Marx meint also, dass die Religionskritik die Voraussetzung aller Kritik ist!

Die Religionskritik ist nötig für eine irreligiöse Kritik.

Das hielt er damals für Deutschland im Wesentlichen für erledigt.

"Die profane Existenz des Irrtums ist kompromittiert, nachdem seine himmlische oratio pro aris et focis widerlegt ist. Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Widerschein seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine Wirklichkeit sucht und suchen muß."

Also, wenn nun erkannt sei, dass Gott nur ein idealisiertes Spiegelbild des Menschen ist (wie es Ludwig Feuerbach formulierte), dann ist der Blick auf sich selbst frei geworden und der Mensch könne sich (seine Existenz, sein Leben) begreifen, wie er wirklich ist - und eben nicht mehr als "nur ein Mensch", als Sünder, usw.

Und dann geht Marx über zur Religionskritik, die die irreligiöse Kritik ermöglicht:

"Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen."

Also ich verstehe das so, dass erstens die Menschen sich die Religion ausdenken und sie praktizieren.

Zweitens macht die Religion nicht den Menschen, was sich meines Erachtens einerseits gegen die religiösen Anthropologien und andererseits gegen die Schöpfungsidee richtet.

Feuerbach schreibt sinngemäß: "Gott hat nicht den Menschen nach seinem Bild geschaffen, sondern der Mensch hat sich Gott nach seinem Bild geschaffen."

Das ist also die Grundlage irreligiöser Kritik.

"Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat."

Die Religion ist ein verkehrtes Bewusstsein des Menschen von sich! Und an diesem Bewusstsein zeige sich schon ganz abstrakt, dass der Mensch irgendwie ein Knecht sein muss, wenn er so ein Bewusstsein hat.

In diese Kerbe schlug er meines Erachtens schon zuvor in der Rheinischen Zeitung:

„Weil ferner die wirkliche Stellung dieser Herren im modernen Staate keineswegs dem Begriff entspricht, den sie von ihrer Stellung haben, weil sie in einer Welt leben, die jenseits der wirklichen liegt, weil also die Einbildungskraft ihr Herz und ihr Kopf ist, so greifen sie, in der Praxis unbefriedigt, notwendig zur Theorie, aber zur Theorie des Jenseits, zur Religion."

Aber zurück zum Zitat:

Marx richtet nun - wie in dem Zitat aus der Rheinischen Zeitung schon begonnen - den Blick weg von "dem Menschen schlechthin" zum Menschen als "Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse" und damit unterscheidet er sich von Ludwig Feuerbach und anderen:

"Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät.

Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind."

Es sind also Staat und Gesellschaft, die dieses verkehrte Weltbewusstsein namens Religion hervorbringen, weil sie eben selbst verkehrt sind.

Das ist natürlich sehr abstrakt, aber Marx behauptet hier, dass Religion ein Produkt von Herrschaft und Ausbeutung ist und dass Religion ein verdrehtes, verkehrtes, falsches Bewusstsein von jener Herrschaft und Ausbeutung ist.

"Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d'honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund."

Man hat es also nicht nur mit irgendeiner falschen Idee, sondern mit einer ganzen Weltanschauung zu tun! Die Welt wird religiös erklärt, gedeutet, verstanden - und damit gerechtfertigt.

Religion ist ihr allgemeiner (!) Trost- und Rechtfertigungsgrund, also nicht ein Trost für dies und eine Rechtfertigung für jenes, sondern allgemein die Begründung, um sich zu trösten und alles zu rechtfertigen, was man tut, oder, was einem angetan wird.

Man hat es also mit dem zu tun, was Marx als Ideologie bezeichnet - also ganze Lehren, die auf verkehrtem, falschen Bewusstsein beruhen, die dementsprechend Herrschaft und Ausbeutung rechtfertigen und rechtfertigen sollen -, aber als ganze Weltanschauung und als ganzes Weltbild.

"Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt."

Das sind so Sätze... . Meines Erachtens ist Marx hier eben sehr bei Feuerbach und der frühbürgerlichen Philosophie. Literarisch schön ausgedrückt, aber was soll denn die Verwirklichung des menschlichen Wesens sein? Bei Feuerbach gibt's das auch und es hat ziemlich idealistische bzw. humanistische Züge. Marx meint halt den Kommunismus, wo dann der Mensch endlich echt Mensch sein könne und kein verkehrtes Selbstbewusstsein mehr hat.

Meines Erachtens denkt Marx hier an die "Selbstentfremdung" des Menschen, die er ja auch paar Absätze später aufgreift.

In späteren Werken scheint er davon abgekommen zu sein.

Aber zurück zum Zitat:

"Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist."

Also, weil die Religion ein verkehrtes Weltbewusstsein ist, ist der Kampf gegen dieses verkehrte Bewusstsein indirekt der Kampf gegen die verkehrte Welt, die so ein verkehrtes Bewusstsein nötig hat!

Diese Stelle wird häufig so verzerrt, dass Marx hier der Religionskritik eine Absage erteile.

Da bekommt man zu hören, dass man laut Marx das religiöse Bewusstsein nicht bekämpfen soll, das bräuchten die Leute doch, sondern man soll statt (!) die Religion zu bekämpfen, die herrschenden Verhältnisse bekämpfen.

Marx schreibt das aber nicht!

Nein, der Kampf gegen die Religion ist (!) "also mittelbar" der Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse, schreibt Marx!

"Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend."

Erste Auskunft: Die Religion ist ein Elend!

Zweite Auskunft: Sie ist Ausdruck des Elends in der Welt.

Dritte Auskunft: Sie ist zugleich Protest gegen das Elend der Welt.

Aus der dritten Auskunft spinnen sich manche nun wieder ein Lob der Religion - und werfen damit einfach alles Vorherige übern Haufen... .

Dabei ergibt sich doch aus dem Text davor, dass die Religion natürlich ein negatives Gesamturteil über das "irdischen Jammertal" zum Ausgangspunkt haben muss, sonst bräuchte es ja weder Trost- noch Rechtfertigungsgrund.

(Ein negatives Gesamturteil übrigens, das überhaupt nicht wissen will, was warum schlecht ist, ob man da an Gesellschaft oder Natur leidet, - wo Armut, Krieg, Krankheit und Tod und allesmögliche subsumiert sind unter ein negatives Gesamturteil, dass man es bei der Welt mit einem "Jammertal" zutun hätte... .)

Das kommt in den nächsten Zeilen nochmal:

"Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist."

Darauf folgt der berühmte Satz:

"Sie ist das Opium des Volkes."

Diese Metapher sagt doch aus, dass sich die Leute betäuben und vernebeln mit der Religion.

Merke: Nicht "Opium für's Volk", was mehr nach "betäubt werden" klingt.

Angeblich soll diese Variante von Lenin stammen. Aber der schreibt in "Sozialismus und Religion" (1905): "Die Religion ist das Opium des Volks. Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen.“

Aber zurück zu Marx:

"Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks."

Das Wort "Aufhebung" bedeutet Beseitigung oder Abschaffung. Also: Die Abschaffung der Religion ( = Illusion des Glücks) sei die Forderung des wirklichen Glücks. Beides sei identisch.

"Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf."

Auch hier wird gerne zu unrecht ein "statt" hineingelesen, das da nicht steht. Da steht "ist"!

Marx verwirft hier nicht die Forderung, die Illusionen über die Lebensverhältnisse aufzugeben und fordert stattdessen diese Lebensverhältnisse aufzugeben.

Nein, er sagt, die Forderung die Illusionen aufzugeben ist (!) die Forderung den Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.

Der Kapitalismus braucht so ein verkehrtes Bewusstsein, und deshalb ist die Kritik dieses verkehrten Bewusstseins die Kritik des Kapitalismus.

"Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist."

Religionskritik ist (im Keim) Kapitalismuskritik!

Und damit kommen wir zum Springpunkt:

"Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume [pflücke]."

Die Kritik der Religion habe den Leuten nicht den Trost, die Rechtfertigung usw. genommen, damit die Leute sich ohne solche Einbildungen dann Herrschaft und Ausbeutung gefallen lassen, sondern damit sie sich das nicht mehr gefallen lassen, sich davon befreien und sich ein gutes Leben erkämpfen.

"Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, (...).

Marx sagt also:

Die Leute mussten enttäuscht und ent-täuscht werden, weil sie sich mit Täuschungen im Kapitalismus eingerichtet hatten.

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Hier ein paar Überlegungen zu dieser Textstelle von Marx:

Marx meint, dass die Religionskritik im Wesentlichen erledigt sei - zumindest im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts.

Das könnte man so lesen, dass alles Nötige dazu gesagt wurde.

Aber uns scheint Marx damals tatsächlich davon ausgegangen zu sein, dass sich die Religion "im Wesentlichen" erledigt hätte.

Einige Jahre später schrieb er im Kommunistischen Manifest:

"Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.

Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.

Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.

(...)

Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen."

Marx scheint also tatsächlich geglaubt zu haben, dass die Gretchenfrage erledigt gewesen sei.

Später und auch seinem Hauptwerk kennt Marx allerdings keinen entschleierten, "unverstellten" oder "nüchternen" Blick mehr auf Ausbeutung und Herrschaft.

"Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt."

Davon ist im "Kapital" nichts mehr zu lesen. Im Gegenteil: Ideologie, falsches Bewusstsein, Mystifikationen, ... .

Und die Religion ist heute immer noch Thema und längst nicht erledigt, auch wenn die Ideologien Nationalismus und Psychologie sie weltanschaulich in vielem abgelöst haben.

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u/Birkenrinde1867 — 21 hours ago