Zucker sollte verboten werden
Ich finde, zugesetzter industrieller Zucker sollte massiv reguliert werden und langfristig stellt sich für mich sogar die Frage, ob wir ihn ganz verbieten sollten.
Der Grund dafür ist nicht einfach nur weil Zucker ungesund ist. Das eigentliche Problem ist aus meiner Sicht ein viel grundlegenderes:
Wir behandeln Zucker gesellschaftlich wie ein normales Konsumgut, obwohl unser gesamtes Ernährungssystem darauf ausgelegt ist, Menschen bereits früh an ihn zu gewöhnen und diese Gewöhnung anschließend ein Leben lang wirtschaftlich auszunutzen.
Deshalb halte ich das klassische Argument der „Eigenverantwortung“ in diesem Bereich für nur bedingt überzeugend.
Denn wie frei ist eine Entscheidung wirklich, wenn die Vorlieben und Konsummuster bereits seit frühester Kindheit gezielt geprägt werden?
Wir würden niemals akzeptieren, einem Kind von Geburt an täglich Nikotin zu geben und dann mit 18 zu sagen:
„Jetzt entscheide halt eigenverantwortlich, ob du rauchen möchtest.“
Bei Zucker passiert gesellschaftlich etwas sehr Ähnliches, nur subtiler und sozial vollkommen normalisiert.
Kinder wachsen mit extrem süßen Lebensmitteln auf, weil die Industrie genau weiß, dass frühe Gewöhnung funktioniert. Deshalb sind Produkte für Kinder bunt gestaltet, emotional aufgeladen und maximal süß formuliert. Frühstückscerealien sehen aus wie Spielzeug. Joghurts schmecken wie Nachspeisen. Süßigkeiten werden mit Figuren, Farben und Werbung emotional mit positiven Kindheitserlebnissen verknüpft.
Das Ziel dahinter ist es, möglichst früh Konsummuster zu schaffen, die später automatisch fortgeführt werden.
Und genau hier beginnt für mich das Problem mit dem Begriff „freie Entscheidung“.
Denn wenn jemand seit seiner Kindheit an extrem süße Geschmacksprofile gewöhnt wurde, trifft er als Erwachsener keine neutrale Entscheidung mehr. Er entscheidet innerhalb eines bereits konditionierten Systems.
Hinzu kommt, dass zugesetzter Zucker heute längst nicht mehr nur in offensichtlichen Süßigkeiten steckt. Er befindet sich in einer enormen Anzahl alltäglicher Produkte:
Softdrinks, Joghurts, Müslis, Backwaren, Fertiggerichte, Soßen, Proteinprodukte oder vermeintlich „gesunde“ Snacks.
Dadurch entsteht eine Situation, in der viele Menschen dauerhaft deutlich mehr Zucker konsumieren, als gesundheitlich sinnvoll wäre. Sogar oft ohne überhaupt ein extremes Ernährungsverhalten zu haben.
Das gesellschaftliche Ergebnis sehen wir längst:
steigende Raten von Adipositas, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber und metabolischen Erkrankungen. Inzwischen betrifft es teilweise schon Kinder und Jugendliche.
Die Folgen tragen eben nicht nur die einzelnen Konsumenten, sondern wir alle zahlen dafür:
über Krankenkassenbeiträge, Behandlungskosten, Produktivitätsverluste und ein Gesundheitssystem, das immer stärker durch ernährungsbedingte Erkrankungen belastet wird.
Deshalb finde ich das Freiheitsargument auch nur sehr begrenzt überzeugend.
Denn die individuelle Freiheit endet für mich dort, wo ein wirtschaftliches System gezielt gesundheitsschädliche Konsummuster erzeugt und die gesellschaftlichen Kosten anschließend auf die Allgemeinheit verteilt werden.
Natürlich braucht der menschliche Körper Energie.
Aber niemand benötigt dafür industriell zugesetzten Zucker in den Mengen, die heute normal geworden sind. Kohlenhydrate aus normalen Lebensmitteln reichen dafür vollkommen aus.
Und genau deshalb frage ich mich:
Warum akzeptieren wir bei Zucker Dinge, die wir bei anderen gesundheitsschädlichen Produkten niemals akzeptieren würden?