Ein Ideal zu haben, ist nicht dasselbe wie ein Idealist zu sein. Diese Unterscheidung ist zwar subtil, trifft aber den Kern einer hartnäckigen Verwirrung in politischen und moralischen Debatten. Ideale dienen der Orientierung: Sie sind Visionen eines moralisch besseren Zustands, die Handeln und Urteilsvermögen leiten. Der Idealismus hingegen ist ein methodischer Fehler: Er ist die Tendenz, Strategien und Zwischenziele ausschließlich nach ihrer unmittelbaren Übereinstimmung mit diesen Idealen zu bewerten, anstatt nach ihrer Fähigkeit, diese unter tatsächlich vorherrschenden Bedingungen zu verwirklichen.
Ein Idealist verwechselt so gesehen Nähe mit Fortschritt. Das Ideal eines anderen kann dem eigenen Ideal widersprechen und dennoch auf einen Zustand hindeuten, der dafür förderlicher ist als der Status quo – nicht nur für dessen unbewusste Verwirklichung, sondern auch für dessen bewusste Annahme. Einen solchen Schritt rundweg abzulehnen, nur weil er die endgültige Vision nicht widerspiegelt, bedeutet, sich dem Idealismus hinzugeben. In der Praxis behindert dies die Verwirklichung der eigenen Ziele eher, als dass es sie beschleunigt.
Fallstudie: Die Ideale von Marx
Die Unterscheidung zwischen Idealen und Idealismus wird anhand von Marx’ Behandlung von Sozialismus und Kommunismus in seiner Kritik des Gothaer Programms deutlich. Marx betrachtet die kommunistische Maxime – „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ – eindeutig als überlegen gegenüber der sozialistischen Maxime – „Jedem nach seiner Leistung“. Dennoch fordert er nicht die sofortige Umsetzung der ersteren und verurteilt Forderungen nach der letzteren nicht als reaktionär. Stattdessen ordnet er beide in einen Entwicklungsrahmen ein, der auf materiellen und sozialen Bedingungen basiert.
Marx lehnt bestimmte Formulierungen des Programms strikt ab, insbesondere die Behauptung, die Arbeiter hätten Anspruch auf den „unverkürzten Arbeitsertrag“. Wie er erklärt, bricht eine solche Formulierung unter den Bedingungen jeder komplexen gesellschaftlichen Reproduktion zusammen, da Abzüge für Gemeinschaftsfonds – Verwaltung, Infrastruktur, Bildung, Fürsorge – vor der individuellen Verteilung unumgänglich sind. Dieser Slogan ist jedoch am besten als schlecht ausgedrückte Forderung nach einem Verteilungsprinzip zu verstehen, bei dem das Individuum nach den notwendigen gesellschaftlichen Abzügen einen Anteil erhält, der seiner Leistung entspricht. Marx akzeptiert dieses Prinzip als angemessen für die erste Phase der kommunistischen Gesellschaft (d. h. den Sozialismus), charakterisiert es aber explizit als begrenzt:
> Aber diese Mißstände sind unvermeidbar in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft...
Von einem strikt amoralischen Standpunkt aus ist der Begriff eines „unvermeidbaren Missstands“ inkohärent. Wenn der „Missstand“ selbst unvermeidlich ist, dann ist das Durchschreiten – statt das Vermeiden – notwendigerweise das materiell „fortschrittlichste“ bzw. akzelerationistischste Vorgehen. Der Begriff eines „unvermeidbaren Missstands“ gewinnt erst im Verhältnis zu einem externen Ideal an Kohärenz. Die Kritik des Gothaer Programms steht somit in einem subtilen Kontrast zur strikt amoralischen Formulierung, die Marx und Engels in Die deutsche Ideologie verwenden:
> Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.
Die Wahrheit ist, dass der Kommunismus für Marx tatsächlich ein Ideal im materialistischen, orientierenden Sinne ist, insofern er Abweichungen davon als „Missstände“ begreifbar macht, aber nicht im idealistischen, methodischen Sinne, der die Realität ohne Rücksicht auf reale Grenzen an dieses Ideal anpassen will. Letzteres würde sich eben in einer praktischen Ablehnung der sozialistischen Maxime äußern.
Kommunismus & Vertrauen
Warum sind die Missstände des Sozialismus unvermeidlich? Marx behauptet, dass der Kommunismus ein gewisses Maß an Produktivität erfordert, d. h. eine bestimmte Entwicklung der Produktivkräfte. Aber diese sogenannte Anforderung hat eine Kehrseite, denn letztlich handelt es sich um eine Frage des Vertrauens. Kommunistische Beziehungen – in denen der individuelle Konsum vom individuellen Beitrag entkoppelt ist – erfordern, dass die Individuen einander vertrauen, ohne Zwang oder direkte Entschädigung genug beizutragen, um einander am Leben zu halten. Steigende Produktivität ist lediglich ein Faktor, der diese Vertrauensanforderung im Laufe der Zeit verringert.
Schon jetzt, im Kapitalismus, hindert uns nichts strikt daran, „kommunistische“ Beziehungen einzugehen, d. h. den individuellen Konsum vom individuellen Beitrag zu entkoppeln: Grundsätzlich könnten wir unsere Einkommen mit unseresgleichen zusammenlegen und sie nach Bedarf verteilen. Im Allgemeinen sehen wir davon ab; nicht wegen irgendeiner formalen Barriere, sondern weil uns das erforderliche Vertrauen fehlt, dass andere genug beitragen, um unser eigenes Überleben zu sichern. Dies ist das Trittbrettfahrer-Problem in Aktion.
Eingangs wird der Sozialismus qualitativ vor demselben Problem stehen. Die Unterschiede zum Kapitalismus sind einerseits kosmetisch und andererseits quantitativ. Erstens wird die Beziehung zwischen Arbeit und Konsum nicht mehr durch Geld verschleiert, sondern durch Arbeitszeitrechnung explizit gemacht. Zweitens erhalten die Individuen in Abwesenheit von Ausbeutung einen größeren Anteil ihres Beitrags als im Kapitalismus. Aber keine der beiden Änderungen beseitigt das zugrunde liegende Risiko des Trittbrettfahrens. Eine Präferenz für die kommunistische Beziehungsweise ist dann ebenso wenig selbstverständlich wie heute. Aber indem die Produktion nach Bedarf geplant und die Güter nach dem Arbeitsbeitrag verteilt werden, überwindet der Sozialismus die „Anarchie des Marktes“ und schafft gleichzeitig einen Rahmen, in dem Kooperation vernünftig und transparent ist^[1].
Dadurch legt der Sozialismus das Fundament für den Kommunismus – nicht als aufgezwungenes System, sondern als ein emergentes. Im Sozialismus (wie im Kapitalismus) können sich Individuen da, wo das Vertrauen ausreichend hoch ist, frei zu kommunistischen Assoziationen zusammenschließen. Indem sich soziale Normen verschieben und kooperative Praktiken zur Gewohnheit werden, können solche Assoziationen organisch wachsen und verschmelzen. Die Alltagserfahrung demokratischer Zusammenarbeit im Sozialismus spielt hier eine entscheidende Rolle. Indem der Sozialismus das Individuum in kollektive Entscheidungsprozesse einbezieht, fördert er genau jene Tugenden, die der Kommunismus erfordert und der Kapitalismus systematisch untergräbt. Vertrauen ist keine magisch vorausgesetzte Bedingung, sondern ein soziales Produkt, das im Laufe der Zeit kultiviert wird.
Zeitgenössische „kommunistische“ Kritiken der Meritokratie und Chancengleichheit tappen in dieselbe Falle wie idealistische Kritiken des Sozialismus. Indem solche Kritiker sich dazu entscheiden, diese Begriffe strikt kapitalistisch zu interpretieren, kommen sie zu dem Schluss, diese seien antisozialistisch, während sie in Wirklichkeit auf den Sozialismus hindeuten und aktuell der organische Ausdruck des Eigeninteresses der arbeitenden Klassen sind. Was ist der Inbegriff der Meritokratie, wenn nicht der Sozialismus – „Jedem nach seiner Leistung“?
> Das Recht der Produzenten ist ihren Arbeitslieferungen proportionell; die Gleichheit besteht darin, daß an gleichem Maßstab, der Arbeit, gemessen wird. Der eine ist aber physisch oder geistig dem andern überlegen, liefert also in derselben Zeit mehr Arbeit oder kann während mehr Zeit arbeiten; und die Arbeit, um als Maß zu dienen, muß der Ausdehnung oder der Intensität nach bestimmt werden, sonst hörte sie auf, Maßstab zu sein. Dies gleiche Recht ist ungleiches Recht für ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, weil jeder nur Arbeiter ist wie der andre; aber es erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter als natürliche Privilegien an.
– Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms
Fazit
Schließen wir mit einem Hinweis auf die selbstzerstörerische Logik des Idealismus: Jedes artikulierte Ideal und jede daraus resultierende praktische Vorschrift kann vom Standpunkt eines anspruchsvolleren oder umfassenderen Ideals aus als mangelhaft und damit reaktionär umgedeutet werden. Der Idealismus hat daher eine innere Tendenz zur unendlichen Eskalation von Ansprüchen und folglich zur politischen Lähmung.
Ideale ohne Idealismus hingegen bieten eine andere Orientierung. Sie erlauben uns, an unseren Endzielen festzuhalten, während wir uns gleichzeitig der Zwänge und Möglichkeiten der Gegenwart bewusst bleiben. Sie verlangen von uns, Vorschläge nicht nach ihrer Ähnlichkeit mit dem Endzustand zu bewerten, sondern nach ihrer Fähigkeit, uns auf diesen zuzubewegen. Es geht darum zu erkennen, dass der Weg zu einer besseren Welt über Formen führen kann, die an sich unvollkommen, aber notwendig sind. Diese Formen im Namen der Reinheit abzulehnen, bedeutet, dort zu bleiben, wo man ist.
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- Siehe Amazon-Sozialismus, Arbeitszeitrechnung und Partizipative Ökonomie unter demokratische-planung.de/info/modelle